Verehrt von Eno, Bowie und Co. Kraut de luxe

Die Platten des Krautrock-Trios Harmonia wurden zu Beginn der Siebziger kaum beachtet und gelten in diesem Jahrtausend längst als Klassiker. Jetzt wird die Musik der Band in einer Box neu aufgelegt.

Grönland

Was Brian Eno damals, 1974, in die Hansestadt Hamburg verschlagen hatte, weiß er auch nicht mehr so genau; es seien eben "wilde Zeiten" gewesen, erinnerte sich der Brite mal. Jedenfalls hatte er mitbekommen, dass die von ihm geschätzte Band Harmonia in einem Laden namens "Fabrik" ein Konzert geben sollte und machte sich abends auf den Weg dorthin. Eno stellte sich ganz nach vorn ins Publikum, und als sich die Gelegenheit ergab, sprang er begeistert auf die Bühne und legte mit den drei Harmonia-Musikern Dieter Moebius, Hans-Joachim Roedelius und Michael Rother los.

Eno war von dem im niedersächsischen Forst ansässigen Trio sogar so beeindruckt, dass er sie "the world's most important rock band" nannte. Das war natürlich hoch gehängt, aber auch nicht völlig absurd, denn die Stücke, die die drei Musiker in den Jahren zwischen 1973 und 1976 produzierten, waren von radikaler Erhabenheit und tatsächlich etwas Neues. Als eine "zeitlose Musik, die mal kurz in der realen Welt auftaucht", hat der britische Musiker und Krautrock-Experte Julian Cope den Sound von Harmonia mal beeindruckt beschrieben.

Konzerte vor einer Handvoll Zuschauer

Dass der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zu Harmonia dreimal so lang ist wie der deutsche, erzählt allerdings auch einen Teil der Geschichte. Denn im Ausland waren Harmonia zwar keine Stars, wurden aber von Kollegen wie David Bowie und eben Brian Eno mit großem Interesse beobachtet. In Deutschland sind Harmonia immer ein wohlbehütetes Geheimnis geblieben.

Ihre Konzerte fanden oft vor einer Handvoll Zuschauer statt, ihre Platten mischten nicht die Charts auf. Aber darüber, wie enorm einflussreich das Trio war, gibt es in diesem Jahrtausend keine Zweifel mehr. Heute stehen ihre Platten in allen gut sortierten Läden von Tokio bis London, Verehrer wie Iggy Pop und Radiohead schätzen ihre futuristischen Kompositionen, die von Experten dem sogenannten Krautrock zugeordnet werden.

Zur Feier dieser Karriere erscheint nun eine liebevoll ausgestattete und schlicht "Complete Works" betitelte Harmonia-Box. Darin verpackt sind fünf Vinylalben: die beiden restaurierten Studioalben "Musik von Harmonia" und "Deluxe", dazu der Konzertmitschnitt "Live 1974" sowie die Eno-Session "Tracks and Traces" und ein Album mit unveröffentlichter Musik. Als Zugaben gibt es ein Booklet, ein Konzertplakat, Download-Codes und eine herrliche Pop-up-Replika der Häuser in Forst, wo die Harmonia-Musik entstand. Dass der edle Kasten limitiert ist (2000 Exemplare) und vermutlich ratzfatz vergriffen sein wird, versteht sich von selbst.

Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius liefen sich Ende der Sechzigerjahre im legendären Berliner Underground-Club namens Zodiac über den Weg. Ein Laden, in dem Bands wie Tangerine Dream, Ash Ra Tempel und Agitation Free ihre ersten Shows spielten. Als Kluster (noch mit Conrad Schnitzler) und später Cluster starteten dann auch Roedelius und Moebius mit verwegenem Art-Rock ihre Musikerkarriere. Anfang der Siebziger richteten sie sich als Künstler-WG in einem runtergerockten alten Anwesen in der niedersächsischen Provinz ein, genossen die Idylle und übten sich in der musikalischen Improvisation.

Drei Freidenker, die Elektronik und Gitarre verzahnten

Irgendwann schneite da Michael Rother rein. Der war mal kurz bei Kraftwerk an Bord gewesen und hatte mit Klaus Dinger als Neu! erstaunliche Musik produziert. Besonders Rother und Roedelius verstanden sich musikalisch auf Anhieb gut, mit Dieter -"Möbi" - Moebius starteten sie das Projekt Harmonia. Die beiden regulären Studioalben "Musik von Harmonia" und insbesondere "Deluxe" sind dezente Meisterwerke, die immer noch verblüffend frisch klingen. Virtuos verzahnten die drei Freidenker elektronische und Gitarrenklänge zu verschlungenen, überwiegend instrumentalen Melodien.

Aber weil die erhoffte Publikumsresonanz ausblieb, waren Harmonia eigentlich schon wieder Geschichte, als Brian Eno überraschend einen Besuch in Forst ankündigte. Die Resultate seiner Stippvisite sind als "Tracks & Traces" in der Box zu hören. Wie sehr Eno sich für seine Musik von diesem Besuch inspirieren ließ, ist auf seinen späteren Platten deutlich zu hören.

An den Arbeiten zur "Complete Works"-Box war Dieter Moebius, der in diesem Jahr einem Krebsleiden erlag, noch beteiligt. Hans-Joachim Roedelius und Michael Rother sind immer noch unterwegs, arbeiten an neuer Musik und geben Konzerte. Und Brian Eno ist immer noch Fan.

Harmonia

Live at Onkel Pö in Hamburg (1975) von Harmonia auf tape.tv.

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insgesamt 2 Beiträge
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rjb26 26.10.2015
1. ja
da war mal was in Zeiten als es noch um Musik ging und nicht um Formate und Produkte a la Silbermond etc.. da gab es sogar Politiker wie Willy Brandt ..... heute leider meistens nur Murks(el) etc
almostvoid 27.10.2015
2. kraut-rock
wir hier in australien kannten Amon DuulII Wolf City, Faust IV, Agitation Free, Ash Ra Temple und eine bloede group Wallenstein [versager]. Damals avant guarde und heute noch. Tangarine Dream nur Phaedra. Sonst nur mit Nembutal
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