Klezmer-Jazz: Können Nichtjuden das auch? Klar!
Der Sound läuft auf der Tanzfläche genauso wie am Grab: Osteuropäische Juden brachten den Klezmer einst nach New York. Längst hat sich daraus aber eine eigenständige Jazzspielart entwickelt. Was man jetzt in Hamburg überprüfen kann.
Der Kölner Pianist Florian Weber nennt sein Trio Minsarah. Das ist hebräisch und bedeutet "Prisma": So wie ein Prisma das Licht auffächert, entdecken die drei Musiker im Ensemble-Spiel neue Klangfarben und Formen. In diesem Monat gastiert die mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik gewürdigte Band in der Talmud-Tora-Schule am Hamburger Grindelhof. Minsarahs Auftritt gehört in eine Serie von Konzerten "Jazz + Klezmer". Jüdische Musik im Wandel der Zeit. Jazz trifft Klezmer! In der Aula der 1805 gegründeten Bildungsstätte werden in diesem Jahr diverse Gruppen zeigen, was aus der Begegnung von jüdischer Folklore mit von Afro-Amerikanern geprägten Beats und Sounds geworden ist. Höhepunkt sind Konzerte von US-Prominenten wie dem Keyboarder Uri Caine und dem Klarinettisten David Krakauer.
Die Veranstaltungsreihe eröffnete in der vergangenen Woche der Pianist und Komponist Leon Gurvitch. In dessen Band Leon Gurvitch Projekt gastierte der Trompeter Paul Brody. Der 51-jährige Amerikaner gehört zu den Musikern, die in den neunziger Jahren in New York schwermütige Melodien und ausgelassene Rhythmen osteuropäischer Juden mit progressivem Jazz fusionierten - und über die Jewish Radical Culture ihre Identität fanden. "Ich könnte keine Klezmer-Musik ohne meine Verbindung zu meinem Jüdisch-Sein spielen", sagte Brody 2005 dem Fachblatt "Fono Forum". Der Musiker ist von New York nach Berlin gezogen und lehrt an der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Die Frage "Können Nicht-Juden Klezmer spielen?" konterte Brody mit der Gegenfrage: "Können Weiße Jazz spielen?"
Klezmer für alle
Brodys junger Kollege Gurvitch weist auf seinen aus Kuba stammenden Bassisten Omar Rodriguez Calvo - in seiner Band wirken Musiker aus vielen Ländern und Kulturen mit. Gurvitch kam 2001 aus dem weißrussischen Minsk nach Hamburg. Als klassisch ausgebildeter Pianist und Komponist schreibt der 33-Jährige Kammermusik und Werke für Chor und Orchester. Sein Klezmer-Projekt sieht er ohne ideologischen Hintergrund: Er sei "nicht im traditionellen Sinne gläubig"; für ihn sei "Musik eine Art Religion", weil sich in ihr "alle Facetten menschlicher Existenz von der Komödie bis zum Drama finden", erklärt er. Klezmer erklingt ebenso auf Tanzfesten wie auf Beerdigungen.
Jüdische Emigranten brachten die Musikform im 19. Jahrhundert aus Osteuropa in die USA. Dort hielt sich Klezmer vor allem in New York. Mit dem Welterfolg des Musicals "Anatevka" ("Der Fiedler auf dem Dach") Ende der sechziger Jahre ist die Musik auch außerhalb der jüdischen Community erfolgreich geworden. Alte Songs aus dem Shtetl erlebten eine Renaissance. Klezmer wurde World Music, Amateur- und Profi-Bands spielten Klezmer, eine vergessene Kunst wurde fast zum Kult. So feierte Deutschland den Klarinettisten Giora Feidman wie einen Popstar. Der in Argentinien aufgewachsene jüdische Virtuose, der 18 Jahre lang im israelischen Symphonie Orchester das klassische Repertoire spielte, begeistert die Leute nun in etlichen Genres - mit Tango, Latin Music, Gipsy Swing, Jazz und Klezmer.
Im deutschen Jazz fand die ursprünglich jüdische Musik höchste Anerkennung, als Klezmer Bands 1999 zum Jazzfest Berlin eingeladen wurden. Albert Mangelsdorff, der damalige künstlerische Leiter, hatte sich viele Gruppen angehört und für drei entschieden, deren Improvisationen ihn besonders beeindruckten und deren Rhythmus swingte. Heute finden etliche Jazzfreunde die leidenschaftliche Spielfreude der Klezmer-Musiker attraktiver als die verkopfte Tonkunst vieler Künstler der jungen Generation. Klezmer Jazz wird im April bei Jazzahead in Bremen zu hören sein. Israel ist in diesem Jahr Partnerland der Fachmesse mit Festival, die zu Europas wichtigsten Jazzevents zählt. Eingeladen zu Jazzahead wurde auch das Leon Gurvitch Project.
CDs:
Leon Gurvitch Project: Eldorado. Morgenland; 19,99 Euro.
Florian Weber: Minsarah. Enja; 19,99 Euro.
Giora Feidman und Gitanes Blondes: Very Klezmer. Pianissimo; 13,39 Euro.
Live-Termine im März:
Giora Feidmann: 16.3. beim Internationalen Jazz-Festival Oberkochen;
Leon Gurvitch: 22.3. Einklang-Kulturloft Hamburg;
Florian Weber mit Minsarah: Tournee ab 20.3. (Beginn Hamburg), weitere Termine.
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- Samstag, 02.03.2013 – 09:04 Uhr
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