Klingelton-Boom Pop und Piepen

Erst klingelt das Handy, dann die Kasse - Jingles für Mobiltelefone bescheren den Musikkonzernen ein Millionengeschäft. Ein Boom mit Folgen: Popsongs könnten bald nur noch aus einem eingängigen Refrain bestehen, über Erfolg oder Misserfolg entscheidet die Klingeltontauglichkeit.

Von Ulf Lippitz


"Rave Hippo" von Jamba: Das klingt nach Umsatz

"Rave Hippo" von Jamba: Das klingt nach Umsatz

Tom Lang hat dieses Jahr den größten Erfolg seiner Musikkarriere geschrieben: ein Jingle, nicht länger als 30 Sekunden. Er verkauft sich wie geschnitten Brot - aber nicht auf einem Tonträger, den man im Laden, sondern als Klingelton, den man über den Anbieter Jamba erwerben kann. Im Frühjahr überflügelte das simple Keyboard-Thema, zu dem in der Werbung ein Comic-Flußpferd tanzt, gestandene Stars wie Usher und Eminem. Jetzt veröffentlicht die Hamburger Plattenfirma Kontor den Titel in einem Remix. Es ist der erste in Deutschland produzierte Klingelton, der auf Platte gepresst wird.

Klingeln für die Kids, Piepen für die Branche

Das "Rave Hippo" läutet eine neue Ära ein: die Produktion von Titeln für den Klingeltonmarkt, die später im regulären Handel für Kaufimpulse sorgen sollen. Für den 36-jährigen Lang eine logische Entwicklung. Zehn Prozent Umsatz eines Musikkonzerns rechnet man mittlerweile den Klingeltönen zu. Die Tendenz ist steigend. In den Plattenfirmen entstehen eigene Abteilungen, die den digitalen Markt sondieren. Anbieter wie Marktführer Jamba erwarten astronomische Zuwachsraten.

US-Superstar Usher: Mit Synthie-Sounds zum Klingelton-Klassiker
AP

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Die technischen Möglichkeiten haben gehörige Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Musik. Das Telefon klingelt zehn, im Höchstfall 30 Sekunden. In dieser Zeit muss ein Musikthema auf den Punkt kommen, mitreißen und darf nicht abbrechen. Als Ushers Single "Yeah" mit den markanten Synthie-Sirenen dieses Jahr herauskam, dachten viele "Was für ein toller Klingelton!" - und nicht "Was für ein tolles Lied!". Jamba-Pressesprecher Tilo Bonow bestätigt, dass sich der Ton überdurchschnittlich gut verkaufte. "Ein Elektro-Beat, der sich an die Achtziger anlehnt - das ist schon ein Garant für einen guten Absatz", sagt er.

Das wissen auch die Musiker. Robbie Williams lieferte bereits 2000 auf dem Album "Sing When You're Winning" die Vorlage: "I seem to spend my life waiting for the chorus/ Cause the verse is never nearly good enough". Wer will sich durch eine öde Strophe quälen, wenn er nur den zackigen Refrain haben kann? "Es macht kommerziell extrem viel Sinn, schnell auf den Punkt zu kommen", sagt auch Stefan Schulz. Er arbeitet als Digital-Rights-Manager bei Deutschlands größter Plattenfirma Universal Music, warnt aber davor, Klingeltöne als neue Musikform zu missverstehen. "In einem Klingelton ist ein Lied nur auf die Spitze konzentriert", so Schulz.

Das Paradox, das die Branche umtreibt, kann jedoch auch er nicht erklären. "Es ist selbstverständlich, für ein Derivat wie den Ton 1,99 Euro zu bezahlen, aber niemand ist bereit, eine Single für denselben Preis zu kaufen", wundert sich Schulz. Über zehn Millionen Klingeltöne hat allein Jamba im vergangenen Jahr verkauft, der gesamtdeutsche Absatz von Singles rutschte im selben Zeitraum von 36,3 auf 24,4 Millionen. In Großbritannien wurde letztes Jahr sogar mehr Geld mit Klingeltönen als mit Singles verdient. Überall in der westlichen Welt diskutieren Branchenkenner die Neustrukturierung der herkömmlichen Verkaufscharts: eine Listung nicht mehr nur per Absatz in den Läden, sondern inklusive der herunter geladenen Lied-Derivate.

 Pop-Held Robbie Williams: Der Vers ist niemals gut genug
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Kein Zweifel also: Langfristig wird der Boom Auswirkungen auf den ökonomisch wackligen Singles-Markt haben. Insbesondere die in den neunziger Jahren etablierten Remixe stehen zur Disposition. "Die kommerzielle Bedeutung von Remixen als Bewerbung für eine Single wird deutlich geringer werden", glaubt Schulz. "Ich bin, was ich herunterlade" - das Motto gilt für die umworbene Gruppe der 14- bis 29-Jährigen.

Bimmeln auf Kosten der Botschaft

"Für die Jugend ist das ein absolutes Statussymbol", sagt Bonow. Mögen die restlichen U-Bahn-Passagiere einen Klingelton von Beyonce oder 50 Cent auch als Zumutung empfinden, der jugendliche Besitzer profiliert sich damit als up to date unter seinesgleichen. Das mit einem Hit aufheulende Mobiltelefon ist zum Symbol einer von massiver Werbung beeinflussten Jugendkultur geworden. Wo sich früher Punks Sicherheitsnadeln in die Ohrläppchen steckten, spielt heute der Klingelton den Soundtrack für die HipHop-Generation.

Aber nicht alle wollen beim großen Klingeln mitmachen. Künstler wie Herbert Grönemeyer, Wir sind Helden und Rammstein weigern sich, ihre Lieder als herunter ladbare Angebote freizugeben. Für Jingle-Komponist Lang ein grundsätzliches Problem: "Ein Klingelton genügt manchen Künstlern nicht, vor allem, wenn sie Wert darauf legen, eine Botschaft zu vermitteln." Langs Verfahren, "die Musik für Kiddies sofort erkennbar zu machen", missfalle zahlreichen Musikern, da kommerzielle Wertschöpfung und kreatives Selbstverständnis für viele unvereinbar seien. "Glaubwürdigkeit spielt gerade im Rock-Bereich eine große Rolle", erklärt Schulz.

Klingel-Kontrahent Grönemeyer: Glaubwürdigkeit in Gefahr
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Ein weiteres Problem: die Technik. Bis vor kurzem wurden alle Titel im Studio neu eingespielt und in Formate wie monophon oder polyphon umgewandelt. Das ist die Aufgabe von Tom Lang. Nicht immer freuen sich die Urheber über das Resultat. "Es stößt viele Künstler ab, den größten kommerziellen Nutzen aus einem Produkt zu ziehen, das vielleicht schlecht klingt", sagt Schulz.

Jetzt gibt es Handys mit MP3-Funktionen, das heißt, die Songs können als Original-Samples abgespeichert werden. Der Universal-Manager glaubt, damit auch Skeptiker zum Klingeltonvergnügen zu bekehren. "Da wird Herbert dabei sein", prophezeit er. Lang ist unterdessen weiter fleißig. Nach dem Erfolg des "Rave Hippo" will er weitere Themen komponieren, die ein ähnliches "Feeling" transportieren. "Da kommt auf alle Fälle mehr", freut sich der Telefon-Neutöner.



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