Krautrocker Von Spar Besser allein als in schlechter Gesellschaft

Ihr Debüt wurde gefeiert, für ihr zweites Album kassieren Von Spar ordentlich Schelte. Warum eigentlich? Die Pop-Artisten beleben die gute alte Krautrock-Tradition - mit Raffinesse, Eigensinn und einer guten Portion Punk.

Von Uh-Young Kim


So schnell kann’s gehen: eben noch die hippste Band im Lande, heute schon ein prätentiöser Haufen mit Hippiebart. Als die Kölner Formation Von Spar 2003 debütierte, empfing sie der nach radical chic geifernde Zeitgeist mit offenen Armen. Die Musikpresse überschlug sich vor Lob, endlich war Postpunk mit schrägen Riffs und nervösen Politparolen auch in Deutschland angekommen. Von Spar galt als rotzige Antwort auf New Yorker It-Bands wie das LCD Soundsystem.

Pop-Kollektiv Von Spar: "Wie weitermachen?"

Pop-Kollektiv Von Spar: "Wie weitermachen?"

Nun sorgt ihr unbetiteltes Nachfolgewerk für Irritation bei Fans und Kritikern. Von Größenwahn und Bemühtheit ist in Foren und Besprechungen die Rede. "Damit haben wir gerechnet", sagt Von-Spar-Sänger Thomas Mahmoud im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Der deutsche Popdiskurs ist so konform, dass jede Abweichung heruntergemacht wird. Wir wollen aber nicht länger Erwartungen bedienen."

Statt weiter im Trend zu schwimmen, haben sich Von Spar auf einen waghalsigen Ritt mit einer der letzten Geheimwissenschaften besserwisserischer Plattensammler eingelassen. Mit zwei ausufernden 20-Minuten-Songs, knüpfen sie an den Krautrock der Siebzigerjahre an.

Nie wieder waren deutsche Bands international so einflussreich wie in der experimentierfreudigen Zeit zwischen Hippietum und Disco-Ära. Der Sammelbegriff Krautrock vermengte eine vielseitige Truppe aus unterforderten Muckern, Kunstschulabsolventen und linken Utopisten Avantgarde und Stadionrock. An der Schnittstelle von Halluzinogenen und Klangsynthesen praktizierten sie Urknall und Science Fiction in einem.


Von Spar könnte nun das Schicksal fast aller Krautrockbands ereilen: im Ausland fürs Grenzgängertum anerkannt, im Inland als vertrippte Esoterikspinner abgekanzelt. Denn während es sich einheimische Gitarrenbands im Mief ihrer Befindlichkeitsergüsse bequem machen, lassen sich Ex-Britpop-Star Damon Albarn, die amerikanische Rockband The Mars Volta und die ganze Neo-Folk-Bewegung vom Entdeckungsgeist des Krautrock inspirieren. So unterschiedlich die Entwürfe auch klingen, ist ihnen die Befreiung von Industrieformaten durch Entgrenzung und Differenzierung gemein.

Auch bei Von Spar kehrt der Krautrock vielmehr in der autonomen Haltung und kollektiven Produktionsweise als einem bestimmten Soundgewand wider. Zwar wird man im ersten Stück durch einen Tunnel aus tribalistischen Percussions und Mönchschören im Stile Popol Vuhs, sowie an Tangerine Dream erinnernde Synthesizerschleifen geführt. Doch die klangliche Ursuppe geht nahtlos in der konzeptuellen Strenge der Minimal Music auf. Aus psychedelischen Loop-Strukturen schälen sich permanent neue Genreschichten heraus. Doom-Metal-Geröchel morpht in Free-Jazz-Improvisationen à la Sun Ra, Unterwasser-Dub blendet beiläufig in Breitwand-Postrock über - so elegant kann sperriger Anti-Pop collagiert sein.

Eigensinn statt Originalitäts-Zwang

Jenseits vom schnellen Effekt des Popsongs nötigt das epische Ausmaß der dicht verschachtelten Materialien zu einem horizontalen Hören. Düster und langsam entfaltet sich das Album zu einem Ganzen und trotzt dabei der Flüchtigkeit und Parzellierung von Musik im Zeitalter ihrer digitalen Allgegenwart. So ganz ohne Mitsingpotential können die zwei mäandernden Songs schnell zur Zumutung für Berufshörer und Schulhofangeber werden. Live aber dürfte die konzentrierte Intensität der Band selbst den größten Zweiflern die Campers ausziehen.

Für die Aufnahme des eigensinnigen Ausbruchs aus dem Popdiskurs nahm sich das fünfköpfige Kollektiv gerade mal zwölf Tage Zeit – mit Punk-Attitüde, aber auch weil man sich einfach nicht mehr Studiostunden leisten konnte. So sitzt nicht alles perfekt, manches wirkt sogar dilettantisch. Vielleicht haben die enttäuschten Fans ja sogar Recht, wenn sie behaupten, das erste Album sei viel besser gewesen. Ironisch ist nur, dass das bewusst den Zeitgeist melkende Debüt als authentischer Ausdruck einer politisierten Band rezipiert wurde. Wohingegen dem ästhetisch freien Nachfolger bemühtes Kalkül angesichts der Vorbilder vorgeworfen wird.

Indem die kritische Stimmen lehrmeisterlich auf die vermeintlichen Originale hinweisen, decken sie unfreiwillig den Grund für die internationale Bedeutungslosigkeit der deutschen Popkultur auf: unfähig, sich vom Entwurf des genialen Künstlers zu verabschieden, wird das freie Spiel mit historisch vorgefundenen Materialien kategorisch abgelehnt.

Dabei basiert (nicht nur) der Pop auf einer offenen, intertextuellen Kultur aus Aneignung und Rekombination. In den U.S.A. und Großbritannien gibt man nur allzu gerne Auskunft über kreative Einflüsse. Hierzulande wird erstmal ein Revier abgesteckt, um ungestört von einzigartigen Gefühlen zu faseln. Was demnach Gehör findet, ist ein Haufen kriselnder Mittdreißiger, deren Publikum brav jedem Slogan folgt. Auch deshalb haben Von Spar auf politische Aphorismen verzichtet.

Den Nörgeleien steht er mit Gelassenheit gegenüber: "Es ging um die Entscheidung, wie wir nach dem Hype weitermachen. Und musikalisch haben wir uns dazu alle Freiheiten genommen. Viele Musiker werden zu Dienstleistern ihrer eigenen Marke. Aus diesen selbstauferlegten Zwängen mussten wir raus."

So ist Raum für die Ausschweifungen entstanden, durch die die Band ein Stück weit mehr zu sich selbst gefunden hat. In dem Niemandsland stehen Von Spar zwar ziemlich verlassen da. Aber besser allein, als in schlechter Gesellschaft.


"Von Spar" ist heute bei Tomlab/Indigo erschienen.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.