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10. März 2012, 09:01 Uhr

Klassik-Revolutionär Schulhoff

Wilde Walzer aus Istanbul

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Der Mann, der das kommunistische Manifest vertonte: Das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra spielt Ballettmusik des Klassik-Revolutionärs Erwin Schulhoff. Auch seine Klaviermusik kann sich hören lassen: jazzig, aber mit harter Kante.

Kennen Sie Erwin Schulhoff? Es lohnt sich in jedem Fall, denn der wagemutige Komponist (1894-1942) kombinierte als einer der ersten Konzertmusiker Jazz, Zwölftonmusik, Spätromantik und Dadaismus zu einem eigenwilligen Stil, der mit seinen Brechungen und Reizmomenten den Zeitgeist vor allem der zwanziger Jahre auf den Punkt brachte.

Gleichzeitig sperrte sich Schulhoff gegen Zwänge des bürgerlichen Musikbetriebes, nahm nur widerwillig und aus Broterwerbsgründen Lehraufträge an, während seine politischen Ambitionen in Richtung Sozialismus gingen. Dass er das kommunistische Manifest vertonte, gehörte nicht zu seinen besten Ideen, doch seine Orchester- und Klavierwerke betören noch heute. Schulhoff nahm die sowjetische Staatsbürgerschaft an, wurde aber kurz vor seiner Flucht von den Nazis verhaftet und kam 1942 im Internierungslager Wülzburg in Bayern um. Jetzt wird sein spannendes Werk nach und nach wiederentdeckt.

Wie quicklebendig die Musik des Revolutionärs Schulhoff im Orchesterformat klingen kann, zeigt ein relativ junges Ensemble aus der Türkei. Das Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra, von Freunden kurz BIPO genannt, hat eine CD mit dem etwas gequälten Titel "Music from the Machine Age" aufgenommen, doch der Titel ist das einzig Sperrige daran. Schulhoff ist auf diesem bunten Sampler mit seiner Ballettmusik "Ogelala" aus dem Jahre 1925 vertreten, dem exotischsten Beitrag der Kompilation. Er besteht bestens im Kontext mit Maurice Ravel, Gustav Holst, Béla Bartók und Sergej Prokofjew, die allesamt ebenfalls mit Ballettmusiken vertreten sind.

Initiator dieses Projektes ist der in Wien geborene Musiker Sascha Goetzel, seit vier Jahren Chefdirigent des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra und ein international erfahrener Coach, der viel vorhat. "In den ersten Jahren war es unser Ziel, das beste türkische Orchester zu werden. Dies haben wir erreicht und nun sind wir dabei, uns in der internationalen Musikszene als ein dynamisches und aufregendes Orchester zu etablieren", sagt Goetzel. "Große Schritte waren unsere CDs und unser Auftritt bei den Salzburger Festspielen."

Unterschätzte Türkei

Im März 2010 erschien die erste CD-Veröffentlichung (Hindemith, Schmitt, Respighi), auch dort gibt's keine symphonische Hausmannskost, gleich beim Tonträger-Debüt erlebt man das Streben nach eigenem Profil. Die Türkei sieht Goetzel in musikalischer Hinsicht oft unterschätzt: "Die türkische Musiklandschaft ist weit vielschichtiger, als wir es in Westeuropa wahrnehmen. Es gibt ein breites Netz an Ausbildungszentren und eine Vielzahl professioneller Ensembles", erklärt Goetzel. "Viele musikalische Institutionen sind ähnlich, an europäische Modelle angelehnt und staatlich gefördert. Die heutigen Strukturen basieren auf den Reformen Atatürks zwischen 1923 und 1938. Der Austausch verschiedener Kunstbereiche in der Türkei gehört zum Aufregendsten, das man sich vorstellen kann. Istanbul steht hier auf einer Stufe mit ganz großen Kunstmetropolen wie New York, London, Berlin, Wien oder Paris."

Maurice Ravels rauschhafte Tanzsaal-Phantasie "La Valse" glückt den Istanbulern unter den Hand des Österreichers Goetzel mit lebendigem Glanz, aber auch Prokofjews kantige "Skythische Suite op. 20" blüht beim jungen Orchester strahlend auf. Kaum weniger überzeugend gelingt dem Ensemble Bartóks heikles Märchenballett vom "Wunderbaren Mandarin". Sascha Goetzels internationale Erfahrung schlägt durch: Der ausgebildete Geiger und ehemalige Mitarbeiter von Riccardo Muti und Zubin Metha dirigierte schon in vielen Konzertsälen in Wien, Berlin, Birmingham, Basel, Shanghai und Moskau; dazu auch unter anderen im Petersburger Mariinsky-Theater, in Wien, Luzern und Los Angeles. Vor allem kann Goetzel mitreißen, was wohl beim Temperament des Istanbul Philharmonic nur ein marginales Problem darstellte, aber die Basis für die kraftvolle Interpretation des aktuellen Ballettprogramms legte. Und speziell dem musikalischen Profil eines weniger bekannten Komponisten wie Schulhoff bekommt diese Frische bestens.

Wer sich mit der kammermusikalischen, intimen Seite Schulhoffs beschäftigen möchte, für den ist auf dem neu gegründeten Klaviermusik-Label Grand Piano eine gelungene Aufnahme mit der Pianistin Caroline Weichert erschienen. Sie nimmt sich vor allem der jazzigen Seite Schulhoffs an, und seine "Partita for piano" etwa gelingt ihr als charmantes Virtuosenstück, das sie allerdings nicht locker verswingt spielt, sondern bei dem sie die Ecken und Kanten seines Stils mit hartem, kristallenen Ton herausarbeitet. Auch bei Stücken wie der "Suite No. 3 for the left hand" oder den über 20 Minuten langen Variationen über ein "Dorisches Thema" greift die Conrad-Hansen-Schülerin (die heute selbst Dozentin an der Hamburger Musikhochschule ist) selbstbewusst und präzise zu. Ideal für dieses Programm: Schulhoff war eben kein Jazzer, sondern rang mit vielen Einflüssen seiner Zeit, versuchte sich in Umbrüchen und Widersprüchen zu finden, was ihm nicht immer gelang. Doch genau dieser Kampf macht seine Musik so aufregend und modern.

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