Krautrocker Harmonia "Das ist ja so geil"

Deutschland war mal Pop-Exportweltmeister in den Siebzigern: Mit Progressive Rock, auch Krautrock genannt. Jetzt spielen dessen Urväter Harmonia ein Reunion-Konzert - und befeuern so das Revival eines ganzen Genres.

Von Stefan Krulle


Als vor ein paar Jahren Karl Bartos für ein Konzert in London gastierte, fingen nicht wenige der 2000 Besucher im ausverkauften Saal vor Freude an zu weinen, weil er "Transeuropa Express" anstimmte. Zu der Zeit wurden seine Konzerte hierzulande wegen mangelnder Nachfrage abgesagt. Bartos konnte sich da mit Holger Czukay die Hand geben, denn dem war dasselbe widerfahren. Bartos musizierte von 1975 bis 1991 bei Kraftwerk, Czukay war 1968 Mitbegründer von Can. Beide Bands zählen zu den wichtigsten Fortschritts-Motoren der elektronischen Rockmusik weltweit. Doch in der Heimat wollte sie niemand mehr hören.

Harmonia: "Was kann man schon in Proben proben?"
Christine Roedelius / verstaerker

Harmonia: "Was kann man schon in Proben proben?"

Die Vorzeichen für die beiden Pioniere sind heute andere, auch im eigenen Lande. Das haben sie der Rückkehr einer Musik zu verdanken, auf die noch vor ein paar Jahren keiner einen Pfifferling gesetzt hätte. Doch plötzlich zogen neue Bands wie The Mars Volta oder Porcupine Tree das inszenierte Epos dem formatierten Radio-Song vor und zelebrierten die von den Sendern aussortierten "Irritating Moments", also etwa lange Gitarren-Soli oder redundante Rhythmik. Und die ausgehungerten Musikfans liefen ihnen - allen Marktforschern zum Trotz - scharenweise zu.

Am heutigen 27. November wird nun in Berlins Haus der Kulturen der Welt eine Reunion der ganz besonderen Art stattfinden. Die Band Harmonia, im Mai 1973 vom kurzzeitigen Kraftwerk-Mitstreiter Michael Rother sowie Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius von Cluster ins nur zwei Jahre währende Leben gerufen, wird zum ersten Mal seit 1975 wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen. Für die Fans von Prog und Kraut ist das imposanter als der Auftritt von Led Zeppelin am 10. Dezember in London.

"Ein kommerzielles Debakel"

Was die Fans indes erwarten dürfen, lässt sich trotz des soeben erschienenen Albums "Harmonia Live 1974" auf Herbert Grönemeyers Grönland-Label, das schon die legendären Alben der von Rother als Harmonia-Nachfolge gegründeten Band Neu! wieder zugänglich machte, nur vermuten.

"Was kann man schon in Proben proben?" Michael Rother nippt am Kaffee und wirkt so ausgeschlafen und eloquent wie stets: "Nein, proben werden wir nicht. Das haben wir nie getan, schon damals nicht." Das Damals liegt mittlerweile gute drei Dekaden hinter ihm, aber er redet davon, als sei es gestern erst gewesen. Doch was unter seiner Ägide entstand, klingt heute noch nicht alt. Es geschah Anfang der Siebziger, es war eine Zeit der Experimente und es schien alles möglich. Rother, ein Jungspund mit Ambitionen als Künstler und Gitarrist, was kein Gegensatz war, fielen popmusikalisch Dinge ein, die noch heute Nachahmer zeitigen.

Vielleicht wird ja alles noch einmal so schön: "Wir haben jedenfalls vor, unseren Methoden treu zu bleiben. Vielleicht spielen wir uns vor dem Gig ein paar Sachen vor, vielleicht gehen wir aber auch einfach auf die Bühne und sehen mal, was da dann so passiert." Popstars neuzeitlichen Zuschnitts dächten sich so etwas nicht einmal im Traum aus.

Zusammen mit Roedelius und Moebius nahm Rother zwei Alben auf, "ein kommerzielles Debakel", wie er heute sagt. Und dann beschwert er sich über die Ungenauigkeit der Medien, wenn es um die Beschreibung seiner Historie geht. Das hat er mit Klaus Schulze, mit Edgar Froese von Tangerine Dream und auch mit Holger Czukay gemein. Bloß dass sie alle selbst nicht mehr so genau zu sagen wissen, was damals wann mit wem passierte.

