Wahn-Oper "Die tote Stadt" Jung geblieben wie ein Vampir

Liebe, Tod und Träume: Erich Wolfgang Korngolds Oper "Die tote Stadt" feiert die Besessenheit. Ein echter Tenor-Held beherrscht die Hamburger Neufassung. Klaus Florian Vogt singt, als ginge es um sein eigenes Leben.

Bernd Uhlig

Von


"Forever Young" tönte einst eine deutsche Synthie-Pop-Band mit Namen Alphaville. Wenn man deren Frontman Hartwig Schierbaum nach seinem Lieblingskomponisten fragte, kam ohne Zögern der Name Erich Wolfgang Korngold (1897-1957). Daher nannte er sich auch Marian Gold.

Der Popmusiker hätte garantiert einen Höllenspaß an der "Toten Stadt" gehabt, Korngolds Erfolgsoper von 1920, die jetzt, jung geblieben wie ein Vampir, an der Hamburgischen Staatsoper Premiere feierte. Gerade deshalb, weil die Regisseurin Karoline Gruber keine Pop-Revue aus dieser Besessenheitsstudie um den liebeskranken Totenkult des Helden Paul macht, sondern den Dingen auf den verborgenen Grund geht.

Ebenso wie "Die tote Stadt" der reale Ort Brügge ist und die Oper auf dem Roman "Bruges-la-Morte" von Georges Rodenbach basiert, deckt Gruber in ihrer eigenwilligen Inszenierung die psychologischen Tiefen der Oper und ihres Helden auf. Der wahre Held der Premiere war jedoch Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt, der stimmlich und darstellerisch derzeit wohl weltweit die Traumbesetzung des Träumers Paul ist.

Wuchernder Wahn

Dieser sonderbare Paul trauert seiner toten Geliebten Marie intensiv nach, hat ihr in seiner Wohnung ein Devotionalien-Museum namens "Kirche des Gewesenen" errichtet und bewahrt als kostbarsten Besitz eine blonde Haarsträhne der Toten auf. Das Haar wabert als monströse Projektion von Beginn über dem Geschehen, sofort lässt das hypnotische Bühnenbild (Roy Spahn) den Zuschauer den wuchernden Wahn spüren. Vergeblich versucht sein Freund Franz, den immer weiter in die Isolation driftenden Paul zurück ins Leben zu holen.

Nur seine Haushälterin Brigitta steht ihm zur Seite, bis die attraktive Marietta in Pauls Leben tritt, die seiner verstorben Frau gespenstisch gleicht. Paul verliebt sich in die Tänzerin, beide haben rauschhaften Sex, doch Marietta will ihr freies Bohème-Leben nicht aufgeben. Sie fordert aber die bedingungslose Liebe von Paul, den Verzicht auf den Totenkult. Als Paul immer wieder in seine Traumwelt entgleitet und sie sich obendrein scherzend an der Haar-Reliquie vergreift, bringt Paul sie um. Das alles entpuppt sich am Ende als Wahntraum. Haarsträubend bleibt es aber dennoch. Zum Schluss nimmt Paul sich vor, ein neues Leben zu beginnen. So jedenfalls geschieht es im Original.

Der smarte Kniff von Regisseurin Gruber besteht darin, die ganze Paul-Welt zu einer privaten Illusion umzudefinieren. Haushälterin und Geliebte sind Figuren seiner Träume. Zu allem Traum-Unglück wird Marietta dann als Folge der innigen Zweisamkeit schwanger, was Pauls Stress zusätzlich hysterisiert. Die Regisseurin bebildert den turbulenten Seelentrip über drei Akte in aufsteigender Intensität mit Bildern wie aus einem Horrormovie.

Beisetzung mit Zombie-Ballett

Ein Schiff durchbricht urplötzlich die Bühnendeko (Traumlogik eben!), aber kein Fellini-Schiff rauscht heran, sondern, wie es sich für ironische Psychoarbeit gehört, ein verrosteter Seelenverkäufer mit halbseidener Mannschaft. Pauls Bewusstsein spielt buchstäblich verrückt.

