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Klaviermagierin Montero: Wenn Türken zu Mozart rocken

Von Elke Schmitter, Istanbul

Einst war sie das Wunderkind, heute ist sie das Sonderkind der klassischen Musik. Denn die Pianistin Gabriela Montero entfesselt selbst das würdigste Publikum, indem sie für ihre Zuhörer improvisiert, was die von ihr wünschen.

Wenn Gabriela Montero die Bühne betritt, steht zweierlei auf dem Spiel.

Pianistin Montero in Istanbul: "La Paloma" auf Zuruf
Cetin Korkmaz

Pianistin Montero in Istanbul: "La Paloma" auf Zuruf

Zum einen das Programm, zum Beispiel - wie heute in der Hagya Irini - die Bachsonate "Siciliano", des weiteren Choräle, eine Fuge und eine Chaconne, alles von Sebastian dem Großen und alles bearbeitet (von Kempff, von Liszt und Busoni), weil ursprünglich nicht für Piano geschrieben. Das steht auf dem Spiel, wie das bei Klassikkonzerten so ist: die Spielräume klein, die Fehlerquote noch kleiner, möglichst gleich Null. Wobei wir bei Fehlern von solchen reden, die der Laie nicht bemerkt. Und wenn es gut geht, denkt gar niemand mehr an Fehler, weil alles aufgeht im Moment, und das Publikum denkt auch nicht darüber nach, wo es der Schuh drückt und das Konto kneift und ob die Frau am Klavier da nun echte Brillanten trägt. Wenn es sehr gut geht, dann geht es um Musik.

Und dann steht noch etwas auf dem Spiel, was es nur bei Gabriela Montero gibt, geboren in Venezuela, ehemals Wunderkind und heute Einzelkind der klassischen Musik: Denn Montero improvisiert nicht nur zu Hause (in einer Auswahl hörbar auf CDs) - sie improvisiert auf Zuruf, live. Sie gibt einerseits ihr Repertoire so verlässlich und versunken, wie das die Tadellosen eben tun. Und wenn das getan ist, dann spricht sie mit dem Publikum: "Geben Sie mir ein Thema", sagt sie ins Mikrophon, "ich improvisiere dazu."

Erst ist es dann mal still.

Ja wie jetzt, denken die Leute, soll ich jetzt aufstehen und singen? Kann man so machen.

Dauert nur meistens ein bisschen.

Auch an diesem Abend in Istanbul, in dieser Kirche aus dem sechsten Jahrhundert, im Park des Sultanspalastes. Eine unbedeutend kleinere Hagia Sofia, die Stein gewordene Innerlichkeit inmitten von tiefroten Rosen und hohen, rauschenden Bäumen, am Saum des Meeres und unter dem Sichelmond, der genau aussieht wie der auf der türkischen Fahne. Es ist draußen zum Seufzen schön und drinnen von jenem tiefen Ernst, den Kirchen aus der frühchristlichen Zeit nun mal haben. Als noch gar nichts selbstverständlich war.

Am nächsten Tag wird Montero sagen, dass kleinere Orte ihr lieber sind. Aber sie hat schon 3000 Leute gerockt, letzten Sommer in Köln, da sind dann auch 800 Istanbuler zu bewegen.

Gabriela Montero in Köln 2007:

Doch sie brauchen ein bisschen Zeit. Es sind die sehr gebildeten Menschen hier, die außerdem noch Geld für eine Karte haben. Es ist kaum ein Mobiltelefon mehr zu hören, als Montero spielt. Das laute und brutale Istanbul, das folkloristische Istanbul sind draußen. Hier drin sitzen Menschen, für die gutes Benehmen sehr wichtig ist und die klassische Musik noch immer ein nicht ganz selbstverständliches Bildungsgut. Lieber sich nicht allzu sehr exponieren.

Montero beginnt mit einem Thema, das eine Istanbulerin ihr in der Pause vorgeträllert hat: ein Kinderlied. Es geht ein Raunen des Erkennens durch den Saal, als sie das Thema mit der rechten Hand zweimal über die Tasten laufen lässt, und als sie loslegt, vorausgaloppiert und wieder in Trab fällt, die kleine, tanzende Melodie unter Akkordläufen verschwinden lässt und wieder befreit, da lassen auch ernste schwarz-weiße Damen, die zuvor die Ellenbogen dicht an den Oberkörper pressten, Finger und Fußspitzen vorsichtig wippen.

Mozart auf langen Beinen

"Ein Song aus Venezuela!", ruft nach dem Applaus ein Höflicher in den Saal, und Montero, die spürt, dass man hier in Istanbul Zeit braucht, um sich ein bisschen zu vergessen, lässt es noch einmal rauschen, minutenlang. Jetzt sind die Leute gewonnen und haben Spaß an dem Spiel, rufen durcheinander: "La Boheme!", "La Paloma", "The Turkish March!" Damit überrascht sie alle. Diese Steilvorlage für entfesseltes Rasen, für Tschingderassassa und Holterdipolter nimmt sie wie ein Nachdenken von Satie. Mozart geht auf langen Beinen durch die Apsis wie ein junger Storch.

Noch einmal, zum Schluss, bittet sie um etwas Hiesiges: etwas, das alle kennen. Von weit hinten intoniert eine tiefe Männerstimme die erste Zeile, und weiter vorn fallen die Leute ein. Jetzt ist der Moment gekommen, auf den sie bei ihren Konzerten zielt, jetzt ist so etwas wie eine Verständigung da, nicht nur zwischen ihr und Einzelnen, sondern zwischen ihr und dem Publikum. Es sind ganze Gruppen, die singen. Sie fängt die Töne zielsicher ein, sie fragt: "So?" Und "Ja, so!" schallt es aus dem Parkett zurück. Das Ganze dauert vielleicht fünf Minuten und bringt die Leute zusammen. Und sie legt los; sie transponiert es in eine Tonart, die ihr besser passt, und dann schlendert, rudert, marschiert und springt sie durch das musikalische Gelände dieses türkischen Liebesliedes, dass es eine Freude ist: Musik.

Es war nicht ganz so abgedreht, so spektakulär, so komisch und rührend zugleich wie in der Kölner Philharmonie, im letzten August, da etwa 3000 Leute ihr einmütig das Lied vom Kölner Dom vorsangen ("Wir lasse den Dom in Kölle..."), sie es dann astrein verjazzte und dann 3000 glückliche Kölner sich selbst und sie bejubelten. Aber es war doch das absolut Besondere, das immer stattfindet, wo sie ist.


Gabriela Montero live, heute Abend, Philharmonie Essen. Weitere Auftritte in Deutschland stehen im September und November an, unter anderem in Berlin und Hamburg.

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