Trompeten-Entdeckungen Die Klimaanlage bläst mit

Alison Balsom und Tom Poster profilieren sich als Entdeckerpaar. Duette von Trompete und Klavier gehören nicht unbedingt zum Standard-Konzertprogramm. Doch ihre witzigen Ideen machen einfach Spaß.

Hugh Carswell/ Warner Music

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Obacht: Nischenalarm! Den Namen Alexander Fjodorowitsch Goedicke (1877-1957) kennt nicht jeder, aber seine charmante Konzertetüde für Klavier und Trompete dürfte für einige eine Entdeckung sein. Zumindest, wenn Virtuosität und eleganter Trompetenschall geschätzt wird. Goedicke war Pianist und Komponist, wirkte am Moskauer Konservatorium und galt dort als Autorität seines Fachs. Für die englische Trompeterin Alison Balsom der richtige Stoff, um ihre technische Bravour auszubreiten - und auf ihrer neuen CD "Légende" (Warner Classics) einmal ungewohntes Repertoire in ebenso ungewöhnlicher Besetzung vorzustellen.

Schon im Ansatz ein Genuss: Wenn Alison Balsom in der Goedicke-Etüde ihre mühelos erscheinende Kunst des Staccato aufscheinen lässt und fließend ins seidig-melodische Legato hinübergleitet, dann regiert pures Blechbläser-Glück in Gänsehautqualität. Und doch sind diese technischen Spezialitäten nur ein Aspekt ihrer Kunst, die die Engländerin zu einer der aktuell erfolgreichsten Konzertsolistinnen gemacht hat.

Auch ihre CD-Produktion blühte: Perfekte Verpackung, markante Künstlerinnenoptik und ein bisher eher stromlinienförmiges, marktgerechtes Repertoire schossen Frau Balsom auf eine Spitzenposition im heiklen Klassik-Segment. Das einst fast ausschließlich männlich besetzte Trompetengebiet erhielt durch sie (wie auch durch die Norwegerin Tine Thing Helseth) ein feminines Areal, was den zuvor ein wenig ausgezehrten Blechbläser-Marktbereich neu beflügelte.

Blechbläser-Glück in Gänsehautqualität

"Légende" legt noch einmal zu: Zunächst sind es leicht esoterische Nischen-Kompositionen in Kammerbesetzung, die aber eine Menge angenehme Varianten bieten. Die Sonatine von Jean Françaix (1912-1997), der wie Goedicke Pianist war, bezeugt dessen Können in Sachen Trompete, denn er komponierte hier beste Virtuosenkost. Mit feinem Formsinn und bei allen technischen Glanzlichtern auch mit überzeugenden Pointen im kurzen Zuschnitt: ein brillanter Einstieg.

Alison Balsom gelingt es stets, die stupende Leichtigkeit ihres Spieles in den Mittelpunkt zu stellen und den altväterlich-feierlichen Barockglanz der Trompete auf Sparflamme herunterzufahren. Das konnte der selige Maurice André mit seiner unfehlbaren Technik auch, aber seine Generation hatte noch nicht die stilübergreifende Nonchalance wie Balsom und Helseth.

Anklopfen bei Gershwin und Kern

Diese allerdings verführt Balsom auf "Légende" dazu, auch einmal forsch fremdzugehen und bei Jerome Kern ("The Way You Look Tonight") und George Gershwin ("Someone To Watch Over Me") anzuklopfen. Sie wurde aber nur in den Flur gelassen. Technisch klingt das porentief rein, aber die Klimaanlage bläst mit, und die natürlich beabsichtigte Coolness des Tons ist leider nicht die von Miles Davis, der nebenbei auch noch (kein Widerspruch) "hot" war. Dennoch: netter Versuch. Besser: ihre Version von Leonard Bernsteins "Rondo for Lifey", da passt die glatte Kühle zum beinahe ironisch klingenden Duktus des munter-melancholischen Stückes.

Viel besser schlägt sich Alison Balsom bei vermeintlich spröden Werken wie Paul Hindemiths viersätziger Sonate von 1939, die zwischen charmantem Parlando und schwärzlicher Trauer in liturgischer Strenge changiert. Wie Balsom dies alles schlüssig unter einen Hut bringt, unterstreicht ihre Klasse.

