Brahms-Interpretationen Klassik als Abenteuerurlaub

Sie finden Brahms zu spröde? Matthias Kirschnereit und Vadim Gluzman arbeiten auf zwei neuen Platten lustvoll die abgründigen Zwischentöne des Meisters heraus - auch ihre musikalischen Partner brillieren.

Bastian Fischer

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"Wenn er den zweiten Satz mit leiser, schwermütiger Weihe nimmt, gibt es, was das Klavierspiel angeht, nichts Höheres." So der Musikkritiker Joachim Kaiser (1928-2017) über das Brahmsverständnis Artur Rubinsteins. So viel Lob kann nicht nur am legendären Klaviervirtuosen liegen. Die frühe f-Moll-Sonate von Johannes Brahms stellt enorme Anforderungen, nicht nur bezüglich manueller Technik. Sie erfordert vom Interpreten klare Disposition, Sinn für Kontraste, subtile Klanggestaltung und Erfindungsgeist, dazu ist komplexes Denken in orchestralen Dimensionen gefragt: der Pianist als Kapellmeister.

Brahms' sinfonisch gedachtes Opus fünf durchmisst Höhen und Tiefen emotionaler und epischer Weiten, die oft irritieren und in den rund 40 Minuten dieser Sonate den Pianisten mit einem Füllhorn an Herausforderungen konfrontieren. Der deutsche Virtuose Matthias Kirschnereit meisterte diesen Parcours auf seiner Doppel-CD "Frei Aber Einsam" (Berlin Classics/Edel) nicht nur risikofreudig, er deutet ihn entschieden und scharf akzentuiert. In die Tiefen des besagten zweiten Satzes stürzt er sich mit beglückendem Mut und dem erforderlichen Anschlagsrepertoire, das aus Gegensätzen logische Notwendigkeiten erstehen lässt.

Ein Füllhorn an Herausforderungen

Matthias Kirschnereit, 1962 in Dorsten geboren und in Namibia aufgewachsen, spielte Mozarts Klavierkonzerte komplett ein (mit den Bamberger Symphonikern), entdeckte und restaurierte Felix Mendelssohns e-Moll-Klavierkonzert, wofür er mit einem Echo Klassik ausgezeichnet wurde. Als künstlerischer Leiter betreut er überdies die Reihe der sommerlichen "Gezeitenkonzerte" in Ostfriesland. Ein Mann mit Über- und Weitblick: Gute Voraussetzungen für Interpretationen des widerborstigen Johannes Brahms, dessen Musik gern als spröde bezeichnet wird, deren Zwischentöne und Abgründe aber genauso oft fahle Herbstwinde wie herbe Küstenstürme spüren lassen.

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Fast ebenso interessant wie das frühe Großwerk gelang Kirschnereit das komplexe, kleine Scherzo aus einer gemeinsam mit Robert Schumann und Albert Dietrich für den Geiger Joseph Joachim komponierten Sonate (Beiname "F.a.e."/"Frei aber einsam"), die er 1853 gemeinsam mit Clara Schumann uraufführte. Erst 1906 wurden die Noten von Brahms' Scherzo gedruckt: Beruhigend, dass jemand das gute Stück festhielt, wenn man die Aufnahme von Matthias Kirschnereit und seiner fabelhaften Violinpartnerin Lena Neudauer hört. Die hatte sich auch schon 2014 mit Mozart profiliert, aber in diesem Kontext offenbart die Virtuosin auch eleganten Biss. Nicht alles, was Scherzo heißt, klingt fröhlich, bei Brahms und in c-Moll schon gar nicht. Wie Neudauer und Kirschnereit hier die musikalischen Klingen kreuzen, das ergreift unmittelbar.

Ein Scherzo voller Tücke

An dieser Stelle ein schneller Sprung zur zweiten CD des heutigen Gebindes: Der ukrainische Geiger Vadim Gluzman präsentiert auf seinem neuen Album - Pflichtprogramm zur aufstrebenden Karriere - das Violinkonzert von Brahms, aber ihn faszinierte auch dieses eigenwillige Scherzo, das er mit der selbstbewussten und hochklassigen lettischen Pianistin Angela Yoffe eingespielt hat. Auch hier herrscht absolute Gleichberechtigung zwischen den Duettierenden, sie dient der ursächlich der Interpretation der heiklen Miniatur.

Vadim Gluzman, dessen überlegene und dabei doch dezente Darstellung des D-Dur-Konzertes sich aller Effekte enthält und stets eher nach Julia Fischer denn nach Jascha Heifetz klingt, drängt sich auch beim Scherzo nie nach vorn. Er scheint seiner Klavierpartnerin Yoffe gern das Feld zu überlassen, das sie mit dezidiertem Anschlag entschlossen und feingliedrig bearbeitet. Auch bei der ersten Violinsonate op. 78 verstehen sich beide prächtig. Bereits mit seiner zuvor erschienenen Prokofjew-CD überzeugte Gluzman durch bestechenden Ton und fantasievolle Phrasierung. Mit dem Luzerner Symphonieorchester unter James Gaffigan meistert er auch orchestral seinen Brahms zum Verlieben.

