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07. Mai 2011, 09:21 Uhr

Klaviertitanen

Revolution mit links

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Spieltechnik ist nicht alles: Die Klavier-Artisten Boris Berezovsky und Louis Lortie können hexen. Gut so, denn bei Brahms und Liszt muss Schweres leicht klingen, erst dann wird's zauberhaft.

Es gibt Pianisten, denen ist nichts schwierig genug. Vladimir Horowitz etwa erschwerte sich gern mal seine Partituren mit eigenen Bearbeitungen, und der polnische Pianist Leopold Godowsky (1870-1938) schrieb neue Versionen von Fréderic Chopins ohnehin schon fingerbrecherischen Etüden - verkompliziert natürlich! Verständlich, dass kaum ein Pianist Godowskys einhändige Version der "Revolutionsetüde" aus op. 10 anfasst, mit der man sich eigentlich nur blamieren kann.

Boris Berezovsky schreckt so ein Zirkusstück nicht mal live, er lehnt mit dem rechten Arm locker auf dem Flügel, mit der linken Hand rauscht er lächelnd durch das Notengewühl von Chopin/Godowsky, fast wie ein entspannter Barpianist. Eine ganze CD mit den aberwitzigen Neuversionen dieser zauberisch schönen Quälstücke hat er 2006 aufgenommen, aber das war nur Spaß. Jetzt macht er mal wieder ernst.

Denn was Boris Berezovsky wirklich kann, zeigt er mit dem 2. Klavierkonzert von Johannes Brahms. Das für Pianisten unbarmherzig schwere Werk, das technische Schwierigkeiten mit großem Gestaltungsanspruch vor allem im Anfangssatz vereint, ist nur etwas für reife Könner. Da muss man sich schon mit Klavier-Säulenheiligen wie Claudio Arrau, Swjatoslaw Richter oder Artur Rubinstein messen. Boris Berezovsky, 1969 in Moskau geboren und seit Jahren international gefragt, gehört nach Pianisten-Maßstäben durchaus noch zu den Jüngeren, doch sein furchtloser Zugriff hat klassische Pracht. Zwar entströmt seinen anscheinend unfehlbaren Fingern kein selbstverständlicher Brahms-Ton wie bei Rubinstein, aber der hämmernden Brillanz eines Richter und der klaren Zeichnung der Notenwälle eines Arrau kommt er doch sehr nahe. Ureigen ist ihm die Frische und Souveränität seines Zugriffs, als wenn das alles gar nichts wäre. Horowitz wurde in Jugendjahren für solche Forschheiten von Kritikern schwer gerügt.

Gelingen mit dem Gnadenlosen

Heute freut man sich, wenn jemand wie Berezovsky seinen Brahms weder neblig-norddeutsch noch russisch-bärenschwer angeht. Mit den ehrgeizigen Musikern des bei uns noch eher unbekannten Philharmonischen Orchesters des Ural hat er die idealen Partner gefunden. Der Dirigent Dmitri Liss, Jahrgang 1960, konzertierte schon mit nahezu der gesamten russischen Solisten-Elite und versteht sich folglich darauf, mit einem Virtuosen wie Berezovsky in einen Dialog zu treten - gerade beim gnadenlosen Brahms-Konzert Voraussetzung fürs Gelingen.

Frische und Eleganz: Bis zum wirbelnden Finale sind alle dicht beieinander und liefern eine lohnende Neuaufnahme ab. Selbst der strenge Swjatoslaw Richter hätte gelächelt. Als Zugabe gibt es auf der CD die trickreichen "Paganini-Variationen" von Brahms, das ideale Dessert zum üppigen Hauptgang.

Kaum weniger Anspruchsvolles hat zum Liszt-Jubiläumsjahr der kanadische Pianist Louis Lortie für seine neue Doppel-CD ausgewählt: Gleich die kompletten Stücke der "Annés de Pèlerinage" von Franz Liszt, über zweieinhalb Stunden konzentrierte Höchstleistung, hat er sich aufgebürdet. Von innig bis ekstatisch reicht die Emotionspalette, von meditativ bis explosiv: alles ist drin in diesen "Pilgerjahren", die Franz Liszt, von Goethes "Wilhelm Meister" inspiriert, über Jahre seines Lebens schrieb - fast ein künstlerisches Tagebuch. In Lorties Interpretation fließen auch seine Beschäftigung mit Chopin, Beethoven und vor allem Ravel ein: Lorties Markenzeichen ist Vielseitigkeit, die seine analytische Sicht auf Liszt erst ermöglicht.

In die Hölle schweben

Lortie kennt sich mit dem Zyklus bestens aus, schon 1992 spielte er Teile davon auf CD ein, fast sein ganzes bisheriges Virtuosenleben hat er sich damit beschäftigt. Dass Lortie nichts beweisen muss, führt zu einer überlegen kraftvollen und dennoch abgezirkelten Einspielung, die alle Verästelungen des Werkes subtil herausarbeitet.

Man kann Teile des Klang- und Harmoniekosmos, wie etwa die berühmte "Dante-Sonate", so selbstgewiss und überwältigend herunterdonnern, wie es Arcadi Volodos in der Konzertaufnahme aus Wien 2010 (Sony) tat. Das fetzt und überwältigt. Dennoch tönt die technisch nicht weniger brillante Lortie-Darstellung dieses Bravourstückes ungleich filigraner und schwebender, was bei allem Höllen-Feuer dem harmonisch breit aufgestellten Stück sehr gut bekommt. Lorties "Dante"-Inferno klingt wie seinerzeit die verklärte Version von Liszts h-moll-Sonate unter den Händen des britischen Klaviergenies Clifford Curzon: eine Transzendierung des Technischen, ein perfekter Gegensatz zur Apotheose der puren Hexerei. Und genau so sollte eine Liszt-Interpretation den Hörer überwältigen.


CDs:
Johannes Brahms: "Klavierkonzert Nr. 2 in B-Dur etc." mit Boris Berezovsky, Klavier, dem Philharmonischen Orchester des Ural, Ltg. Dmitri Liss. Mirare, CD MIR 132.

Franz Liszt: "Annés de Pèlerinage" mit Louis Lortie, Klavier. Chandos, CD CHAN 10662(2).

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