Klaviersonate im Vergleich Reifeprüfung in Sachen Wahnsinn

Liszt bleibt immer ein Wagnis, auch für große Pianisten. Die schwierige h-moll-Sonate haben sich jetzt zwei jüngere Virtuosen vorgenommen. Lars Vogt und Kirill Gerstein langen selbstbewusst zu - und kommen zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.

Felix Broede

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Die Zeiten, in denen die Klaviermusik von Franz Liszt (1811-1886) als leicht unseriös galt, sind lange vorbei: Als bloßes Tastenfutter für wirkungsorientierte Virtuosen, Effektmusik ohne Tiefe, bezeichnet heute niemand mehr die wagemutigen Harmonieabenteuer an der Schwelle zur Moderne. Ohne die Lisztsche h-moll-Sonate im Koffer reist kein zeitgemäßer Pianist durchs Land. Dennoch birgt das filigrane Ungetüm auch heute noch viel Entdeckenswertes, wie die jüngsten Einspielungen von Lars Vogt und Kirill Gerstein beweisen.

Beide gehören derselben Generation an: Kirill Gerstein wurde 1979 im russischen Woronesch geboren, Lars Vogt neun Jahre früher im nordrhein-westfälischen Düren. Beide etablierten sich erfolgreich im internationalen Konzertbetrieb und pochen auf enorme technische wie interpretatorische Möglichkeiten. Ihren Rang als Interpreten machen sie gerade in der so unterschiedlichen Darbietung dieses Werkes deutlich, dessen pure Bewältigung immer noch ein Reifezeugnis für Pianisten ausstellt.

Wie es sich für eine epochale Komposition gehört, spannt auch die Liszt-Sonate (entstanden 1853) einen weiten inhaltlichen und atmosphärischen Bogen. Von größter Intimität, wie etwa im Andante/Adagio-Mittelsatz, bis zu den schnell und explosiv aufbrechenden Läufen und Akkordballungen zu Beginn und im Finale wird dem Interpreten nicht nur absolute technische Beherrschung des Terrains, sondern auch Sinn für Dramaturgie und eine schlüssige Vision von der Architektur des Ganzen abverlangt. Obendrein soll hier auch noch der Lisztsche Wahnsinn des romantischen Lebensgefühls hör- und spürbar sein, der natürlich zur Sonate gehört.

Ein Popstar des Pianos

Kirill Gerstein verlässt sich ganz auf seine Intuition und auf die gefühlte Bewegung, den Pulsschlag der Sonate. Wie ein Surfer gleitet er auf den Harmonien, bedient sicher die Ausbrüche, spürt dem Dunkel zwischen all den schwierigen Oktav-Kaskaden und perlenden Läufen nach. Dank seiner Technik darf er seinen Liszt vorführen wie ein Wunderwerk, dem er treu und zuverlässig dient. Und Gerstein scheut sich folglich nicht vor knalligen Effekten, die manchmal auf Kosten der Deutlichkeit gehen: Vielleicht hätte Liszt selber - ein Popstar des Pianos - sein Werk im Konzert ähnlich vorgetragen.

Lars Vogt hingegen sticht mitten ins Lisztsche Klangmeer und teilt mit kraftvollem Motor die Wellen: So analytisch, voller Trennschärfe und metallischer Klarheit hörte man die h-moll-Sonate selten. Am besten manifestiert sich dieser Ansatz im vertrackten Fugato kurz vor dem alles entscheidenden Höhepunkt. Hier sollte der Pianist, bevor er die berüchtigten abfallenden Oktaven souverän wegdonnern muss, noch einmal glasklar die Partitur auf die Verzahnung der einzelnen Themen abklopfen. Denn das ist - neben den rein technischen Problemen - die Hauptaufgabe des Interpreten: allzeit die inneren Bezüge und Wandlungen der Ideen und Themen hörbar zu machen. Liszts Sonate hat wenig mit der klassischen Dreisätzigkeit zu tun, wenn auch formal drei Sätze stattfinden. Es sind keine Etappen zu absolvieren, sondern eher drei Kapitel einer epischen Form darzustellen.

Eine Nasenlänge vor Horowitz

Die Falle liegt dann in der Gewichtung. Intellekt oder Überschwang? Der große britische Pianist Clifford Curzon, der 1963 eine der nachhaltigsten Versionen der Sonate ablieferte, betonte in dem Bemühen, diesen Widerspruch zu lösen, die klassische Größe des Werkes - fast meint man, Beethoven zwischen den Tönen zu hören. Der Klavierprofessor Joachim Kaiser bevorzugte in einer seiner legendären Vergleichs-Exegesen Emil Gilels gegenüber Vladimir Horowitz - Gilels lag seiner Meinung nach in Sachen "Prestissimo-Wahnsinn" im Finale der Sonate noch eine Nasenlänge vor Horowitz. Und an diesem Wahnsinn kommt eben kein Interpret vorbei.

Gerstein meistert den Wahnsinn der Oktaven durch Intuition und Klangsinn, Vogt durch messerscharfe Durchdringung, bei der keine Note verloren geht. Wer Klarheit und Strenge bevorzugt, sollte seine Interpretation wählen. Wer sinnlichen Überschwang, Farbenpracht und manchmal naive Spielfreude liebt, ist bei Kirill Gerstein besser bedient. Dass Gerstein sich als Kind das Klavierspiel anhand der Jazzplatten seiner Eltern selbst beigebracht hat, glaubt man gern. Wie gut er sich auf Intimes versteht, lassen seine Aufnahmen mit der Weltklasse-Bratschistin Tabea Zimmermann hören. Auch Lars Vogt liebt die Kammermusik: Als Gründer des Festivals "Spannungen" (1998) setzte er auch hier Akzente. Da haben die so unterschiedlichen Virtuosen eben doch Berührungspunkte - es muss ja nicht immer Wahnsinn sein.



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motormouth 17.11.2010
1. ...
Ist jetzt die Zeit der Tastendrücker angebrochen, nachdem man alle möglichen und unmöglichen Kreischsägen und Fiedler hochgejazzt hat? Muß jetzt im Wochenrythmus mit der nächsten "Entdeckung des Jahrhunderts" gerechnet werden?
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