Klassik-Tipp Das Wagner-Wagnis

Der britische Bariton Konrad Jarnot zeigt, was Richard Wagner mit seinem Schwiegervater Franz Liszt verbindet: Beide fühlten sich von der Tradition verfolgt und wagten es dennoch, Lieder zu komponieren.

Von KulturSPIEGEL-Autor Johannes Saltzwedel


Die Konkurrenz ist einschüchternd: Etliche der größten Sopranistinnen, von der unvergleichlichen Kirsten Flagstad über Christa Ludwig und Janet Baker bis zu Jessye Norman, haben Wagners schwerblütige „Wesendonck-Lieder" mit bleibender Größe gedeutet. Was soll da noch ein Bariton ausrichten? Der vielseitige Brite Konrad Jarnot, 35, hat es jetzt dennoch gewagt – und er überzeugt. Sprachverständlich und ohne gefühlige Anfettung lässt der Fischer-Dieskau-Schüler die „Tristan"-nahen Meditationen ihre Magie entfalten; punktgenaue Piano-Einsätze verleihen der nobel timbrierten Stimme bisweilen die Schwerelosigkeit eines virtuos gehandhabten Instruments.

Der Clou dieser Solo-CD aber ist die Kombination mit etlichen Liedern von Franz Liszt. Wagners späterer Schwiegervater stand bei diesen Werken gleich doppelt unter Zugzwang: Als europaweit angehimmelter Tastenvirtuose fühlte er sich – zumindest in früheren Jahren – gedrängt, auch in Begleitstimmen den Klavierpart satt auszureizen; sobald bekannte Texte an die Reihe kamen, wollte er sich von Vorgängern wie Schubert und Schumann unbedingt abheben. Heraus kam eine Tonmalerei mit derart üppiger Palette, dass beispielsweise die Ironie Heinrich Heines regelrecht versackte; sogar der Komponist selbst sah seine Schöpfungen später skeptisch.

Jarnot und sein kongenialer Begleiter Alexander Schmalcz aber wissen auch hier die Balance zu halten: Samtakkorde, Harmoniekaskaden, opernhafte Steigerungen und aufgesetzte Emotionalität der Belle Époque wirken wie natürliche Bestandteile eines überfeinerten Stils, der sich des eigenen Risikos bewusst bleibt. An zwei Versionen von Goethes „Der du von dem Himmel bist" führen sie vor, wie Liszt in späteren Jahren den Überschwang seiner Klangphantasie in Schlichtheit zurückzudämmen suchte, ohne dabei seinen ursprünglichen melodischen Einfall preiszugeben.

Wenn zuletzt die Wesendonck-Lieder als krönender Abschluss ertönen, stehen sie im historisch richtigen Kontext: Zwischen pompös und verhalten, dekadent und asketisch sollte auch der Motivzauberer Wagner ein Leben lang den rechten Weg suchen, und auch er fand zuletzt im „Parsifal" gerade über die Künstlichkeit zur Schlichtheit – einer höheren Schlichtheit – zurück. In Konrad Jarnots Gesangskunst ist dieser epochale Stilkonflikt wie selbstverständlich mitgedacht.


CD: Wagner: Wesendonck-Lieder / Liszt: Lieder. Konrad Jarnot, Bariton; Alexander Schmalcz, Klavier (Oehms Classics)
Konzert: Am 30. September singt Konrad Jarnot im Harenberg City-Center Dortmund.



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