Burt Bacharach in Berlin Der Mann, der fast alles kann

Burt Bacharachs Musik prägte die amerikanische Kultur und ihr Profil in der Welt. Jetzt trat der große Music Man erstmals unter eigenem Namen in Deutschland auf.

Burt Bacharach in Berlin
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Burt Bacharach in Berlin

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Mit den Begrüßungsworten "Es ist gut, wieder zurück zu sein!" verblüffte Burt Bacharach wohl die Jüngeren seines bunt gemischten Publikums im Berliner Admiralspalast, als er kurz nach 20 Uhr auf der Bühne stand, um in einen gut kontrollierten Konzertrausch der Evergreens einzutauchen. Doch, erläuterte der Maestro, er sei schon einmal auf Deutschlandtournee gewesen, damals als Bandleader von Marlene Dietrich bei ihrer ersten Konzertreise nach dem Zweiten Weltkrieg. Burt Bacharach feierte am 12. Mai seinen 90. Geburtstag. Längst kein Grund für ihn, sich zur Ruhe zu setzen. Vor kurzem trat er in London auf, in den USA spielt er oft in Edel-Clubs und gibt den Elder Statesman des klugen Pop. Sein Repertoire hierfür erscheint unerschöpflich.

Mit kluger Dramaturgie des Programms, launigen Conférencen und einer perfekten schnurrenden elfköpfigen Band absolvierte Burt Bacharach, geboren in Kansas City, eine coole Show, die ebenso die lässige Perfektion des US-Showbusiness wie seine bahnbrechenden Talente als Komponist, Pianist, Arrangeur und Innovator der Popmusik dokumentierte. Sein Alter spielte kaum eine Rolle, beim Mann, der fast alles kann.

"What The World Needs Now" brachte Bacharach gleich den ersten frenetischen Jubel ein, den er wie beinahe stets mit verschmitztem, aber auch gerührtem Lächeln quittierte. Auch das gehört dazu, dass man sich gemeinsam freut, wenn die alte Frage "Do You Know The Way To San José?" mal wieder klipp und klar beantwortet wird. Überhaupt nehmen die Songs von Dionne Warwick einen würdigen Raum in der Setlist ein, der Sängerin, die Bacharach entdeckte und ihr 1963 mit "Don't Make Me Over" den ersten Hit bescherte. Nur eine von vielen Seiten im Great American Songbook, die er und sein Texter Hal David gemeinsam aufschlugen.

Alte Flops mit überragenden Akzenten

Aber Burt Bacharach beschränkt sich, selbstbewusst wie er ist, nicht auf wohlbekannte Hits, sondern wandert auch zu neuen Songs und alten Flops. Wie etwa dem Drifters-Song "Mexican Divorce", für den seinerzeit einfach kein Airplay bei den Rundfunksendern zu bekommen war. "Scheidung? Kein Thema im konservativen Amerika damals", kommentiert Bacharach lachend die mit virtuoser Flamencogitarre vom Solosänger seiner Band servierte Version. Überhaupt setzten die drei Vokalsolisten - zwei Sängerinnen, ein Sänger - überragende Akzente. Der Beifall war entsprechend.

Bei den neuen Songs - wenige sind es - spürt man erstmals eine altersmilde Melancholie Bacharachs, seine Stimme bricht ein wenig, was sie aber nur noch anrührender macht. Ganz so, wie ein Beispiel aus seiner Zusammenarbeit mit Elvis Costello - auch schon wieder 20 Jahre her! -, das sich anhört, wie der Abgesang vom Leben und der Liebe. "This House Is Empty Now" bewegt das Publikum erneut bis an die Emotionsgrenze, knapp zweitausend Menschen sind sich da offenbar einig.

Und doch ist die so gekonnt durchdeklinierte Trauer nur eine Facette des melodisch-harmonischen Kosmos Bacharachs, dessen Untiefen und Überraschungen neben Popkollegen auch Experimentalmusik wie Frank Zappa und John Zorn faszinierte. "My Little Red Book" wurde zum Flop für Manfred Mann, aber die Avantgardisten der Band Love (Arthur Lee) katapultierten den komplexen Song zum Hit. Immer wieder, in nahezu jedem Song bricht Burt Bacharach aus dem erwartbaren Ablauf aus, wendet und dreht die Akkorde, baut Steigerungen ein, ohne jemals sein Publikum zu verlassen. Stets kann man ihm folgen, ohne sich zu verlieren. Eine Art der Popkunst, die ihm fast ganz allein gehört.

Der Künstler gerührt, das Publikum im Glück

Natürlich reisst er mit einem forschen Medley seiner Film-Evergreens den Admiralspalast gegen Konzertende noch einmal spielend aus der Träumerei, die unvermeidlichen "Raindrops Keep Fallin' On My Head" erfrischen, aber auch nicht ganz so bekannte Fetzer wie "The Man Who Shot Liberty Valance" und Tom Jones's Hit "What's New Pussycat" finden statt. Stellenweise spielt auch sein Sohn Oliver sehr anständig Keyboards, der Vater ist stolz.

Als Burt Bacharach im Rahmen des Final-Medleys der gewichtigen Songs sein vielleicht beglückendstes Werk "Alfie" von 1966 singt, kann man das Emotionslevel nicht mehr steigern. Standing Ovations wie schon einige Male während des Konzertes, überwältigender Jubel für einen stellenweise fast jugendlich wirkenden 90-jährigen Künstler. Der Admiralspalast stand Kopf, ein Publikum im Glück. Burt Bacharach schien selbst ehrlich gerührt und kündigte sein Wiederkommen an. Diesmal, ohne Marlene, hätte es ihm hier auch ganz toll gefallen.



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