Klassik-Star Thomas Quasthoff: "Paul Potts macht Popsülze"

Thomas Quasthoff und Paul Potts? Das ist wie Hummerschwanz und Fish 'n' Chips. SPIEGEL ONLINE hat trotzdem versucht, mit dem Bassbariton über den britischen Schmuse-Tenor, Castingshows und den Pop-Zirkus zu sprechen. Nur auf ein Duett mit Karel Gott wollte er sich nicht einlassen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Quasthoff, Sie sollen ein großer Fußballfan sein. Haben Sie Oliver Kahns Abschiedsspiel gesehen?

Quasthoff: Nein. So fanatisch bin ich dann auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Schade. Das Abschiedsständchen vor dem Spiel durfte der britische Tenor und Castingshow-Gewinner Paul Potts ...

Quasthoff: ... Sie sind heute schon der vierte, der mich darauf anspricht! Sehr interessant, dass Paul Potts anscheinend wichtiger ist als wirklich gute Sänger. Ganz spannend.

SPIEGEL ONLINE: Paul Potts ist ein Massenphänomen.

Quasthoff: Massenphänomen? In den USA kennt den kein Mensch, und im kommenden Jahr wird der auch in der Werbung der Telekom keine Rolle mehr spielen. Mittlerweile macht der keine Klassik mehr - sondern, Entschuldigung, Popsülze. Aber wissen Sie, das ist so gar nicht meine Welt. Darüber möchte ich eigentlich gar nicht reden.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ein letzter Versuch. Sie sind Professor für Gesang und gelten als harter Kritiker. Wie bewerten Sie Potts stimmliche Qualität?

Quasthoff: Ich kenne Studenten, die das besser können. Auch seine Ausstrahlung ist ausbaufähig. Man sieht ihm die Anstrengung richtig an. Die Kunst des großen Singens ist, dass man die Anstrengung eben nicht sieht. Potts ist sozusagen der Antipode zu dem, was ich meinen Studenten vermittle. Aber das klingt jetzt alles ein bisschen fies - und ich hab schon mal Prügel einstecken müssen, weil ich ein paar böse Worte über Andrea Bocelli verloren habe (Quasthoff hatte ihn unter anderem einen "Popschlagersänger" genannt, d. Red) . Da wird man schnell in eine Sparte geschoben: 'Der Typ ist neidisch', was natürlich dummes Zeug ist. Ich gönne Potts den Erfolg von Herzen. Der soll sich meinetwegen dumm verdienen. Aber jetzt soll bitte keiner tun, als sei da ein neuer Klassikstar geboren.

SPIEGEL ONLINE: Am 17. Oktober ist Ihre neue CD mit Haydn-Arien erschienen, ein paar Tage später startete Paul Potts seine Deutschland-Tournee. Er bekommt mindestens soviel mediale Aufmerksamkeit wie Sie. Ein bisschen sauer klingen Sie schon.

Quasthoff: Sie denken zu sehr in Verkaufs- und Aufmerksamkeitszahlen. Was ich wirklich schrecklich fände, wären leere Konzertsäle. Wenn ich vor halbleeren Rängen singen müsste, während nebenan Paul Potts auftritt ... - dem ist aber Gott sei Dank nicht so.

SPIEGEL ONLINE: Bei Potts wird immer auf seine schiefen Zähne und seine Vergangenheit als Handyverkäufer hingewiesen ...

Quasthof: ... das stimmt ...

SPIEGEL ONLINE: ... und auch bei Ihnen fehlt selten der Verweis auf Ihre Körperbehinderung durch das schädliche Beruhigungsmittel Contergan. Die "New York Times" hat einmal über Sie geschrieben, Sie gewännen Aufmerksamkeit durch Ihr Äußeres, bewahrten die Aufmerksamkeit aber durch Ihre Stimme.

Quasthoff: So ist es. Dass mir jemand wegen meiner Behinderung zuschaut, funktioniert vielleicht beim ersten Mal. Am Ende aber entscheidet das Können. Daher ist es zweifelhaft, ob der Erfolg von Potts nachhaltig sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Wem danken Sie für ihre Stimme?

