Klaviervirtuosin Ragna Schirmer Aufforderung zum Tanz

CDs mit Aufnahmen des Barockmeisters Georg Friedrich Händel überschwemmen den Klassikmarkt. Oft sind sie nur Pflicht zum 250. Todestag, aber im Fall von Ragna Schirmer eindeutig Kür: Die Pianistin widmete sich erstmals den kompletten Klaviersuiten - und musste dabei improvisieren.

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Peter Ustinov scherzte einst, Georg Friedrich Händel (1685-1759) habe seine Geburtsstadt Halle so sehr geliebt, dass er sie in seinem Chor aus dem "Messias" verewigte: "Halle-lujah"!

Halle wirkt auch heute noch belebend: Die Pianistin Ragna Schirmer arbeitet schon einige Jahre sehr erfolgreich in der Kulturstadt an der Saale. Jüngst hat sie das Klavierwerk des Barockmeisters Händel spielerisch federnd interpretiert. Die erstmals komplett aufgenommenen Tanzfolgen "Suites de Pièces pour le Clavecin" (HWV 426-441) klingen unter ihren Händen frisch, individuell und stellenweise berauschend. Ein freier Ansatz mit gelungenen Improvisationen.

Händel war schließlich alles andere als ein Pedant, wie etwa sein Kollege Bach. Manchmal hat er bei den Präludien der Suiten nur Akkordfolgen oder Harmonien skizziert. Ausformungen und Verzierungen des Interpreten sind daher nicht nur möglich, sie sind nötig. "So kann ein und dieselbe Suite in Konzerten durchaus unterschiedlich klingen", sagt Schirmer.

Händel selbst galt als erfindungsreicher und technisch beeindruckender Improvisator. Seine Klaviersuiten schrieb er in erster Linie für Schüler, die ihm nacheifern wollten. Starker Stoff, der Hingabe verlangte. Gerade in den spielfreudigen und melodienseligen 16 Suiten bietet Händel viele Facetten seines Komponisten-Genius an. Schon früher gab es exzellente Einspielungen von Teilen des Zyklus, etwa von Svjatoslav Richter oder András Schiff. Doch das Gesamtwerk in einem Rutsch, das ist Ragna Schirmers Piano-Präsent zum Händel-Jahr.

Nur fünf Wochen benötigte die Pianistin für die Einspielung, die im Sommer 2008 in Halle stattfand. Fast Rekordzeit für eine Studioaufnahme wie diese, für die Schirmer sich bewusst selbst unter Druck gesetzt hatte: "Ich wollte unbedingt einen überzeugenden Spannungsbogen für diese Masse an Stücken erzeugen. Das geht nur, wenn die Aufnahmen zusammenhängend eingespielt werden", sagt sie.

Für ihr Spiel zieht Schirmer ein zeitgenössisches Instrument einem historischen vor, denn sie reizt es, die Ideen einer vergangenen Zeit ins Heute zu übertragen. "Diese Gratwanderung fordert heraus, aber in uns ist ja eben auch nur die heutige Zeit. Ich kann also einen Guckkasten in die Vergangenheit öffnen und aus heutiger Sicht dieses historische Empfinden ausdrücken." Eine Technik, wie sie auch ihre preisgekrönten Aufnahmen der Klaviersonaten Joseph Haydns dokumentieren. Die gelangen ihr makellos, wenngleich ein wenig professoral - Schirmers Händel ist da von ganz anderem Kaliber.

Das genaue, das unbedingte Richtigmachen ist ihrer zweiten Leidenschaft geschuldet: Ragna Schirmer lehrt in Mannheim und Halle, und natürlich sollen ihre Interpretationen für ihre Schüler schlüssig und beispielhaft sein. Exaltiertheiten und eitle Exzentrik sucht man bei ihr vergebens, zum Paradepferd im Klassik-Zirkus taugt sie wenig. Doch ihre Skepsis gegenüber dem Musikbusiness tut ihren Interpretationen gut: Die Einspielung der Händel-Suiten setzt nicht nur einen sehr gepflegten Maßstab, frei von Effekt heischendem Virtuosentum - sondern auch eine erfrischend animierende Aufforderung zum Tanz à la Händel.


CD Georg Friedrich Händel: "Die Klaviersuiten" (3 CDs). Ragna Schirmer, Klavier (Berlin Classics/edel 0016452BC)



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