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Komponisten-Legende Lalo Schifrin: "Man muss dankbar bleiben"

Seine Titelmelodie zur TV-Serie "Mission Impossible" ist ein moderner Klassiker, seine Film-Scores haben Kultstatus: Lalo Schifrin ist einer der meistzitierten Musiker der letzten Jahrzehnte. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem 72-Jährigen über sein umfangreiches Werk, über Demut und Diego Maradona.

Komponist Schifrin: "Als hätte ich drei Ehefrauen"
www.martin-menke.com

Komponist Schifrin: "Als hätte ich drei Ehefrauen"

SPIEGEL ONLINE

Herr Schifrin, neben Ihrer Arbeit als Komponist von Film- und TV-Musik-Klassikern zu "Dirty Harry" oder "Mission Impossible" haben Sie u. a. auch die Musik für die Finalspiele von vier Fußball-Weltmeisterschaften komponiert. Was verbindet Sie neben der Tatsache, dass Sie im Fußball-Land Argentinien geboren wurden, mit dem Ballsport?

Schifrin: Sie sagen es schon, in Argentinien genießt Fußball einen enormen Stellenwert. Ich selbst habe auch Fußball gespielt, und manchmal mache ich das heute noch, wenn auch längst nicht mehr so häufig wie zu meiner Teenager-Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Fußball-WM und Film-Scores machen nur ein Bruchstück Ihres Gesamtwerks aus. Hinzu kommen Symphonien, Jazz und Klassisches. Sind Sie ein Workaholic?

Schifrin: Nein, ich sehe mich als ein Junge, der eine Uhr öffnet, um zu sehen, was sich in ihr befindet, und der verstehen will, wie sie funktioniert. Entscheidend ist, dass ich diese Uhr dabei nicht kaputt mache. Und genauso verfahre ich mit der Musik anderer Künstler. Ich schaue mir alles an, versuche zu verstehen, wie sie arbeiten, und ich sehne mich noch immer danach zu entdecken, wie etwa Beethoven, Mozart oder Wagner ihre Probleme beim Komponieren und Orchestrieren gelöst haben. Schließlich suche ich mir das heraus, was ich für meine Musik brauche. Ich bin also wohl ein Eklektiker ...

SPIEGEL ONLINE: ... der auch mit 72 noch die Kraft hat, nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent und Pianist zu arbeiten. Was macht Ihnen die meiste Freude?

Schifrin-Lehrer Olivier Messiaen: Das Handwerk von der Pike auf gelernt
DPA

Schifrin-Lehrer Olivier Messiaen: Das Handwerk von der Pike auf gelernt

Schifrin: Schwer zu sagen, ich mache alles gern und sehe mich nicht ausschließlich als Komponist, der hin und wieder dirigiert, oder als Musiker, der nebenbei komponiert. Es ist so, als hätte ich drei Ehefrauen, die ich alle in gleichem Maße liebe und von denen ich keine der anderen vorziehe. Ich sehe mich als Music-Maker, als einer, der Musik macht mit allen ihm gegebenen Möglichkeiten. Was sollte ich auch sonst tun - Musik ist mein Jungbrunnen. Etwas anderes kann ich nicht!

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben Sie neben der Musik auch Jura studiert.

Schifrin: Stimmt, ich habe aber nie als Anwalt gearbeitet. Dennoch war dieses Studium hilfreich, weil ich stets wusste, worauf zu achten ist, wenn man einen Vertrag abschließt.

SPIEGEL ONLINE: Und Verträge dürften Sie eine Menge abgeschlossen haben, schließlich gelten Sie als einer der meist gesampelten Künstler.

Schifrin: In der Tat habe ich oft gerade aus dem HipHop-Bereich Lizenz-Anfragen für meine Musik, und ich bin immer wieder erstaunt, wie viele zeitgenössische Künstler meine Musik kennen. Und dabei geht es längst nicht nur um "Mission Impossible".

SPIEGEL ONLINE: Wie entscheiden Sie, wer samplen darf, wer nicht?

Schifrin: Ich lasse mir die jeweiligen Aufnahmen schicken, und wenn mir gefällt, was ich höre, dann sollen sie die Lizenz haben, schließlich kann ich auch damit Geld verdienen. Kürzlich hat mich der Chefredakteur eines der wichtigsten amerikanischen HipHop-Magazine interviewt und am Ende gesagt: "Mr. Schifrin, ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie der Guru der HipHop-Musik sind?" Nein! Ich hatte wirklich keine Ahnung!

SPIEGEL ONLINE: Ewig jung bleibt Ihre wohl populärste Komposition, die Titelmelodie zur TV-Serie "Mission Impossible", an der sich auch U2 schon versucht haben.

Schifrin: Es schmeichelt mir, dass so viele Menschen "Mission Impossible" kennen und lieben und dass dieses Stück immer wieder auch zeitgenössische Musiker inspiriert hat - wie zum Beispiel U2.

SPIEGEL ONLINE: Oder Ihren Komponisten-Kollegen Hans Zimmer, heute der wohl erfolgreichste Score-Schreiber in Hollywood, der für den Film "Mission: Impossible 2" das Thema neu interpretiert hat.

Schifrin: Ich mag Hans' Arbeit durchaus, seine Version von "Mission Impossible" ist okay.

SPIEGEL ONLINE: Haben Künstler wie Zimmer oder Sie selbst heute einen ähnlich großen Einfluss wie damals Bach, Beethoven und Mozart?