Quasthoff: Wem dankt man für Begabung?

SPIEGEL ONLINE: Gott? Der Familie? Sich selbst?

Quasthoff: Meinen Eltern und meiner Familie habe ich natürlich viel zu verdanken. Und meiner Frau! Seit wir zusammen sind, bin ich sehr viel ausgeglichener und ruhiger geworden. Ohne Zweifel hat so eine Karriere auch mit Glück zu tun; man muss zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Platz sein. Aber auch mit Fleiß. Je weiter man nach oben kommt, umso dünner wird die Luft. Propheten werden im eigenen Land ja immer besonders kritisch beäugt, vor allem in Deutschland. In den USA ist das anders. Eine der Eigenschaften, die ich an den Amerikanern wirklich angenehm und schön finde, ist ihr ungeheurer Respekt vor Leistung. In Deutschland ist Erfolg immer ein wenig suspekt.

SPIEGEL ONLINE: Sie unterrichten an der renommierten Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin. Was sagen Sie untalentierten Bewerbern bei der Aufnahmeprüfung?

Quasthoff: "Tun Sie uns allen einen Gefallen, machen Sie was anderes."

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich vorstellen, als Juror in einer Castingshow mitzumachen?

Quasthoff: Nein, weil ich überhaupt nicht zu diesen Sendern gehen würde! War ich auch noch nie.

SPIEGEL ONLINE: Rüpel-Rapper Sido sitzt gerade bei der ProSieben-Castingshow "Popstars" in der Jury und wird anschließend wohl noch mehr Platten verkaufen. Sie könnten als "DSDS"-Juror vielleicht dem Klassikmarkt zu neuen Hörern verhelfen.

Quasthoff: Glauben Sie, ich hätte Lust, neben Dieter Bohlen zu sitzen? Das mag jetzt arrogant klingen, aber das ist wirklich nicht mein Ding. Im vergangenen Jahr war ich für meine Jazz-CD ("The Jazz Album - Watch What Happens", Anm. d. Red.) mit Till Brönner für einen Pop-Echo nominiert. Ich muss sagen: Die Veranstaltung war grausig. Schlecht präsentiert von Oliver Geißen, schreckliche Gäste wie Bushido. Da sitzen Sie dann und sehen, wie sich eine sterbende Branche aufbläst. Das ist schon fast Kabarett.

SPIEGEL ONLINE: Apropos Bushido, apropos Kabarett: Der harte Berliner hat gerade ein Duett mit Schlagerbarde Karel Gott aufgenommen. Würde ein solcher Schuss Kabarett nicht auch der Klassikwelt Schwung geben?

Quasthoff: Also anders ausgedrückt: Ich soll eine Platte mit Karel Gott aufnehmen?

SPIEGEL ONLINE: Es muss ja nicht gleich Karel Gott sein.

Quasthoff: Wenn morgen Stevie Wonder anruft, bin ich sofort dabei. Auch mit Christina Aguilera oder Pink würde ich eine Aufnahme machen. Pink ist eine großartige Sängerin. Und ihr Titel "Dear Mr. President", in dem sie Bush kritisiert, hat mich sehr bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie sich nicht mal selbst politisch engagieren?

Quasthoff: Entschuldigung, mein Job ist politisch! Als Gesangslehrer mache ich Kulturpolitik. Wir müssen leider oft ausbaden, was sich Ministerien in einem Anfall von Kreativitätswahn ausdenken.

SPIEGEL ONLINE: In der "Zeit" hatten Sie eine Musikkolumne. Wenn morgen Abgabe wäre, worüber würden Sie schreiben?

Quasthoff: Vielleicht über Paul Potts.

Das Interview führte Christoph Cadenbach


Thomas Quasthoff und das Freiburger Barockorchester: "Joseph Haydn - Italienische Arien", Deutsche Grammophon, bereits erschienen

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