Intime Klasse Da singt doch glatt die Hummel

Wer jetzt mit dem Duo Gazzana und dem Doppel Lise de la Salle mit Christian-Pierre La Marca musikalisch reist, bekommt eine Menge geboten. Und dazu noch eine echte Premiere.

Julien Mignot

Von


Musizieren zu zweit, das verlangt tiefes Verstehen. Wie das auf unterschiedliche Art funktionieren kann, zeigen das abenteuerlustige Geschwisterduo Gazzana und die Paarung Lise de la Salle am Piano mit dem Cellisten Christian-Pierre La Marca. Beide Alben bieten vielfarbige Trips durch die Kammermusik Europas: Stets auf das Unerwartete bedacht, sei es in der Interpretation oder der Repertoirewahl. Zum Finale der launigen Piano/Cello-CD summt gar die Hummel ihren eigenen Flug.

Lise de la Salle, international erfolgreiche französische Klaviersolistin, "kann" auch Kammermusik - und koste es auch das helle Virtuosen-Scheinwerferlicht. Im Zusammenspiel mit dem jungen französischen Cello-Newcomer Christian-Pierre La Marca gelingt es Lise de la Salle auf ihrem griffig betitelten Gemeinschaftswerk "Paris-Moscow" (Sony Classical), elaborierte Technik und Sensibilität mit den sanglichen und expressiven Linien ihres Duopartners zu einer Einheit zu verbinden.

Und es fliegt der Schmetterling

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Gabriel Faurés (1845-1924) melodienselige Miniaturen "Sicilienne" und die schwärmerische "Berceuse" sind Aufgalopp zum verspielten "Papillion", bei dem man tatsächlich den Schmetterling meint flattern zu hören. Ein wenig dick vom Komponisten aufgetragen, aber wenn man so wendig und differenziert wie La Marca zu Werke geht und diesen bunten Falter ernst nimmt, gelingt der Zauber. Passgenau liefert auch hier Lise de la Salle den Teppich, auf dem ihr Partner abheben kann. Insgesamt entzückend, wenn auch etwas zuckrig. Fast schulmäßig elegant dagegen die Sonate op. 19 von Sergej Rachmaninow, bei der aber dennoch überraschende Strahlen zwischen den musikalischen Seufzern aufblitzen.

Überhaupt scheint das Duo La Salle/La Marca ein Faible für witzige Klangmalerei zu haben, denn als Knalleffekt am Schluss der CD hat sich Christian-Pierre La Marca eine Bearbeitung des bekannten "Hummelfluges" von Nikolai Rimsky-Korsakow einfallen lassen, in der die Hummel mit der Stimme Camille Bertault fliegt, während La Marca auf dem Cello den aberwitzigen Part der wirbelnden Originalnoten übernimmt: ein lustige, wagemutige Spielerei, sie wäre wohl auch ohne Hummel-Stimme eine fabelhafte Konzertzugabe.

Zarte Avantgarde

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Etwas strenger, aber nicht weniger entdeckungsfreudig treten die Schwestern Natascia (Violine) und Raffaella Gazzana (Klavier) auf ihrer neuen CD (ECM) ihre Europareise mit Schwerpunkt Frankreich an, und sie haben mit dem Duo von György Ligeti (1923-2006) auch eine veritable Erstaufnahme im Gepäck. Ligeti klingt noch beinahe verhalten romantisch, seine späteren experimentellen Pfade lassen sich hier eher zart erahnen.

Kernstück der CD ist die kraftvolle und vielfarbige A-Dur-Sonate vom französischen Komponisten César Franck, die den Gazzanas vielseitiges Material bietet, Musikalität und Technik, aber auch penible Präzision im Zusammenspiel. Francks spätromantische Eruptionen mixen Brahms melancholische Leidenschaft mit Elementen von Richard Wagners Pathos, konzentriert von Franck (1822-1890), der als musikalischer Spätentwickler und findiger Organist jede Meng Erfahrung auch in der kleinen Form bündeln konnte.

Feine Verbindungen von fernen Einflüssen

Dazu passen danach die Variationen von Olivier Messiaen (1908-1992), die sich nicht nur zeitlich anschließen, sondern auch Klang und Harmonik von Francks Kosmos erweitern. Der Mann aus Avignon bezog seine Inspiration auch aus außermusikalischen Quellen wie dem Gesang der Vögel, der Zahlenmystik und Kulturquellen wie indischer Rhythmik und der Gregorianik. Dass seine Musik dennoch so anziehend schlüssig und reich klingt, gehört zu den wunderbarsten künstlerischen Erfahrungen in der Tonkunst des letzten Jahrhunderts.

Diese feinen Verbindungslinien zwischen scheinbar einander fernen Künstlern wie Ligeti, Ravel und Messiaen erfahrbar zu machen, gelingt den Schwestern Gazzana aus Sora bei Rom sehr überzeugend. In Zeiten großer Konkurrenz gerade auf dem Kammer-Terrain gehört konzeptionelles Denken zur künstlerischen Arbeit - umso schöner, wenn dabei so hochkarätige Ergebnisse herauskommen.



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