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Krautrock-Legende Neu! "Wie ein Surfer auf der Welle reiten"

Ihr Sound inspirierte Musiker von David Bowie bis Radiohead, jetzt gibt es das letzte Album der Krautrock-Legende Neu!. Michael Rother verrät im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum das Projekt fast an Paranoia gescheitert wäre - und was ein guter Song mit einer Welle gemeinsam hat.

Krautrock-Legende Neu! "Nicht vom Reißbrett" Fotos
Klaus Dinger

SPIEGEL ONLINE: Herr Rother, vor zwei Jahren starb Klaus Dinger, Ihr musikalischer Partner bei Neu!. Nun erscheint eine umfangreiche Vinyl-Box Ihrer legendären Platten aus den Siebzigern - mit unveröffentlichter Musik. Gäbe es diese Box, wenn Dinger noch am Leben wäre? Ihre Meinungsverschiedenheiten waren schließlich berühmt.

Rother: Schwierige Frage, auch deshalb, weil Klaus sich nicht mehr verteidigen kann. Er war ein schwieriger Partner für mich und alle im Team. Klaus hat bei den Wiederveröffentlichungen in 2001 viele Angebote von Grönland Records zur Unterstützung der Alben verhindert. Herbert Grönemeyer, der das Label gründete und damals leitete, räumte uns umfassendes Mitspracherecht in allen Belangen ein, und das nutzte Klaus aus. Es ging um künstlerische Ansichten, aber - aus meiner Sicht - auch um Ego-Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Während Sie sich mit Klaus Dinger in den Neunzigern stritten, wurden illegale Ausgaben der Neu!-Platten weltweit zum Hit. Was trieb Ihren Partner an, die offiziellen Versionen immer wieder zu blockieren?

Rother: Ihm waren die Angebote nicht gut genug. Ich sah das anders und wäre froh gewesen, wenn die Musik wieder erhältlich gewesen wäre. Und wir hatten sehr gute Angebote, zum Beispiel von Mute Records, dem Label von Depeche-Mode-Entdecker Daniel Miller, von Universal und anderen. Die wollten alle die lange vergriffenen Neu!-Platten wieder in Umlauf bringen, aber Klaus misstraute den Leuten. Er hat nie realisiert, dass das alles Fans von Neu! waren und nicht seine Gegner. Vielleicht war er verbittert, denn es gab ja Zeiten, in denen das Interesse an unserer Arbeit gering war.

SPIEGEL ONLINE: Wann war das?

Rother: In den Achtzigern, frühen Neunzigern, als Plattenfirmen nichts von uns wissen wollten. Ich glaube, ich bin damit besser klargekommen als Klaus, der in den Zurückweisungen seitens der Industrie einen organisierten Boykott seiner Person vermutete. So traute er US-Konzernen nicht mehr, weil er vermutete, die würden auf Rache sinnen, weil er sich mal amerikakritisch geäußert hatte. Wenn man will, kann man dieses frühe Scheitern, die Verzögerung der Wiederveröffentlichung aber auch positiv sehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Rother: Ende der Neunziger meldete sich überraschend Herbert Grönemeyer, der Neu!-Fan ist, eine eigene Plattenfirma besitzt und uns traumhafte Bedingungen bot, die nicht einmal Klaus ablehnen konnte. Herbert konzentrierte sich eineinhalb Jahre lang voll auf Neu!, was natürlich ein Glücksfall für uns war. Ohne seine Vermittlung wäre bis heute keine Neu!-Platte zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Zum ersten Mal wird in der Box auch Ihr letztes Album, "Neu! '86", offiziell veröffentlicht.

Rother: Das ist der gute Abschluss von einem langen, schmerzhaften Prozess. Klaus hatte einige der Aufnahmen ohne mein Wissen bereits 1995 in Japan auf den Markt gebracht, in schlechter Qualität und musikalisch unbefriedigend. Es war mir wichtig, dieses Kapitel der Neu!-Geschichte aufzuarbeiten, und das habe ich in Absprache mit seiner Witwe im letzten Jahr sechs Monate lang getan.