 Kung-Fu-Held Bruce Lee: Kämpfen mit der Disziplin des Klavierspielers
AFP

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Schifrin: Auf gar keinen Fall. Ich sehe weder ihn noch mich unter den größten Komponisten der letzten hundert Jahre. Mit Strawinsky, Ravel oder Stockhausen, um nur einige zu nennen, können wir ganz sicher nicht mithalten. Es gibt eine wunderbare Anekdote über Beethoven, die zeigt, wie sehr dieser Künstler seine Musik gelebt hat. Während seiner Wiener Zeit war er einmal so versunken in seine Arbeit, dass er tagelang durch den Wald irrte. Als er dann von der Polizei aufgegriffen wurde, hielt die ihn für einen Clochard und steckte ihn ins Gefängnis. Niemand wollte ihm zunächst glauben, dass er als Musiklehrer am Hofe arbeitete. Später hat er einmal gesagt: Es gibt viele Prinzen, aber es gibt nur einen Beethoven! Diese Leidenschaft, sein Genie und sein Selbstverständnis, machen den Unterschied aus zwischen Beethoven auf der einen und Hans Zimmer oder mir auf der anderen Seite.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie Filmmusik als selbstständige Kunstform, oder braucht jeder Score auch "seinen" Film, um Wirkung zu entfalten?

Schifrin: Wenn ich meinen oder auch den Score eines anderen Komponisten als Konzert mit einem Symphonie-Orchester aufführe, dann bedarf das einer gewissen Überarbeitung. Ich re-arrangiere und re-orchestriere die Musik, um dem Publikum so darüber hinweg zu helfen, dass bei der Aufführung der visuelle Aspekt des Films verloren geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange benötigen Sie in der Regel für einen Score?

Schifrin: Etwa sechs Wochen. Manchmal geht es aber auch schneller. Die Musik zu "Tango" von Carlos Saura habe ich auf dem Flug von Buenos Aires über Miami nach Los Angeles innerhalb von 14 Stunden geschrieben. Ich war so inspiriert vom Zusammentreffen mit Saura, dass ich den kompletten Score an Bord auf Papier-Servietten und in der Lounge in Miami geschrieben habe. Zuhause musste ich diesen Papier-Wust erst einmal Ordnung bringen.

SPIEGEL ONLINE: Diese Anekdote mit Saura zeigt, wie sehr Sie trotz aller Erfolge offensichtlich selbst ein Fan geblieben sind.

Schifrin: Stimmt, ich glaube kaum, dass Sie sich vorstellen können, welche Ehre es für mich bedeutet, dass man mich nach Bonn, in die Geburtsstadt Beethovens eingeladen hat. Ich besitze eine Faksimile-Ausgabe seiner Neunten Symphonie. Von diesen Faksimiles gibt es gerade einmal hundert Stück. In meiner Hotel-Suite steht ein Flügel, und ich musste mich sofort ans Klavier setzen, um eine von Beethovens Sonaten zu spielen. Das ist wie ein Zwang.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihr Handwerk von der Pike auf bei Olivier Messiaen, einem der bedeutendsten Komponisten der Moderne, gelernt. Sind Ihnen Veranstaltungen wie "American Idol" oder "Deutschland sucht den Superstar" nicht unerträglich?

Schifrin: Nein, ich sehe das nicht so akademisch. Wenn jemand gerne unter der Dusche singt und damit vielleicht sogar eine Karriere als Musiker anstrebt, bitte schön, warum nicht? Ich bin der Auffassung, dass Platz genug für alle da ist. Und letztlich wird die Geschichte erweisen, was von bleibendem Wert ist und was nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Halbwertszeit gängiger Popmusik ein?

 Inspirationsquelle Beethoven: "Wer die Kunst als Mittel zum Zweck missbraucht, den wird die Zeit vergessen"
AP

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Schifrin: Ich will mich nicht als Richter aufspielen. Soviel aber kann ich sagen: Es gibt Musik, die ist wie Mode. Und Mode wechselt nun einmal in bestimmten Abständen. Ob das, was gestern noch angesagt war und heute out ist, irgendwann zurückkommt, das wird die Zeit zeigen. Wer aber seine Kunst nicht ernst nimmt und nur als Mittel zum Zweck auf dem Weg zur Berühmtheit versteht, den wird die Zeit vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Hören Sie überhaupt Pop-Musik?

Schifrin: Mir bleibt kaum Zeit, Musik zu hören. Allerdings habe ich in meinem Haus in Los Angeles ein Fitness-Studio, wo ich mich mit Kraft- und Ergometer-Training fit halte und dabei manchmal ein wenig Musik höre.

SPIEGEL ONLINE: Fußball haben Sie schon erwähnt, Gewichte stemmen Sie auch. Sport scheint eine wichtige Rolle in Ihrem Leben zu spielen.

Schifrin: Sie werden lachen, neben Fußball und Rugby habe ich auch sehr häufig Tennis gespielt, bis ich das Glück hatte, Bruce Lee kennen zu lernen. Seitdem trainiere ich Karate und habe es immerhin bis zum schwarzen Gurt gebracht. Es bedurfte einiger Disziplin, aber daran war ich durch das Klavierspielen schon gewöhnt.

SPIEGEL ONLINE: Also sind es doch Können, Neugier und Disziplin, die den Künstler ausmachen?

Schifrin: Und Bescheidenheit und Demut! Wir haben zu Beginn über Fußball gesprochen - Diego Maradona ist ein trauriges Beispiel dafür, wie ein großer Künstler gescheitert ist, weil ihm die Demut fehlt. Obwohl ich Argentinier bin, würde ich den Brasilianer Pelé Maradona immer vorziehen. Pelé ist ein Gentleman, während Maradona nie wirklich bereit war für den Erfolg. Er hat seine Unsicherheit hinter Arroganz und Angabe verstecken müssen. Das konnte nicht gut gehen! Man muss immer dankbar bleiben für den Erfolg. Wer das vergisst, wird zwangsläufig scheitern.

Interview: Andreas Kötter

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