Dazu tritt zum bizarren Totentanz für die ermordete Marietta ein "Beetlejuice"-mäßiges Zombie-Ballett auf, das die vermeintlich Tote mit großem Tamtam zu Grabe trägt. Wunderbar schreckliche Bilder für Todestraumatisierungen aller Arten, wie man sie auch in der Oper finden kann. Schließlich kam die nur zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg auf die Bühne.

Opernchefin Simone Young leitete die vorletzte Premiere ihrer Hamburger Amtszeit mit atemraubender Präzision am Pult. Sie dirigierte das groß besetzte Orchester sicher durch alle Tücken der immens schwierigen Partitur, setzte die intimen kammermusikalischen Momente stimmig gegen die opulenten Tutti, konnte sich auf fehlerloses Blech und filigrane Details der üppigen Percussion-Parts verlassen.

Am Horizont reitet Winnetou

Korngolds Musik, die mit ihrem spätromantischen Überschwang mal an Richard Wagner und Gustav Mahler, dann an Richard Strauss erinnert, kann man nur offensiv interpretieren. Bunt ist die korngoldene Klangwelt. Hier noch eine Operetten-Prise von Franz Lehár, dort ein Schuss Puccini, und manchmal reiten am Horizont Winnetou und Old Shatterhand vorüber. "Die tote Stadt" und die späteren Hollywood-Filmmusiken von Korngold, der 1934 auf der Flucht vor den Nazis in die USA emigrieren musste, inspirieren bis heute Nachahmer im Soundtrack-Gewerbe.

Wie Klaus Florian Vogt während der Premiere den langen und kräftezehrenden Part des Paul hinlegte, ließ wenige Wünsche offen. Sein lyrisch-samtiger Lohengrin-Tenor entfachte glaubhaft sowohl den Wahn wie die Sehnsucht der Figur. Vogt strahlt in absolut sicheren Höhen und hat auch in der Mittellage keine Probleme, zudem spielt er mit beeindruckender Intensität. Eine Idealbesetzung.

Dagegen verblasste Freund Franz (Lauri Vasar) und leider auch die erfrischend selbstbewusst agierende Meagan Miller als Maria/Marietta, die ihre Partie stimmlich etwas pauschal anging und auch nicht alle Phasen ihres Textes souverän darbot. Tosender Jubel für Akteure und Orchester, heftige Buhs für die Regie.


Die tote Stadt. Hamburgische Staatsoper. Weitere Aufführungen: 2., 7. und 11. April 2015 (ausverkauft).



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
krellmann 29.03.2015
1. Korngold emigrierte nicht
Der Artikel zur Hamburger Premiere der Korngold-Oper "Die tote Stadt" enthält einen bedauerlichen sachlichen Fehler. Erich Wolfgang Korngold emigrierte keineswegs "auf der Flucht" vor den Nationalsozialisten 1934 in die USA. Aufgrund seiner Berühmtheit in Europa arbeitete er seit 1934 mehr und mehr als Filmkomponist in Hollywood. Erst durch den "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland wurden seine Arbeitsaufenthalte zum unfreiwilligen Exil.
chuckal 29.03.2015
2. Buhrufe
Warum wurde denn nun heftig gebuht? Klingt doch nach einer total konventionellen Aufführung. Wegen der schlechten Perücken doch wohl nicht.
senioriii 29.03.2015
3. Viel Applaus, einige Buhs und großartige Musik
Es gab einige heftige Buhrufe neben sehr heftigem Applaus. Heutzutage ist eine Regie ohne Buhrufe wohl nicht gut. Der Sinn der Buhrufe für das Regieteam hat sich mir aber nicht erschlossen. Was im Artikel zu kurz kommt, ist die grandiose Musik von Korngold.
chuckal 29.03.2015
4. Danke
Das war nett von Ihnen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.