SPIEGEL ONLINE: Mit Neu! ist Ihnen und Klaus Dinger der Geniestreich einer Musik gelungen, die auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung frisch und modern klingt. Ein Track wie "Hallogallo" ist heute so elektrisierend wie vor 40 Jahren und inspirierte Kollegen von David Bowie bis Radiohead. Was war eigentlich der Plan, als Sie Anfang der Siebziger im Studio loslegten?

Rother: Das ist schwer in Worte zu fassen. Neu! ist nicht vom Reißbrett. Ich kann da nur ein paar Begriffe nennen: Wir wollten über Grenzen hinausgehen, nicht im Klein-Klein hängenbleiben. Klaus und ich haben ja nicht über unsere jeweiligen Visionen gesprochen, das lief nonverbal. Aber ich erinnere mich an Gefühle und Bilder, die mich bei der Musikgestaltung begleiteten, etwa bei "Hallogallo" oder "Für immer", zwei Kernstücken von Neu!. Ich hatte den Wunsch, wie ein Surfer auf einer Welle nach vorne getragen zu werden; eine Welle, die eine Form von Endlosigkeit ausdrückt. Formen, die ich aus meiner Jugendzeit aus der indischen und pakistanischen Musik kenne. Das sind Musikformen, die nicht nach drei Minuten zu Ende sind, sondern die immer weiterzugehen scheinen, endlos. Das ist für mich eine der Kernaussagen von Neu!.

SPIEGEL ONLINE: Neu! war doch auch der Wunsch, eine eigenständige Sprache zu entwickeln, die eben nicht vom Blues her kommt, die nicht angloamerikanisch geprägt war.

Rother: Natürlich. Damals, 1971, war es unser Ziel, etwas zu schaffen, das kein Echo einer bereits bestehenden Musik sein sollte. Unsere Musik sollte sich nur auf sich selbst beziehen und auf die Persönlichkeiten von mir und Klaus. Es war ein sehr ambitionierter Ansatz, aber ich hatte, was zum Beispiel Melodien anging, von Anfang an ganz klare Vorstellungen dessen, was in das Gefüge passte und was nicht. Klaus war mit seinen Beiträgen gleichermaßen zielsicher. Darin stimmten wir überein.

SPIEGEL ONLINE: Ab Ende Mai wollen Sie Musik von Neu! live aufführen. Was ist geplant?

Rother: Ich werde einige Grundideen unserer Musik live umsetzen. Für die "Hallogallo 2010" Tour werde ich unterstützt von Kollegen wie Steve Shelley, dem Schlagzeuger von Sonic Youth, Aaron Mullan von Tall Firs und Benjamin Curtis von School Of Seven Bells. Das sind großartige Musiker. Sie sind auch Fans von Neu! und meiner Musik und verstehen, was ich mir vorstelle. Aber Neu! wird es nie wieder geben. Neu! war Michael Rother und Klaus Dinger. Das ist vorbei.

Das Interview führte Christoph Dallach

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
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1. Grobschnitt
Heiner Prahm, 05.06.2010
Also für mich ist die einzig wahre Krautrock Legende Grobschnitt ! http://www.grobschnittforum.de/viewtopic.php?t=1458
2. Krautrock
orydz 05.06.2010
Die CD's gibt's ja schon länger bei iTunes zum herunterladen, übrigens jetzt auch Neu! 86
3. Krautrock
SBasker 05.06.2010
Zitat von orydzDie CD's gibt's ja schon länger bei iTunes zum herunterladen, übrigens jetzt auch Neu! 86
Ich finde unter dem Stichwort "Krautrock" 17 Titel und 12 Alben in meinem Downloadportal für legale und preisgünstige Musik (http://www.plantor.de/2009/downloadportal-fuer-legale-und-preisguenstige-musik/). Werde mich da mal näher mit beschäftigen.
4. Krautrock Reloaded – Back to Post Neu! Land
mwae 05.06.2010
Am letzten Freitag 28. Mai 2010 konnte ich die Formation Rother / Shelley / Mullan an der Bad Bonn Kilbi erleben. http://kilbi.badbonn.ch/2010/_rubric/detail.php?nr=19&rubric=Programm_Detail
5. Neu!
digitext 05.06.2010
Einfach Genial!
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