Klassikstar Barto Auferstanden aus Ruin

Schmalzlocke, Schlafzimmerblick und Popeye-Arme: So wurde Tzimon Barto, das Enfant terrible des Klaviers, berühmt. Dann folgten: Drogenabstürze, Knast und der tragische Tod seiner Kinder. Nun meldet sich der Mann zurück, den das Leben nach allen Regeln der Kunst fertig gemacht zu haben schien.

Ondine / Eric Brissaud

Von Kai Luehrs-Kaiser


Der "Bodybuilder am Klavier" ist wieder da. Tzimon Barto, durch Schmalzlocke und Popeye-Arme noch in unguter Erinnerung, zeigt sich mit seiner neuen Sammlung von Haydn-Sonaten schillernd-tragischer und unergründlicher, als man ihn je kannte. Allen Vorurteilen zum Trotz ist Tzimon Barto - was endlich einmal gesagt sein muss - einer der vielschichtigsten, unerschöpflichsten und besten Pianisten der Gegenwart.

Der muskelbepackte Schönling aus Florida (sein wirklicher Name: Johnny Barto Smith) blickt auf einen der hoffnungsvollsten Karrierestarts der vergangenen 30 Jahre zurück. Und auf drastische Zusammenbrüche. Die Marketing-Strategie der EMI, bevor er von dieser fallengelassen wurde, ruinierte den heute 46-Jährigen mit inszeniertem Schlafzimmerblick und André-Rieu-Tolle.

Karajan starb, bevor er in Salzburg das mit Barto vereinbarte Konzert dirigieren konnte. An der Hamburgischen Staatsoper, wo sich Barto später als Dirigent versuchte, wurde er fristlos gefeuert. Wegen Drogendelikten saß er im Knast. Im vergangenen Jahr starb auch das zweite seiner beiden Kinder unter tragischen Umständen. Tzimon Barto schien vom Leben nach allen Regeln der Kunst fertig gemacht worden zu sein. Er verschickte Nachrichten, nach welchen es mit ihm eine für alle Male vorbei sei.

Wer den perfekt Deutsch sprechenden, mit der Schriftstellerin Irene Dische eng befreundeten Pianisten jemals traf, konnte indes merken, wie viel mehr hinter der bizarr aufgepumpten Fassade steckte. Seit Jahren schreibt er an dem 3367 Gedichte und Prosastücke umfassenden literarischen Gesamtkunstwerk "The Stelae", das er auf seiner Ranch in der Nähe von Eustis (Florida) in Granit hauen lässt. Es soll eine Art amerikanischer Gedicht-Nationalpark werden. Sein Drama "Eine Dame griechischer Herkunft" wurde 2003 in Frankfurt von Sven-Eric Bechtolf inszeniert (und übersetzt von Bartos Freund Christoph Eschenbach).

Höllisches Lampenfieber

Nach 13 Jahren musikalischer Funkstille sorgte Barto dann 2006 mit einem Rameau- und zuletzt mit einem Ravel-Album für Branchen-Aufsehen. Bei seinen Konzerten bestand er, obwohl ein mit enzyklopädischem Gedächtnis genialisch begabter Kopf, darauf, mit Noten aufzutreten (was Pianisten oft fälschlich als mangelnde Souveränität ausgelegt wird).

Tatsächlich hat Barto so, wie er zugibt, sein höllisches Lampenfieber (und die damit verbundenen Rhythmusfehler) abgelegt. Und in offenbar jahrelanger Kleinarbeit eine einzigartige Pianissimo- und Schattierungskunst erworben, wie man sie heutzutage kaum noch findet. "Ich habe Klavier gelernt, in dem ich in Walsrode, Karlsheim, Celle und Landshut öffentlich gespielt habe", erklärt er. "Nennen Sie mir eine deutsche Stadt - ich habe dort gespielt. Nur die Manager sind dagegen."

Barto weiß, dass ihm die klischeehafte Bodybuilder-Fassade geschadet hat. "Ich hatte den Fehler gemacht, Fotos knipsen zu lassen, die dann in der 'New York Times', auch im 'Stern' erschienen. In 'Esquire' stand ein Artikel über meine angebliche Schwäche für Versace-Slips. Von mir hatten die das nicht. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um die Leute zu überzeugen, dass ich auch spielen kann."

Auf seiner neuen Haydn-CD (mit den Sonaten 10, 38, 42 und 60) lässt Barto so viel bitter erworbene Lebensintensität, so viel tänzerischen Trotz und Trauer hören, wie das seit Jahren niemand wagte. Die Gefühle, die hinter dieser CD stecken, möchte man nicht erlebt haben. Doch das Klavierspiel ist großartig.

Zur Zeit, heißt es, lernt Tzimon Barto Persisch und Mandarin. Willkommen zurück im Leben.


CD "Unexpected Encounters. A Selection of Piano Sonatas by Joseph Haydn". Tzimon Barto, Klavier (Ondine ODE 1154-2).



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