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Der richtige Mann am Klavier

Dazu trägt erheblich das Können ihres Partners Tom Poster am Piano bei. Besonders blitzen seine Talente bei den Pianisten-Kompositionen von Françaix und Goedicke auf, doch auch in den dezent und akzentuiert begleitenden Phasen schlägt er präzise den richtigen Ton, als Liedbegleiter wäre er ein ebensolcher Gewinn. Poster, Jahrgang 1981, ist ein Landsmann Balsoms, debütierte bereits mit 13 Jahren als Konzertsolist und gehört bei der BBC und auch international zu den gefragten Künstlern, auch als Kammermusiker. Zwei Opern hat Tom Poster bereits komponiert und auch für "Légende" ein Stück beigesteuert. Der fraglos richtige Mann am Klavier für dieses Unternehmen.

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Légende

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Seit Alison Balsoms US-Debüt in der David-Letterman-Show ging es mit ihrer internationalen Karriere steil bergauf, sie sammelte Preise weltweit und gastierte natürlich fleißig im internationalen Klassikzirkus. Für das neuerliche Interesse an der Trompete bei einem breiten Klassikpublikum kann man sie getrost verantwortlich machen. Derzeit allerdings macht sie Konzertpause und freut sich auf Nachwuchs. Eventuell bleibt ihr noch Zeit für die Lehrtätigkeit (unter anderem an der Juilliard School/New York), wo sie hoffentlich auch eine Menge weibliche Schüler gewinnen kann. Es wäre wirklich zu hoffen, dass die Blechbläser-Fraktion auf Dauer ein geschlechtsneutrales Profil bekäme.



insgesamt 10 Beiträge
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frenchhorn_69 27.08.2017
1. Absoulute Standardstücke
Nix Entdeckung! Jeder Musikschüler und Student kennt diese Stücke. Der Punkt ist, dass die Trompete als Nieschenninstrument wahrgenommen wird. Balson ist z.Zt. (geschlechtsunabhängig) eine DER Trompeter(innen) schlechthin. Was zu erwähnen wäre: Die Leistung solcher Spitzenmusiker übertrifft die vieler Banker und Sportler um Größenordnungen. Wäre Balson Fußballerin, wäre Ronaldo dagegen Regionalliga.
haresu 27.08.2017
2. Wer soll diese CD kaufen?
Wieso immer dieser unsägliche Mix? Wer will denn Hindemith direkt neben Kern hören? Vermutlich kommt die Mainstream- Zutat ja von den Marketing- Experten, auf mich wirkt sie aber bloß abschreckend. Als Kaufgrund bleibt dann nur die Interpretin und das reicht nicht. Und der Titel ist absoluter Blödsinn.
Tubicen 27.08.2017
3. Oder blasen hier zwei Klimaanlagen?
Alison Balsom ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich heutzutage dank hartnäckigem Marketing und jahrelangem PR-Dauerfeuer auf allen Kanälen hübsch vepacktes Mittelmaß als Weltspitze verkaufen lässt. Das Programm dieser CD hört man in jeder Ausgabe von "Jugend musiziert", auch von Mädchen - und nicht selten bedeutend witziger gespielt als hier. In der Tat: musikalisches "air conditioning".
Eichsfelder 27.08.2017
4. Bei Gelegenheit ...
... hier mal reinhören: www.youtube.de Tine Thing Helseth: Haydn Trumpet Concerto, 3rd mvt and © Trumpet Concert in E-flat major (1796) - Joseph Haydn (1732-1809) 2 & 3 mvt
rpb76 27.08.2017
5. Der Rubel muss rollen
Scheinbar muss man mindestens alle 2 Jahre eine CD herausbringen und dabei im Laufe der Zeit (manchmal auch nicht wirklich stilsicher) zeigen dass man sämtliche Facetten der Trompete beleuchten kann.. Wie hier schon angemerkt wurde sind ein Großteil der Stücke quasi Standardrepertoire (das Repertoire ist bei der Trompete leider recht begrenzt). Also kennt natürlich jeder der sich mit der Materie beschäftigt die Stücke oder hat sie schon selbst gespielt.. Da ein Großteil der potentiellen Kunden vermutlich höchstens das Haydn Konzert kennen ist es ja schön dass diese Menschen so mal ein paar andere Seiten der Trompete kennen lernen können. Wer sich auskennt kauft die CD nicht da man ja auch nicht alles doppelt und dreifach braucht (die lieben Kollegen haben das schon vor Jahrzehnten eingespielt.. ). Für den Mainstream bestimmt ganz nett..
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