Von Werner Theurich
Es war bei ihm stets mehr als nur Schlagtechnik, wenn er dirigierte: Carlos Kleiber (1930-2004) liebte Witz, Überraschung, Ironie, und er jonglierte damit nicht ohne Eitelkeit. Wenn er probte und konzertierte, war er mit Hand und Hirn bei der Sache. Die Vergleiche und Umschreibungen, mit denen er seine Wünsche ans Orchester formulierte, sind legendär. Eine Wiederholung des Hauptthemas, die neu und aufregend klingen soll? "Stellen Sie sich vor: dieselbe schöne Frau, andere Stellung!", schlug er dem Orchester mal vor. Macho-Attitüde mit einer Prise Sexismus, damit hatte der in Berlin geborene Kapellmeister kein Problem. Der Ruf als Womanizer eilte ihm voraus, sein Charme bezauberte alle. Und er punktete mit Ergebnissen: Was Carlos Kleiber trotz all seiner bekannten Schrullen und Übertreibungen im Konzertsaal und Opernhaus erreichte, konnte in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts nur mit berühmten Kollegen wie Furtwängler und Karajan verglichen werden.
Kostproben davon, wie er diese Leistungen herauskitzelte, kann man jetzt auf einer knapp einstündigen DVD noch einmal erleben: "I Am Lost to the World" war kürzlich auf 3sat zu sehen - eine Dokumentation mit Momentaufnahmen von Carlos Kleibers Arbeit am Pult, ergänzt um Interviews mit Musikern, Freunden und Weggefährten, die am Ende ein plastisches und stellenweise überraschendes Bild ergeben. Der musikerfahrene Dokumentarfilmmacher Georg Wübbolt, der schon mit Simon Rattle, Lang Lang, Lorin Maazel, Gustavo Dudamel und vielen anderen arbeitete, wusste sehr genau, wie man einen spröden Künstler wie Kleiber effektvoll in Szene setzt.
Wenn Kleiber in leicht unscharfen, schwarzweißen Filmaufnahmen aus den Tiefen des Bayreuther Orchestergrabens Wagners Liebes- und Todesdrama "Tristan und Isolde" zelebriert (er leitete die Inszenierung dort 1974-76), dann wird jene Magie greifbar, die von ihm dirigierte Musik so einzigartig machte. Seine raumgreifenden, machtvollen Bewegungen, sein entrücktes, beinahe rauschhaftes Lächeln, seine sichtbare Lust an der Steigerung des Ausdrucks, das alles wirkt wie ein Blick in die Seele von Wagners Musik. Wie er mit diesem Zugriff routinierte und oft gelangweilte Musiker neu mitreißen konnte, erscheint nun verständlich.
Den Dämon im Nacken
Diese Fähigkeiten dokumentieren auch die hier gesammelten Statements von Orchestermusikern, denn sie bieten alles andere als bloße Lobhudeleien. Sie erzählen von Kleibers Neurosen, aber auch von seinem Humor und seiner Besessenheit. Orchestermusiker neigen immer zum Nörgeln, wenn es um Dirigenten geht. Doch sie alle lieben ihren Beruf unendlich, und bei Carlos Kleiber durften sie diese Liebe voll ausleben. "Einmal die Woche - phantastisch! Dreimal die Woche - die Hölle!", sagt einer der Befragten zur zumutbaren Kleiber-Frequenz, und er lacht dabei. "Aber er versaut einen für alles andere, so gut war er!" Kleiber bot halt immer die ganze Wundertüte des Ausnahmetalents, das sich selbst und andere quält, um am Ende doch wieder den besten Wagner, den bewegendsten Brahms hervorzubringen.
Carlos Kleibers höchstpersönlicher Dämon war sein Vater Erich Kleiber (1890-1956). Gleichfalls ein international berühmter Dirigent, der mit Frau und Sohn aus Nazi-Deutschland fliehen musste, weil er sich bereits seit den zwanziger Jahren für später bei den Nazis als "entartet" bewertete neue Musik einsetzte. So dirigierte er 1925 in Berlin die Uraufführung von Alban Bergs "Wozzeck", engagierte sich für Strawinsky und Krenek. Carlos' Leben spielte sich schon früh in Hotels auf verschiedenen Kontinenten ab, immer sah er den immensen Erfolg und das Können seines Vaters vor sich - ein Maßstab, der ihn zeitlebens mit Selbstzweifeln und Skrupeln erfüllte. Die hier beigefügten historischen Filmaufnahmen von einigen Konzerten mit Erich Kleiber zeigen einen machtvollen, autoritär wirkenden, gnadenlos schlagenden Dirigenten, dessen Taktstockbewegungen wie Degenhiebe durch die Luft schneiden.
Welche feingliedrigen und präzisen Ergebnisse Kleiber, der Ältere, damit erzielen konnte, hört man vielleicht am überzeugendsten auf seiner "Figaro"-Einspielung von 1955. Mit den Wiener Philharmonikern und dem großartigen Cesare Siepi in der Titelrolle lässt sich kaum eine bessere Version der Oper vorstellen. Dazu klingt sie in der technisch renovierten und obendrein preiswerten CD-Version vorzüglich für eine historische Aufnahme.
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