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Vadim Gluzman:
Violin Concerto & Sonata No. 1

Komponist: Johannes Brahms

Luzerner Sinfonieorchestor; James Gaffigan; Angela Yoffe (Piano)

Bis (Klassik Center Kassel); Hybrid SACD; 18,99 Euro

"Anna Karenina" als Quintett

All diese vielfältig gebrochene Brahmsseligkeit präsentieren Matthias Kirschnereit und das Amaryllis Quartett auf der zweiten CD im Kammerformat. Das Klavierquintett f-Moll darf man durchaus als quasi-sinfonische Fortsetzung des frühen Sonaten-Aufschwungs verstehen. "Mir ist nach dem Werk, als habe ich eine große, tragische Geschichte gelesen", bekannte Clara Schumann. Diese enorme epische Kraft lässt über die gesamte Distanz des opulenten Stückes nie nach, denn das romantikerfahrene Amaryllis Quartett kann ebenso zupacken wie filigranste Verästelungen darstellen. Schon mit ihrer CD-Verquickung von Robert Schumann und György Kurtag bewiesen die Amaryllis-Musiker ihren Sinn für Spannung und Lust auf Herausforderungen von nicht einfach zugänglicher Musik.

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Frei aber einsam:
Matthias Kirschnereit

Komponist: Johannes Brahms

Berlin Classics (Edel); Doppel-CD; 16,99 Euro

Gemeinsam mit Matthias Kirschnereit lesen sie diese "Anna Karenina" der Kammermusik mit großer Verve und überraschendem Swing. Eine große, tragische Geschichte, ganz mitreißend erzählt: Kammermusik zum neuen Brahms-Verlieben. Francoise Sagans literarische Frage erweist einmal mehr als rein rhetorisch.



insgesamt 3 Beiträge
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Anthrophilus 13.08.2017
1. Etwas durcheinander, Ihre Tonspuren ...
Die erste Spur gibt das Angezeigte wenigstens noch wirklich her ... Klaviersonate Nr. 3 f-Moll, op. 5 (1853) - Allegro maestoso das ist allerdings der erste Satz der besprochenen Sonate, von der aber gleich zu Beginn des Artikels der zweite Satz besprochen wird! ... bei der zweiten Zeile wird nicht etwa der angezeigte vierte Satz der Klaviersonate gespielt ... Klaviersonate Nr. 3 f-Moll, op. 5 (1853) - Intermezzo. Andante molto sondern bereits das weiter unten angekündigte und gleichfalls dort erklingende "Scherzo in C minor for violin and piano ..." Werden Sie den "wahren" 4. Satz der Klaviersonate Nr. 3 f-Moll, op. 5 noch einfügen? Denn über ihn wird im Artikel explizit auch noch gesprochen ... Ansonsten: Es ist schön, mal wieder ein Musik-Thema bei Ihnen zu finden - auch wenn ich Brahms nie und nimmer "spröde" finden kann - er komponiert so, wie der Hamburger spricht - schnörkellos und keine Silbe zuviel, dabei alles deutlich beschreibend. Einfach, aber schön.
germ, 17.08.2017
2. Vergebens
Ich bemühe mich immer und immer wieder, aber ich kann klassische Musik nicht von der Zeit, in der sie enstanden ist, trennen. Wenn ich klassische Musik höre, sehe ich vor meinem geistigen Auge immer Männer in Kniestrümpfen und Perücken und nicht wertfreie Noten. Von daher klingt klassische Musik für mich immer nach Siebzehnhundertgruselig, also absolut altmodisch bis nichtssagend. So spielt man heute einfach nicht mehr, so völlig ohne „Reibungen“. Und das macht klassische Musik für mich so langweilig.
Lord Menial 17.08.2017
3. c-moll, Allegro maestoso
Zitat von germIch bemühe mich immer und immer wieder, aber ich kann klassische Musik nicht von der Zeit, in der sie enstanden ist, trennen. Wenn ich klassische Musik höre, sehe ich vor meinem geistigen Auge immer Männer in Kniestrümpfen und Perücken und nicht wertfreie Noten. Von daher klingt klassische Musik für mich immer nach Siebzehnhundertgruselig, also absolut altmodisch bis nichtssagend. So spielt man heute einfach nicht mehr, so völlig ohne „Reibungen“. Und das macht klassische Musik für mich so langweilig.
Dann empfehle ich die Musik von Tschaikowsky oder Wagner. Als die lebten, trug man schon 100 Jahre keine Perücken mehr. Na ja, wenn man ehrlich ist: schon Franz Schubert und L. Beethoven trugen keine mehr. Und klassische Musik hat keine "Reibungen"? (Hoffentlich stellen wir uns darunter etwas ähnliches vor.) Dieser Aussage sieht man die mangelnde Erfahrung mit den größten Werken der Musikgeschichte an. Ich empfehle die Anschaffung einer Anthologie (Box) in der Art "Meisterwerke der Klassik" o.ä. mit einem Querschnitt durch die Jahrhunderte. Da kann man tolle Sachen entdecken, daß die Ohren heiß werden und die Augen glänzen!
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