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Klassik-Stars: Geigen-Tollerei ohne Glamour-Schischi

Von Kai Luehrs-Kaiser

Der Meister-Violinist Itzhak Perlman gewährt mit der Wiederveröffentlichung seiner lange vergriffenen CBS-Aufnahmen Einblick in selige Zeiten, in denen das Klassik-Starwesen noch in Ordnung war.

Die Klassik hat ein Star-Problem. Mehr große Namen denn je – wie Lang Lang, Jonas Kaufmann oder Netrebko – gewinnen heute die Zuneigung von Leuten, die von Beethoven und Schönberg eigentlich wenig wissen wollen. Andererseits: Sobald ein neuer Name zu schnellem Ruhm gelangt, wenden sich Kenner der Szene angeekelt ab. Die Klassik profitiert von den Stars (sofern diese nicht alle Standards verderben wie der grässliche Andrea Bocelli). Doch die Fachleute werden argwöhnisch.

Geiger Perlman: Feinsinnige Nervenmusik
Sony / BMG

Geiger Perlman: Feinsinnige Nervenmusik

Da scheint etwas kaputtgegangen zu sein. Alt-Stars früherer Generationen – wie Jascha Heifetz, Vladimir Horowitz oder die Callas – waren Multimillionäre und dennoch über jeden künstlerischen Zweifel erhaben. Auch heute gibt es noch einige Stars, die durch Qualität reich geworden sind und deren Stern für immer leuchtet. Zum Beispiel Martha Argerich, Gidon Kremer oder Juan Diego Florez. Einen Blick in jene Zeiten, in denen man noch ungestraft Star sein durfte, gewähren jetzt die wieder aufgelegten CDs eines Künstlers, an dem sich genau jener Niedergang studieren lässt.

Bei dem Namen Itzhak Perlman verklären sich Kennerblicke wegen der juwelenhaften Transparenz, Helle und Güte seines Geigentons. Dem Höllenvirtuosen gab Perlman ein ungewohnt freundliches Lächeln. Wer ihn an Krücken rasch ein Podium erklimmen sah und miterlebte, wie er beim Violinkonzert von Tschaikowsky oder bei der "Tzigane"-Rhapsodie von Maurice Ravel plötzlich abzuheben und schwerelos zu werden scheint, für den wandelt sich der Musikbegriff überhaupt. Nichts da von statischem Ritual oder leibloser Kunst-Dienerschaft. Es hat selten einen – trotz seiner Behinderung – so körperhaft präsenten, ja ästhetisch anzusehenden Künstler gegeben wie ihn.

Geboren 1945 in Jaffa, erkrankte Perlman mit vier Jahren an Polio (Kinderlähmung). Die Behandlung verlief erfolgreich, so dass der Junge in seiner Heimat Israel seine Ausbildung beginnen konnte. An der New Yorker Juilliard School wurde er von Ivan Galamian und der legendären Dorothy DeLay ausgebildet (zu deren Nachfolger man ihn machte). Sein Carnegie Hall-Debüt 1963 (mit Winiawskis F-moll-Konzert) öffnete die Tore für seine Jahrhundertkarriere. Sie bezog nicht nur das große Konzertrepertoire, sondern immer stärker auch Kammermusik mit ein (oft an der Seite von Pinchas Zukerman, Lynn Harrell oder Yo-Yo Ma).

Atemberaubende Zeugnisse seiner Kunst sind jetzt in der "Original Jacket Collection" nachzuhören, in der auf zehn CDs Perlmans lange vergriffene CBS-Platten wiedererstrahlen. Brahms' Violin-Sonaten (mit Daniel Barenboim) spielt er mit Leichtfüßigkeit statt Melancholie. Das Sibelius-Konzert ebenso wie die zwei Prokofieff-Sonaten (mit Vladimir Ashkenazy) erhalten durch gleißenden Zündschnur-Ton überzeitliches Flair. Die Sonaten von Paganini (trotz der Begleitung durch den australischen Gitarristen John Williams) macht Perlman als feinsinnige Nervenmusik genießbar.

Perlman gelang es stets, überwältigende Technik mühelos darzubieten – ja sogar mit Witz und Tollerei. Klassischer Trübsinn wollte ihm nie gelingen. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges. Perlmans Liebe zum Jazz, zum Virtuosen-Schmankerl und zum Glamour ließ ihn immer bequemer und mundgerechter programmieren.

Er ließ sich in Europa nur noch selten blicken. Stattdessen verlegte er sich auf die Soundtrack-Mitwirkung bei "Schindlers Liste", trat in der "Sesamstraße" auf und geigte in Woody Allens "Everyone says I love you" auf einer Soiree von Goldie Hawn ein köstliches "Just you, just me” (gemeinsam mit seiner Tochter Navah). Die Zeit der Ernte schien angebrochen. Seit gut 20 Jahren hat sich Perlman vom Insider-Tipp zum hauptberuflichen Star gewandelt.

Die letzte CD der (meist aus den sechziger und siebziger Jahren stammenden) Sammlung enthält denn auch ausschließlich Filmmusik-Arrangements von Hollywood-Altmeister John Williams. Auf glitschigem Streicherteppich der Boston Pops rutscht Perlman über "As time goes by" und das "Smile"-Thema aus Chaplins "Moderne Zeiten". Es ist der kommerzielle Epilog auf einen Künstler, mit dem etwas zu Bruch gegangen ist: jene Epoche nämlich, als der Ruhm klassischer Künstler noch eine Art Gütesiegel war. Seitdem müssen wir selber hinhören. Und finden in Perlmans gesammelten Frühwerken noch einmal die magische Kraft des Geigenzauberers schlechthin.


CD Itzhak Perlman: "Original Jacket Collection " (10 CDs, Sony/BMG).

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. D'accord
waddockhunt 11.06.2008
Ich hatte das Glück, Perlman vor längerer Zeit live in Amsterdam zu erleben. Und 'erleben' trifft es in der Tat besser als nur 'hören'. Schlicht phänomenal. Bei aller Kritik an seinem Flirt mit dem leichten Genre: Lang Lang tut es mit den Dragon Songs, Kremer übrigens auch mit der Tango-Liaison, Menuhin mit Stephane Grapelli usw. Das muss man den 'Stars' wohl lassen, und das ist auch kein so neues Phänomen. Übrigens: unter den 'neueren' Aufnahmen auch musikalisch m.E. wertvoll sind die Konzerte aus der Kindheit von Perlman (aus 1999?). Auch für solche Freiheiten hat Perlman Gott sei Dank noch Zeit..
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