Mariah Carey in Köln Auferstanden aus der Sänfte

Mariah Careys Musik ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit, aber ihre Stimme hat nichts an Qualität eingebüßt. Das stellte die US-Sängerin bei ihrem Konzert in Köln unter Beweis - überwiegend im Liegen.

Von , Köln


Laufen? Nein, danke. Mariah Carey lässt sich lieber tragen. Soll die Stimme doch klettern, die Beine müssen es ihr ja nicht gleichtun.

Also rollen der Popdiva am Mittwoch die ersten Töne aus der Kehle, während sie perfekt drapiert im hautengen Glitzer-Nichts auf einer Sänfte liegt. "Sweet Fantasy", flüstert Carey ins Mikro. In ihrer Fantasie dürfte dieser Moment jedoch anders ausgesehen haben. Nur 5000 Menschen sind in die nicht mal zur Hälfte ausverkaufte Kölner Lanxess-Arena gekommen, um das Comeback live mitzuerleben. Würde Carey den Blick in die Realität wagen, sie würde auf leere Ränge schauen.

Dann doch lieber die Fantasiewelt. Die, in der sie nur die Hand ausstrecken muss, um von Männern die Treppe rauf und runter geleitet zu werden. Die, in der ein Nummer-eins-Hit den nächsten jagt; in der der Schrank ausschließlich mit Paillettenkleidchen gefüllt und das einzig relevante Thema die große Liebe ist.

"'Baby' durch fünf Oktaven jagen"

Man kann Mariah Carey belächeln, während sie in Trippelschritten über die Bühne wandert, den Arm zum Melisma in die Höhe räkelt und sich von halbnackten Tänzern mit wehenden weißen Tüchern umspielen lässt. Man kann sie vergleichen mit Branchenriesen wie Beyoncé und darüber meckern, dass die eine gesellschaftlich relevante Themen besingt, während die andere lediglich das Wort "Baby" in hundertfacher Variation durch fünf Oktaven jagt; dass die eine Ticketpreise in Höhe von Hunderten Euro mit bombastischen Bühnenshows wettmacht, während die andere Kindheitsfotos, Neunzigerjahre-Musikvideos und Sonnenaufgänge über die Leinwände sendet; dass die eine die komplette Show durchpowert, während die andere nur noch ausgewählte Passagen live singt und alle paar Minuten zum Luftholen hinter die Bühne verschwindet. Man kann auf die leeren Ränge blicken und Mariah Carey jegliche Relevanz absprechen.

Man kann aber auch anerkennen, dass Mariah Carey genau das liefert, was von ihr erwartet wird - seit 26 Jahren. Careys "Sweet, Sweet Fantasy"-Tour ist ihre Best-of-Gala. Seit ihrem Debütalbum "Mariah Carey" von 1990 hat Carey es mit 18 Songs in die Charts geschafft, zuletzt 2013 mit "#Beautiful". 14 Alben, fünf Grammys, mehr als 200 Millionen verkaufte Platten: Carey ist eine der erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten.

Nur wenig an Stimme eingebüßt

Vor allem ist sie aber eines: noch da. Was das bedeutet, wird im Laufe des Konzerts klar. Denn zu Careys größten Hits zählen jede Menge Kollaborationen. "One Sweet Day" mit Boyz II Men (1995), "When You Believe" mit Whitney Houston (1998), "Heartbreaker" im Remix mit Missy Elliott (1999), "I Know What You Want" mit Busta Rhymes (2003). Die meisten der ehemaligen Wegbegleiter sind - wenn nicht tot - längst in der musikalischen Versenkung verschwunden.

Die ganz großen Hallen vermag Mariah Carey nicht mehr zu füllen. Dass pure Nostalgie dennoch nicht der einzige gute Grund ist, sich ein Konzert der Ende-Vierzigjährigen anzusehen - wie alt genau Carey ist, ist nicht klar - beweist die Sängerin im letzten Drittel ihres Auftritts in Köln.

Denn erst als die Tänzer im Bühnen-Off verschwinden und Mariah Carey mit dem Mikro allein ist, wird klar, dass die einstige Ikone in 13 Jahren zwar einiges an Aktualität, aber nur wenig an Stimme eingebüßt hat. Der von Phil Collins geschriebene Track "Against all Odds" ist ein Highlight der Show, ebenso "When You Believe", das Duett, bei dem Whitney Houstons Part auf der Leinwand eingespielt wird.

Für einen ihrer größten Hits, "Without You" vom Album "Music Box" (1994), wechselt sie noch einmal ins tiefe Register - und ins letzte Glitzerkleid. Randnotiz: Sie singt die Ballade im Stehen.

Am 14. April tritt Mariah Carey in der Olympiahalle München auf. Am 19. April ist sie in der Wiener Stadthalle zu Gast.



insgesamt 20 Beiträge
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Django_DUS 14.04.2016
1. Meine Meinung:
Überschätzt, langweilig, unsympathisch. Nuff said.
der:thomas 14.04.2016
2. Wo sind eigentlich die Feministinnen,
wenn man sie mal braucht? Ständig liest man, wo Frauen doch immer soooo benachteiligt werden... ...und dann kommt wieder so ein Artikel warum jemand mit 45+ nicht mehr im Glitzerkleidchen über die Bühne tobt. Mal sehen wie füllig Branchen-riesen wie Beyoncé 2036 um die Hüften sind (und was das mit den Plattenverkäufen macht)^^^- es bleibt also spannend.
miss_moffett 14.04.2016
3.
Natürlich lässt sie sich tragen! Schon vor vielen Jahren hat sie bekanntgeben, dass ihre Füsse "zu hübsch sind, um darauf zu gehen". Ich mag diese Frau, eine echte Diva eben.
moe_mac 14.04.2016
4. Ein wundervoller Abend mit einer einzigartigen Stimme
Man kann über Mariah Carey sagen was man möchte. Die Frau schreibt, produziert und hat einfach ein Organ, das nicht allzu häufig jemandem in die Wiege gelegt wird. Das Konzert war wundervoll, elegant, stilvoll und im Gegensatz zu den ganzen rasenden, donnernden Shows von Beyoncé, Rihanna und Co. eins: es ging primär um Gesang. Eine Mariah Carey hat es schlichtweg nicht nötig all dieses Gehopse aufsichzunehmen, denn Sie öffnet den Mund und sämtlichen Menschen um mich herum fiel die Kinnlade herunter, was diese Frau zu leisten vermag stimmlich. Da brauchte man das nicht, die Stimme alleine nimmt einen mit auf eine Reise. Auch wenn nicht mehr stimmlich so agil wie mit 23, so singt und stampft sie alle Konkurrenz nach wie vor in Grund und Boden. Eben noch eine Diva, bei der Diva nicht nur Image ist, sondern von Talent sich ableitet. Es war jeden Cent wert und ein wunderschöner Abend.
Shlabotnik 14.04.2016
5. 5 Oktaven?
Wann hört dieser n-Oktaven Schmuh mal auf? Erstens sind wir nicht beim Sport, wo höher, schneller, weiter die Qualität bestimmt. Und zweitens sind 5 Oktaven weiter als die Spanne vom schwärzesten Bass bis zur Königin der Nacht. Eine sehr gut trainierte Sängerin kommt auf zweieinhalb Oktaven, in denen sie singen kann, vielleicht noch eine halbe, in der sie Töne erzeugen kann (die mit Gesang nichts mehr zu tun haben), und das ist es dann auch.
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