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10. August 2018, 11:21 Uhr

Musical-Persiflage "König der Möwen"

Das gallische Dorf soll in die Hafencity

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Die besten Komödien sind Tragödien voller Gags. So auch das Hamburger Subkultur-Musical "König der Möwen" von Andreas Dorau, das nun Premiere hatte. Unterschwellig fragt es: Kann Haltung haben alt werden?

Irgendwann stehen sie alle um den Tresen des "Rillenreiters" herum und trinken Café Latte aus überdimensionierten Pappbechern. "Schmeckt nicht schlecht", findet einer der nicht mehr ganz jungen Stammkunden, die im fiktiven Schanzenviertel-Plattenladen von Hans Reiter ihre Zeit totschlagen.

Doch Sanni (Kerstin König), die junge Angestellte, hat den Latte nicht beim angestammten Portugiesencafé gekauft: "Den hab ich von Hanse Coffee, dieser neue Laden, da wo vorher Eisenwaren Campe drin war." Die Stammkunden spucken aus, Gentrifizierungsalarm! Verdrängerladen-Kaffee, bäh!

Dass der Latte vom Hipster nicht gut schmecken darf, ist nur einer von tausend Gags, mit denen das Subkultur-Musical "König der Möwen" gespickt ist, das der Ex-NdW-Popstar Andreas Dorau ("Fred vom Jupiter"), der Autor, Ex-Plattenhändler und Musikmanager Gereon Klug sowie der Regisseur Patrick Wengeroth erdacht haben. Die Gagdichte ist hoch, eigentlich ist alles Gag in dieser "musikalischen Dramödie", uraufgeführt beim Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg.

Nicht zuletzt die Handlung, eine Mischung aus Nick Hornbys "High Fidelity" und Tino Hanekamps Hamburg-Roman "So was von da": Plattenhändler Hans Reiter, ein gescheiterter Konzertveranstalter und Ex-Linksaktivist (großartig gespielt von Andreas Schröders), steht permanent vor der Insolvenz und verbringt seine umsatzarmen Tage mit seinen männlichen Stammkunden, die von früheren Zeiten träumen und darüber räsonieren, ob das neue Slime-Album jetzt "überraschend okay" oder doch bloß "Faltenrock" ist.

Um Kunden anzulocken, versucht Reiter einen Mitternachtsverkauf des neuen Tocotronic-Albums zu organisieren ("Wie bei Harry Potter") und lädt zu Konzerten nach Feierabend ein. Doch der Musikkonzern Universal liefert nicht rechtzeitig und die eingeladene Nachwuchsband hat ein schwerwiegendes Identitätsproblem, sie benennt sich permanent um - von "Ben Ben Ben" in "Die New Feelings" in "Zpiderz" etcetera - und ändert jedes Mal komplett ihren Stil.

Ironie als Renitenzstrategie

In dieses Tohuwabohu platzt Katja (Eva Löbau), eine Verflossene und Ex-Genossin des Plattenhändlers; heute als Mitarbeiterin der stadteigenen "Hamburg Marketing" dafür zuständig, dass die Subkultur-Szenen der Stadt auf die "Marke Hamburg" einzahlen.

Katja verrät dem klammen Hans Reiter ein Geheimnis: Hinter dem Pseudonym eines seiner treuesten Mailorder-Kunden verbirgt sich der amerikanische Präsident, der insgeheim Fan der Hamburger Musik-Subkultur ist. Eben dieser Präsident kommt nun in die Hansestadt - um ihm einen Besuch in Reiters Plattenladen zu ermöglichen, müsste das Etablissement allerdings kurzfristig aus dem linken "Gefahrengebiet" Schanzenviertel in die sichere und polizeilich besser zu kontrollierende Hafencity verlegt werden. Für diesen Umzug bietet "Hamburg Marketing" Reiter eine Summe, mit der er endlich seine ausstehenden Rechnungen begleichen kann.

Wird der Plattenhändler den schändlichen Pakt mit den Imageprofis schließen, um so seinen Laden, einer der letzten seiner Art, vor der Pleite zu retten? Oder wird er unbeugsam bleiben, auf den Rat seiner Stammkunden hören ("Du bist doch das gallische Dorf!") und womöglich den Hungertod sterben?

Na klar: In dieser Musical-Persiflage ist alles so überironisiert, dass auch der faustische Kern und Grundkonflikt wie eine Karikatur daherkommt. Gerade im Hamburger Underground hat die Flucht in Ironie, Sarkasmus und Überaffirmation eine lange Tradition als Renitenzstrategie.

Doch wie bei allen guten Komödien lauert auch in dieser unter all den Gags eine echte Tragödie. Eigentlich berichtet "König der Möwen" nämlich vom Bedeutungsverlust von Popkultur und davon, dass eine Haltung haben furchtbar alt geworden ist. In einer besseren Welt würde "König der Möwen" in der selbsternannten Musicalhauptstadt Hamburg in einem eigens dafür errichteten Hafentheater fünf Jahre lang en suite laufen. Aber andererseits: Was für eine schreckliche Vision!


"König der Möwen" von Andreas Dorau, Gereon Klug und Patrick Wengeroth: Vorstellungen auf Kampnagel, Hamburg im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals am 10.,11. und 12.8., alle ausverkauft, Warteliste für Restkarten. Infos hier.

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