Komponistin Tabakova Verführerin, für alles offen

Sie gehört zu den wenigen zeitgenössischen Komponistinnen, die ein größeres Publikum finden. Die junge, in Großbritannien lebende Bulgarin Dobrinka Tabakova mischt Folklore mit Avantgarde - und ihre neue CD hat das Zeug zum veritablen Hit.

Sussie Ahlburg/ ECM

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Am besten mit dem guten Schluss beginnen und das fünfte Stück zuerst hören: Dobrinka Tabakovas neue CD "String Paths" (ECM) endet mit der Komposition "Such different paths", das die Weltklasse-Geigerin Janine Jansen und ihr Kammerensemble mit einer Verve durchbrausen, wie man es sich nur wünschen kann. So muss das klingen, wenn in dieser Komposition Elemente bulgarischer Volksmusik als vibrierende Melodiegeber auf splitternde Dissonanzen treffen.

Ein kompaktes Stück, melodisch eingängig und typisch für Tabakovas Komponierstil. Die urwüchsige Kraft darin reißt Interpreten und Hörer mit. Ein ebenso erfreulicher wie erwartbarer Effekt, denn Janine Jansen und Spectrum Concerts Berlin sind Widmungsträger des 16-minütigen Werkes. Das siebenköpfige Ensemble entfacht bei den im Kern schlichten Melodien und riff-artigen Themen fahl leuchtendes Feuer, um auf den im Titel beschworenen verschlungenen Wegen ins Ziel zu tanzen. Mit gerade mal 33 Jahren hat Dobrinka Tabakova noch das forsche Temperament der Jugend, verbindet es jedoch mit konzentriertem Stilwillen. Diese Qualitäten prägen auch die übrigen vier Stücke des Albums.

Geboren in Plovdiv/Bulgarien, erlebte Dobrinka Tabakova schon früh Musik als essentiellen Bestandteil des Lebens. "Wir gingen regelmäßig in klassische Konzerte, und ich fand alles aufregend, von den Sibelius-Symphonien über Saint-Saens' Konzerte bis hin zu Schuberts 'Winterreise'", erinnert sich Tabakova. "Zunächst habe ich einfach gern gesungen, wollte aber bald unbedingt Klavierspielen lernen, um selbst Teil dieser fantastischen Welt zu werden. Schnell begann ich auf dem Instrument zu improvisieren, und diese Improvisationen waren meine ersten Kompositionen."

Dass sie später auch Strawinsky, John Adams oder Keith Jarrett intensiv eingesogen hat, hört man ihrer eigenen Musik an. Sei es ihre romantisch seidige "Suite in Old Style", die am stärksten von Folk-Tönen geprägt ist, oder "Frozen River Flows" (ein Trio für Akkordeon, Violine und Kontrabass) - stets verwebt Tabakova ihre Einflüsse zu einem dicht strukturierten Teppich, dessen Stil-Patchwork neue musikalische Farbwirkungen ergibt. Zwar erreicht sie in der Kürze etwa ihres "Rivers" nicht die verstörende Wirkung der russischen Komponisten-Kollegin Sofia Gubaidulina, die ebenfalls gern und oft für Akkordeon komponierte ("Fachwerk"), doch der Attraktivität und der verführerischen Melancholie ihrer Musik kann man sich schwer entziehen.

Strahlend wie der "Lohengrin"

Ein weiteres Paradestück ist das dreisätzige, gerade 21-minütige Cellokonzert, das senkrecht startet ("Turbulent" steht über dem ersten Satz) und der Cellistin Kristina Blaumane (auch sie Widmungsträgerin des Werkes) alle Möglichkeit an die Hand gibt, technische Brillanz und Gestaltungskraft zu zeigen. Das kompakte Lithuanian Chamber Orchester (geleitet von Maxim Rysanow) sekundiert dezent und genau, aber nie beiläufig. Der dritte Satz ("Radiant" betitelt, also "glänzend" oder "strahlend" ), ähnelt zu Beginn dem "Lohengrin"-Vorspiel von Richard Wagner, bietet Solistin und Orchester Material für feinste Klangbildung, weite Spannungsbögen und stille Dramatik.

Dobrinka Tabakova, die seit 1991 in London lebt und dort auch ihre musikalische Ausbildung vollendet hat, ist offen für unterschiedlichste Einflüsse, von Isolation hält sie nichts. "Für die Kontinuität einer musikalischen Tradition ist es wichtig, sie weder von der Vergangenheit noch von der Gegenwart abzukapseln", erklärt sie. "Gerade habe ich mich wieder der grandiosen 'Harmonielehre' von John Adams gewidmet, welche sich sehr komplex mit unserer Beziehung zur künstlerischen Vergangenheit beschäftigt." Derzeit bereitet sich Dobrinka Tabakova auf ein Projekt vor, das sie zur New Music Biennal in London und Glasgow im Sommer 2014 beisteuern soll. Außerdem komponiert sie derzeit eine Kantante speziell für das Shakespeare-Jahr 2016. "Besonders freue ich mich jedoch auf die Deutschland-Premiere meines Cellokonzertes in Frankfurt, die im kommenden November stattfinden soll!"


Dobrinka Tabakova: String Paths, ECM Records (Universal), 16,99 Euro



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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
mischpot 29.06.2013
1. Da muss man schon sehr weit vorgedrungen sein
solche Meisterwerke zu komponieren und einer auserlesenen Hörerschaft die dies zu würdigen weis präsentieren zu können.
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