Junge Pianisten Leidenschaft und Ekstase

Zwei Pianisten ringen elegant um Perfektion ganz unterschiedlicher Art: Nuron Mukumi greift nach Franz Liszt, Daniil Trifonov schärft weiter sein Rachmaninoff-Bild.

Nuron Mukumi

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Ambitioniert und furchtlos sind noch harmlose Adjektive, um den Anspruch und die Ziele zu beschreiben, die sich der gerade einmal 22-jährige Pianist Nuron Mukumi gesetzt hat. Die Debüt-CD "Summit" (Genuin) vereint unterschiedliche Paradestücke des Klavier-Revolutionärs Franz Liszt (1811-1886) mit der "Trauermarsch"-Sonate Nr. 2 op. 35 von Frédéric Chopin (1810-1849). Ein smartes Programm, wobei gerade die Liszt-Auswahl besticht und den Formwillen des jungen Meisters aus Usbekistan erkennen lässt.

Wer es behutsam angehen möchte, der beginne mit Liszts zwei beliebten "Franziskus-Legenden" zu Franz von Assisi und Franz von Paola, wobei die "Vogelpredigt" des Franz von Assisi zu den plakativsten Klavierdichtungen Liszts zählt. Mukumi lässt es trillern und perlen, die Arpeggien ranken sich lupenrein drumherum, es ist eine wahre Pracht an zartfarbiger Klangmalerei. Das Schönste ist Mukumis treffsichere Gestaltung, die immer die Spannung des Ganzen im Blick hat und sich nie mit naiver Freude an technischer Brillanz zufriedengibt.

So reif klingen auch Mukumis Interpretationen der "Bénédictions de Dieux dans la solitude" von 1853 und werden zu präzise gebauten, klar konturierten Kathedralen des Klanges und erhellenden Darstellungen von Liszts erweitertem Harmoniedenken. Diese klare Dramaturgie in Nuron Nukumis Gestaltung ergibt ein lebendiges Liszt-Spiel. Von seiner berauschenden Fingerfertigkeit gar nicht zu reden.

Beim Chopin der zweiten Klaviersonate hingegen hält er sich in fast sachlicher Diskretion zurück. Den allbekannten Trauermarsch des dritten Satzes nimmt Mukumi vergleichsweise sachlich flott. Es gibt eine grandiose Aufnahme von Alfred Cortot, da meint man, das Weltgericht in aller Schärfe stehe an. Nichts davon bei Mukumi. Trauer kann sehr sachlich ergreifen, fast bitter. Der Rest der Sonate klingt ebenfalls eigenwillig, nicht kalt, aber stets wie schon bei Liszt an der Struktur orientiert.

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Scharfe Kontraste

Humor hat er auch, der Newcomer aus Taschkent: Auf dem Cover seiner CD und im Booklet dirigiert er entflogene Notenblätter in verschneiter Bergwelt. Ein Gipfelstürmer. Wenn er so weitermacht, erklimmt er wohl noch ganz andere Spitzen.

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Pianoklasse: Trifonov und Mukumi - Pianisten eigener Art

Sein russischer Kollege Daniil Trifonov taucht derweil tiefer ein in den Kosmos seines Herzenskomponisten Sergej Rachmaninow (1873-1943), an dem er sich ja auf seinem Album "Rachmaninov Variations" bereits kraftvoll abarbeitete. Da bereits hatte er mit dem Dirigenten Yannick Nézet-Séguin einen Geistesverwandten getroffen, der erstens Trifonovs selbstbewusstem Zugriff und seinen festen Vorstellungen kreativ Paroli bieten konnte, zum anderen sein Philadelphia Orchester einfühlsam führte. Eine Symbiose, die auch auf der neuen CD "Departure" (Deutsche Grammophon) überzeugend funktioniert.

Diesmal griff Trifonov zu zwei Großwerken Rachmaninoffs, den sehr unterschiedlichen Klavierkonzerten Nummer zwei und vier. Das zweite ein rasender Hit in allen Konzertsälen, dass vierte sperriger, ebenso virtuos, aber eventuell noch brillanter in seinen scharfen Kontrasten. Bei Trifonov allemal ein spannender Direktvergleich.

Frische Liebe zum Jazz

Das ungewöhnliche vierte Klavierkonzert schrieb Rachmaninoff in den USA, und es spiegelt seine frische Liebe zum Jazz und den neuen rhythmischen und harmonischen Möglichkeiten wider. Keine wilden Experimente, eher ein sanfter Anstoß für seine Inspiration, dennoch verstörend genug für seine Fans.

Heute klingen die Gegensätze und flotten Überraschungen eher eingängig und erfrischend. Trifonov jedenfalls spielt alle kantigen Wendungen und melodischen Flüge liebevoll aus; was Rachmaninoffs Zeitgenossen als spröde empfanden, atmete heute ein herbe Frische, die Rachmaninoffs Werk in dieser Phase belebte.

Daniil Trifonov und Yannick Nézet-Séguin liefern sich einen Wettstreit auf Augenhöhe, was einen wirklich neuen Eindruck vermittelt. Der 27-jährige Pianist aus Nischni Nowgorod bleibt seiner Devise treu, das Klavier-Repertoire nicht anders, sondern auch stets faszinierend anzugehen. Und er komponiert ja auch noch. Trifonov bleibt wunderbar spannend.



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