Violinen Bartók würde sich wundern

Gegen die Konventionen und voller Gegensätze: Die Violinistinnen Franziska Pietsch und Vilde Frang widmen sich virtuos der Musik von Béla Bartók.

Marco Borggreve

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Der Wind weht rau! Franziska Pietsch behandelt die Solosonate Sz 117 von Béla Bartók (1881-1945) ganz unfolkloristisch karg und klar, wie es sich der ungarische Musik-Innovator wohl vorgestellt hat. Volksmusik als Inspiration, aber nicht als Abbildung: Den stilistischen Bogen seines Werks spannte der akribische Volksliedsammler Bartók sehr weit. Genau dieser Spannung nachzuspüren, ist hier die Aufgabe des Interpreten. Die Violinistin nimmt sich die Sonate Sz 117 mit beinahe schroffem Ton vor, was sicherlich nicht jedem Bartók-Freund gefallen mag, aber allemal für klare Verhältnisse sorgt.

Als es Béla Bartók im amerikanischen Exil nicht sehr glücklich erging, er weitgehend ignoriert und seine Kunst missverstanden wurde, hielten Künstlerfreunde zu ihm. So "bestellte" Yehudi Menuhin für sich ein Virtuosenstück - und bekam die herausfordernde, vielschichtige Sonate.

Barocke Formen

So spitz und kraftvoll Franziska Pietsch den ersten Satz ("Tempo di ciaccona", eine Chaconne) interpretiert, so zart und behutsam ertastet sie den dritten ("Melodia"). Ein Spiel mit Gegensätzen und barocken Formen, die sich bis ins Final-Presto finden. Wer sich am zupackenden Ton nicht stört, bekommt puren Bartók.

Franziska Pietsch, 1969 in Halle geboren, spielt seit ihrem fünften Lebensjahr Violine, studierte bei Ulf Hoelscher in Karlsruhe und unter anderen bei Ruggiero Ricci an der New Yorker Juilliard School, gewann zahlreiche Preise und erarbeitete sich ein breites Repertoire von Beethoven bis Szymanowski. Ihre aktuelle CD zeugt auch von dieser stilistischen Treffsicherheit und manueller Brillanz.

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So auch beim belgischen Komponisten Eugène Ysaye (1858-1931), dessen manuelle wie musikalische Herausforderungen an die Solistin ganz andere Ansprüche stellen. Fließend, pointiert, mit langen Spannungsbögen muss seine komplexe Musik dargestellt werden. Wie in Ysayes Solo-Sonate op. 27/2, deren feine Gegensätze Franziska Pietsch mit zuverlässiger Technik, aber eben federleicht zum Sprechen bringt. Der Komponisten-Kollege Claude Debussy schätzte Ysayes Musik hoch, Virtuosen wie Jascha Heifetz spielten mit Hingabe seine Solostücke.

Ein frühes Meisterwerk

Ganz in den Dienst des Ensembles stellt sich die norwegische Violinistin Vilde Frang bei ihrer Interpretation des Streicher-Oktetts von George Enescu (1881-1955), der auf ganz andere Art die Volksmusik seiner Heimat Rumänien in seine Kompositionen einbezieht. Tiefe Harmonie und inniger Einklang, dazu Einflüsse der beginnenden Moderne des 20. Jahrhunderts mischt Enescu zu einem Individualstil, der ähnlich originell, aber völlig anders berührt als jener des gleichaltrigen Bartók. Das Oktett, schon 1900 geschrieben, gilt als frühes Meisterwerk des Geigers und Komponisten George Enescu und sprudelt nur so von Einfällen.

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Violinen virtuos: Pietsch und Frang vereinen Gegensätze

Allein der zweite Satz ("Très fougueux") oder der kecke, vielschichtige Walzer ("Mouvement de valse bien rythmée") packen den Hörer unmittelbar. Die dramaturgische Gestaltung, die Akzente durch die Celli (Nicolas Altstaedt, Jan-Erik Gustafsson) servieren Vilde Frang und ihre Solisten makellos und klar: Man versteht, was Enescus Zeitgenossen an diesen spritzig-melancholischen Kabinettstück entzückte.

Hingabe und frische Gestaltung

Die Brücke zu Enescus Zeitgenossen Bartók schlägt Vilde Frang aus dieser Stimmung heraus ebenso überzeugend. Gemeinsam mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter der Leitung des finnischen Dirigenten Mikko Franck betonen beide die noch spätromantischen Melodiebögen und emotionalen Höhenflüge, die Bartók in seinem Konzert mit 27 Jahren komponierte.

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Bartók selbst konnte das Werk nicht mehr auf der Konzertbühne erleben, es wurde erste 13 Jahre nach seinem Tod uraufgeführt. Ein ergreifendes Stück bis heute. Vielleicht hätte Bartók gestaunt, wieviel Hingabe und frische Gestaltung Vilde Frang in ihre Interpretation legen konnte: Nach all den maßgeblichen Versionen von Isaac Stern, Arthur Grumiaux oder Yehudi Menuhin bis hin zu modernen Lesarten von Christian Tetzlaff und Renaud Capucon fasziniert das Konzert noch immer durch seine zeitlose Kraft.



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