Trommel-Magier Martin Grubinger: Neues vom Hexer

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Er ist ein Ereignis auf der Bühne: Wenn man dem jungen Schlagzeug-Virtuosen Martin Grubinger zuhört, kann man sich schon mal wie in einem Action-Film vorkommen. Nun gibt es seine Interpretation des "Konzerts für Schlagzeug und Orchester" endlich auf CD - als Live-Version natürlich.

Percussion perfekt: Grubinger und Boulez live in Wien Fotos
DPA

An Selbstbewusstsein mangelt es dem jungen Percussion-Solisten Martin Grubinger nicht. Und es wurmte ihn schon immer, dass es für seine Künste so wenig Konzertliteratur gab. Also pirschte er sich vor Jahren schon an den von ihm bewunderten Wiener Komponisten Friedrich Cerha (*1926) heran und fragte ihn kurzerhand, ob er ihm nicht ein neues Schlagzeug-Konzert schreiben könnte. Der Mann, der einst die unvollendete "Lulu"-Partitur von Alban Berg komplettierte, zögerte kaum und zog vom Leder: Was Cerha 2008 für den jungen Wilden an den Trommeln komponierte, stellte in Sachen Komplexität und Anspruch so ziemlich alles bisher Dagewesene in den Schatten.

Gerade recht also für Grubinger: Heute gehört das "Konzert für Schlagzeug und Orchester" nicht nur zum Stammrepertoire auf seinen Tourneen, es wurde auch zu einem Hit für den eigenwilligen Komponisten. Endlich gibt es nun die pure Hexerei auf dem riesigen Instrumentenberg als CD - natürlich als Live-Aufnahme.

Friedrich Cerhas zwischen 1964 und 2012 vielfach preisgekrönte Musik bedient sich einerseits freier Formen, die jedoch in stets nachvollziehbaren Strukturen arrangiert werden. Alles kann bei Cerha passieren, sein Stil fußt auf Strawinsky, erinnert auch an die Klangwelten Ligetis, ohne je einen der Kollegen zu kopieren.

Heftige rhythmisches Eruptionen kennzeichnen gerade sein Schlagzeug-Konzert, das für ein ganzes Arsenal an Orchester- und Solo-Schlagwerk geschrieben wurde: Neben den üblichen Trommeln und Pauken finden auch Klangschalen, Xylophone, chinesische Hängebecken, Vibraphone, Gongs, Röhrenglocken und jede Menge Holzblöcke Verwendung.

Da muss man sich von der Vorstellung eines versonnen vor dem Orchester thronenden oder stehenden Solisten verabschieden. Cerhas Percussion-Künstler ähnelt eher einem sehr beweglichen Hochleistungssportler, der zwischen den Instrumentengruppen hin- und hersprintet. Das Konzert hat er Martin Grubinger gewidmet, und dessen Kondition und Temperament kannte er.

Ein Actionfilm mit Pierre Boulez

Doch alles, was im Konzertsaal mit zirzensischer Sensation und darstellerischer Autorität des Solisten Grubinger über die Rampe dampft, müsste auf CD verpuffen, wenn nicht, wie bei Cerha, die musikalisch eindeutige Qualität in die Klangschale geworfen werden kann. Und Cerhas dreisätziges Konzert, das einem klassischen Symphonie-Aufbau folgt (schnell-meditativ-schnell), verbindet denn auch den überlegenen Klangsinn der Wiener Philharmoniker mit der spritzigen Spiellust Grubingers. Mit Avantgarde-Altmeister Pierre Boulez am Pult, verbinden sich in diesem Live-Mitschnitt aus dem Wiener Konzerthaus (November 2011) Erfahrung und Jugend zu einem Wirbel von Energie und Präzision. Wer mit Phantasie die Augen schließt, der sieht vielleicht einen avantgardistischen Actionfilm.

Wer zu den polyphonen Rhythmen Grubingers doch lieber Bilder hätte, für den ist 2011 die DVD "The Percussive Planet" (Universal) erschienen, die Grubingers Weltmusik-Ambitionen mit Bläsergruppen und kleinen Ensembles im Rahmen eines Auftrittes in Köln eingefangen hat. Auch das überzeugt: Der junge Virtuose (Grubinger wurde am 29. Mai 1983 in Salzburg geboren) verbindet populäre und avantgardistische Stile in Ranggleichheit, der Pass der E-Musik soll für ihn kein Entrée zur lukrativen Pop-Welt sein. Im Gegenteil: Ein Popstar der Klassik ist er eh schon, er zieht ein junges Publikum in die philharmonischen Säle, spricht bei den Konzerten locker mit dem Auditorium und schert sich keinen Deut um die vermeintliche Krise der klassischen Musik.

Uraufgeführtes gibt es von Martin Grubinger 2012 wieder in Hamburg zu hören. Diesmal hat er den chinesischen Komponisten Tan Dun zu einem neuen Schlag-Werk verführt, das am 18. August in der Laeiszhalle erstmals erklingt. Alles neu, alles wie gehabt: Grubinger hext wieder, und die Hallen sind voll. Von nichts kommt aber nach wie vor nichts - man muss schon ein bisschen dafür trommeln.

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
sekundo 21.04.2012
es ist schon erstaunlich! da wird ein junger trommler erstklassig vermarktet, durch sämtliche talk-shows gejagt und die medien fressen die pr-brocken ungeniert. tatsächlich ist der mann ein poser, der sich selbst kaum aushält. musikalisch bietet er nichts als seelenloses geklapper und virtuos ist lediglich sein gepose
2.
TTeubner 21.04.2012
die an allem etwas schlechtes sehen und dies auch kundtun müssen! Und wenn schon! Wie jeder Künstler muss er davon leben und warum soll er den Erfolg nicht geniessen? Wegen ein paar Neidern...? Dieser "Poser" hat seit seiner Jugend geübt wie ein Bessesener und er interessiert Menschen für Musik, ob einem die Musik nun gefällt oder nicht. Was haben Sie bisher kontruktives geleistet, um Menschen für etwas zu begeistern, außer vor Neid mit Dreck um sich zu schmeissen?!
3.
sekundo 21.04.2012
meun, tteubner! bin selbst schlagzeuger, weiss also wovon ich rede. neidisch bin ich nicht. was nervt, ist die ignoranz der medien und des publikums. dein beitrag ist ein weiterer beleg dafür.
4.
favela lynch 21.04.2012
Nun kann man es doch vielleicht auch so sehen: Nehmen Sie den Grubinger als das notwendige Übel, um mit Cerha in Berührung zu kommen.
5.
TTeubner 21.04.2012
Mein Beitrag ist ein Beleg wofür? Dass, wer nicht Deiner Meinung ist, unrecht hat? By the way. Ich spiele auch Schlagzeug, Klavier und Cello. Und sind die Medien und das Publikum jetzt nur ignorant, weil sie Dich nicht wahrnehmen?
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