Konzertevent Grölen in fremden Wohnzimmern

Rock'n'Roll-Klassiker im Wohnzimmer und Weltmusik im Wasserkraftwerk - für die Konzertreihe "Musik in den Häusern der Stadt" laden private Gastgeber fremde Leute und Musiker in ihre vier Wände ein - wo es alle gemeinsam dann auch mal richtig krachen lassen.

Olaf Becker/Quadro Nuevo

Von Laura Reinke


Wein und Buffet-Häppchen, dazu ein kleines Wohnzimmerkonzert - das klingt ziemlich gediegen. Das dachte sich Unternehmer Stefan Beiten wohl auch. Er stellte letztes Jahr seine Wohnung in Berlin-Lichterfelde als Konzertsaal zur Verfügung - und erlebte dann, wie ein Abend mit Kontrabass und Trommel zur Privatparty mutierte: "Es ging bis 3 Uhr morgens. Gegen Ende kam es völlig ungeplant zu einer Gitarren-Jam-Session, mit Rock'n'Roll-Klassikern zum Mitgrölen."

Die nächtliche Session lief im Rahmen der Konzertreihe "Musik in den Häusern der Stadt", die vom Kölner Verein "KunstSalon" hauptsächlich mit dem Ziel veranstaltet wird, junge Künstler zu fördern; 120 Konzerte verteilt auf sechs Abende, in Berlin, Hamburg, Köln und dem Ruhrgebiet. Doch im Gegensatz zu anderen Festivals finden die Hälfte der Auftritte in Wohnungen und Privathäusern statt, dazu kommen Galerien und Büroräume, aber auch eine Kindertagesstätte, Schwimmbäder, Krankenhäuser, eine Schmiede oder das Studio eines Rundfunksenders. Bei "Musik in den Häusern der Stadt" müssen also keine Opernsäle oder Konzerthallen mit tausenden Plätzen gebucht werden: Die Musiker spielen in meist gar nicht dafür vorgesehen Räumen, nur vierzig bis 150 Gäste hören zu.

Unternehmer Beiten etwa schätzt, dass ungefähr 60 Prozent seiner Gäste Freunde gewesen seien, der Rest Musikliebhaber und Kulturinteressierte, die sich der Musikrichtung nach für eines der Konzerte in seiner Wohnung entschieden hätten. "Das Konzept nimmt aber jede Art der Schwellenangst, Musik als Medium verbindet die Gäste sofort miteinander. Es entsteht eine dynamische Mischung aus alten Freunden und unbekannten Gesichtern."

Beiten ist in diesem Jahr zum zweiten Mal Gastgeber und empfängt an zwei aufeinander folgenden Abenden Musiker und Gäste bei sich zu Hause. Als "Musik in den Häusern der Stadt" vor zwei Jahren erstmalig in Berlin stattfand, war er als Gast dabei und von der Atmosphäre so fasziniert, dass er sich entschloss, das nächste Mal auch sein Wohnzimmer zur Verfügung zu stellen. Freitag werden dort "Unsere Lieblinge" singen, Kontrabass und Schlagzeug spielen; Samstag erklingt Gitarren-Funk-Rock von "The Wild Circus".

Seine Frau und er erwarten dieses Jahr 100 bis 120 Gäste pro Konzertabend. "Das wird sehr voll. Trotz aller Vorbereitung bekommt es dennoch den nötigen Schuss an Improvisation und Spontaneität - also genau die richtige Mischung." Die Vorbereitung für die Abende verliefe wie für eine größere Privatparty. Die Gastgeber organisieren Stühle, Getränke und ein Buffet, denn "hungrig kann man Musik nicht richtig genießen".

Finnischer Tango und junge Künstler

Den genauen Ablauf des Abends überlässt der "KunstSalon" den Gastgebern selbst. Seit 1997 organisiert der Verein "Musik in den Häusern der Stadt" in Köln, seit 2008 auch in Berlin und Hamburg. Dieses Jahr ist die Kulturhauptstadt 2010, die Region Ruhr, zum ersten Mal dabei. Die Veranstaltungsreihe trägt sich über Förderungen der Gastgeber, Sponsoren und die Eintrittsgelder (18 Euro, ermäßigt 11 Euro).

Im Vorfeld planen Mitarbeiter des "KunstSalon", welche Musiker am besten zu welchen Räumen passen, gehen aber auch auf Vorstellungen der Gastgeber ein: Einer hätte sich zum Beispiel mal finnischen Tango gewünscht. Der "KunstSalon" suchte nach entsprechenden Musikern, die dann auch auftraten, berichtet Julia Franzreb, die Berliner Festivalleiterin.

Harfenistin Ulla van Daelen hat dieses Jahr zwei Auftritte: In Essen spielt sie im Duo mit Kontrabassist Urs Fuchs in einem Architekturbüro, in Berlin im Trio - in einer integrativen Kindertagesstätte, die früher mal ein Kino war und deren Spielburg während des Konzerts speziell beleuchtet werden soll. Auch in vergangenen Jahren spielte sie Klassik, Folk und Jazz im Rahmen von "Musik in den Häusern der Stadt". Sie schätzt die "lockere und entspannte Atmosphäre" - vor allem aber, dass sie sehr nah am Publikum ist; "dadurch werden ganz andere Synergien freigesetzt".

In Berlin gibt es dieses Jahr auch ein Konzert in einem Antiquitätenladen - Thomas Guhls Premiere als Gastgeber. Letztes Jahr hatte seine Schwester Konzertgäste in ihrer Wohnung empfangen und ihn danach überredet, als Veranstaltungsort auch seinen Laden zu nutzen. Guhl hat seine "besten, langjährigen Kunden und alle Nachbarn eingeladen" und erwartet "einen zwanglosen Abend, an dem man sich kennenlernen kann." "Die Schwindler" werden sonntagnachmittags auf Kontrabass, Gitarre und Saxofon Jazz, Bossa Nova, Swing und Samba-Töne unter antiken Kronleuchtern spielen - und vielleicht dehnt sich der Nachmittag ja noch bis in die Morgenstunden aus.


"Musik in den Häusern der Stadt" findet vom 2. bis 7. November in Berlin, Hamburg, Köln und dem Ruhrgebiet statt. Tickets (18 Euro, ermäßigt 11 Euro zzgl. VVK) und vollständige Programmhefte auf www.kunstsalon.de

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insgesamt 2 Beiträge
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favela lynch 01.11.2010
1. Gulaschkanone und Bausparvertrag
Himmel, ist das alt. Das ist das Konzept der belgischen Chambres d'amis von 1992. Nun ja, wie man sieht, ist in der Zwischenzeit nichts geschehen. Rein gar nichts. Mit Kunst hat das natürlich alles überhaupt nichts zu tun. Schon eher mit Gulaschkanonone und Bausparvertrag. Um entsprechend alt zu antworten: Gottlob hat sich Kunst seit Anfang der 80er unter dem Pontifikat von Gerahrd Merz in die Zeichenlosigkeit retten können. Was seitdem noch Zeichen hatte, war und ist Zirkus.
Huluvu, 01.11.2010
2. Nachbarn ?
Ich will ja kein Kulturbanause sein, aber ich vermisse trotzdem einen Kommentar über die Reaktion der Nachbarn. Schönen Tag noch ...
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