Gelobt sei, was Widerstand leistet

Hessen, in die Nähe des Kirchheimer Dreiecks, vor ein paar Monaten. Dort ist ein Festival zu Hause, das bereits 1970 begründet und seither oft verlacht, oft tot gesagt und doch nie begraben wurde. Nahe Fulda treffen sich seither die Fans progressiver Klänge beim "Burg Herzberg Festival". Auch dieses Jahr im Juli war es wieder so, fast 10.000 Gäste fanden sich ein. Eng umschlungen stand ein Paar auf einer Wiese und wippte leicht in den Knien.

"Das ist ja so geil”, raunte er ihr ins Ohr, "so geil, geil, geil", und meinte damit die Musik dreier Männer, die ein paar Meter weiter vorne auf der Bühne standen. Einer von ihnen hatte erst kürzlich den ersten Herzinfarkt überlebt und sang gerade geschredderte Verse im kakophonischen Auf und Ab zu vertrackten Rhythmen und Orgel-Kaskaden. "Tierisch geil", sagte sie und lächelte selig.

Dabei ist Peter Hammill nicht gerade ein Freund radiotauglicher Klänge, sogar musikalische Freigeister erklären ihm nur selten ihre Liebe. Als der mit 58 Jahren kaum mehr juvenil zu nennende Musiker vor zwei Jahren seine alte Combo Van der Graaf Generator wiederbelebte, ging kein müdes Zucken durch die Musikszene. Es freuten sich zunächst lediglich ein paar alte Herren, die Musik eher als Diskussionsbeitrag denn als Unterhaltung sehen. Und jetzt fanden also dieser Jüngling und auch seine Freundin Hammills Eskapaden "einfach geil".

Sie stehen damit nicht allein in ihrer Altersgruppe. Der Progressive Rock der Siebziger, für den neben Hammills Van der Graaf Generator Bands wie die frühen Genesis, Yes, Emerson, Lake & Palmer oder King Crimson standen, feiert seine Rückkehr - und zwar ohne dabei allein auf die überlebende Klientel früherer Tage zählen zu müssen.

Mehr noch: Beim "Burg Herzberg Festival" im hessischen Breitenbach zieht das dort stets vertretene Genre mittlerweile beachtliche Kreise. Der Idee des freien Musizierens, vorbei an allen Formaten und Schemata, verschreiben sich mittlerweile nicht mehr nur Bands des Psychedelic Rock oder Krautrock, auch Trance, Ambient und sogar HipHop haben das Boot bestiegen. Gelobt sei, was inhaltlich Widerstand leistet gegen Mainstream und Pop-Globalisierung.

Ernstzunehmender Nachwuchs

Ein paar Jahre lang schon generiert das Genre nicht nur leise beklatschte Reunions, der Progrock hat inzwischen ernstzunehmenden Nachwuchs. Bands wie besagte Porcupine Tree und The Mars Volta, aber auch Archive oder Spock's Beard gelten in London, New York oder Hamburg längst als Cool Cats, ihre Konzerte werden von Söhnen und Vätern gleichermaßen frequentiert.

Hauptsächlich als Live-Attraktionen verbuchen die Erben ihre Erfolge – eben dort, wohin sich wahre Musikfans vom Radio-Popeinerlei und der TV-Ignoranz in Sachen Musik bereits länger zurückziehen und der letzten Zuwachs-Sparte im siechen Musik-Business volle Kassen bescheren. Als Dekoration oder gar Sinnbild juveniler Selbstdefinition hat die Rockmusik damit ihre Funktion eingebüßt - jenseits von Tokio Hotel und Musikantenstadl muss überall mit jeder Generation gerechnet werden.

Und auch bei Harmonia in Berlin wird das kaum anders sein. Michael Rother lächelt und nennt die Materiallage seiner alten Band "höchst überschaubar". Nur ein paar wenige Aufnahmen seien so gut wie das gerade veröffentlichte Live-Album. "Der Rest", sagt Rother, "ist inzwischen verrottet."

Macht nix. Es gibt ja jetzt Neues zu hören. Die Progrocker und die Krauter feiern, endlich mal aus gutem Grund.


Harmonia "Harmonia Live 1974", Grönland/Cargo

Harmonia Live-Reunion: 27.11.2007, Berlin, Haus der Kulturen der Welt

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