Klassik-Legende Stardirigent Carlos Kleiber gestorben

Sein Perfektionismus war ebenso legendär wie seine aristokratische Zurückhaltung gegenüber Publikum und Medien: Carlos Kleiber galt als einer der schwierigsten und zugleich größten Dirigenten der Welt. Vergangenen Dienstag ist der Virtuose im Alter von 74 Jahren gestorben.


Stardirigent Kleiber: "Meister der Verweigerung"
DPA

Stardirigent Kleiber: "Meister der Verweigerung"

München - Er dirigiere, als käme er "von einem anderen Planeten", soll Startenor Neil Shicoff einmal von Carlos Kleiber geschwärmt haben. Ein Lob, in dem die Facetten des Jahrhundertmusikers bereits anklingen: Perfektionismus, Eigensinn und absolute Hingabe machten Kleiber zu einem der wichtigsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts.

Kleiber, 1930 als Sohn des österreichischen Dirigenten Erich Kleiber in Berlin geboren, verbrachte seine Kindheit in Argentinien, wohin die Familie vor den Nazis geflogen war. Ein Musikerkarriere war für den späteren Maestro allerdings nicht vorgesehen: Auf Drängen des Vaters begann Kleiber zunächst ein Chemiestudium in der Schweiz, das er aber zu Gunsten der Musik abbrach.

Seine Dirigentenlaufbahn begann 1952 am Theater im argentinischen La Plata. In Europa war Kleiber erstmals 1953 im Münchner Gärtnerplatztheater zu hören, die damalige Musikkritik feierte ihn als "vulkanisches Element am Opernpult".

Die folgenden kurzen Engagements in Potsdam, Düsseldorf, Zürich und Stuttgart bildeten jedoch die Ausnahme seines Werdegangs. Der Musiker, der bald die großen Häuser von Wien über Bayreuth bis New York eroberte, kultivierte die Aura des Einzelgängers. Kompromisslos perfektionistisch erschien Kleiber oft nur dann am Dirigentenpult, wenn Proben und Künstler seine hohen Maßstäbe erfüllten. Wiederholt ließ er mit Spannung erwartete Aufführungen in letzter Minute "wegen Indisposition" platzen - Ausdruck eines radikalen Künstlertums, das den Ruhm des Maestros nur weiter mehrte.

So galt auch nahezu jeder Auftritt des rigorosen Orchesterleiters als Ereignis. Ob Kleiber 1989 beim Neujahrskonzert mit den Wiener Philharmonikern den Komponisten Johann Strauß revolutionierte oder 1994 in der Wiener Staatsoper einen verstaubten "Rosenkavalier" modernisierte - stets gerieten seine Arbeiten zum triumphalen Erfolg. Zu den Höhepunkten seiner Dirigententätigkeit gehören außerdem Interpretationen von Wagners "Tristan und Isolde", Verdis "Otello" und Bizets "Carmen".

So leidenschaftlich Kleiber als Musiker arbeitete, so scheu war er gegenüber den Medien. Interviews waren von dem Maestro, den Kollegen als "Weltmeister der Verweigerung" bezeichneten, nicht zu bekommen. Kleiber wurde unter anderem mit dem Goldenen Taktstock der Mailänder Scala und dem Deutschen Schallplattenpreis ausgezeichnet. Zuletzt lebte der Musiker in der Nähe von München. Er starb am Dienstag nach langer Krankheit und wurde am vergangenen Samstag in Konjsica im Osten Sloweniens begraben.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.