Krawallband Deichkind im Theater: "Wir geben Müll eine neue Bedeutung"

"Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen" singt die Band Deichkind normalerweise. Jetzt feiert ihre erste Operette "Deichkind in Müll" Premiere. DJ Phono erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, wie Theater und Krawall zusammenpassen - und wofür die Band zu alt geworden ist.

Die Operette "Deichkind im Müll" hat am Donnerstag in Hamburg Premiere. Zur Großansicht
Henning Besser

Die Operette "Deichkind im Müll" hat am Donnerstag in Hamburg Premiere.

SPIEGEL ONLINE: Am Donnerstagabend hat Ihr erstes Theaterstück, die sogenannte Diskursoperette "Deichkind in Müll" im Hamburger Kampnagel-Theater Premiere. Auf welche Szene freuen Sie sich am meisten?

DJ Phono: Meine Lieblingsszene ist unser Auftritt zu dem Lied "Aufstand im Schlaraffenland". Anders als auf unseren Konzerten treten wir völlig nackt auf.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit nackt?

DJ Phono: Ohne Kostüme und ohne Musik. Wir tragen unsere Alltagsklamotten.

SPIEGEL ONLINE: Keine Müllsack-Kostüme, keine Deichkind-Musik?

DJ Phono: Genau, die Szene ist ganz still. Als ob man sich unsere Show auf dem Fernseher anschaut und dabei den Ton abschaltet.

SPIEGEL ONLINE: Bei einer Anarcho-Tech-Rapband wie Deichkind schwer vorstellbar.

DJ Phono: Ich weiß, das klingt absurd. Für mich aber wird Deichkind in dieser Szene greifbar. Irgendwann läuft auch der Song "Dreams Are My Reality" aus dem Film "La Boum - die Fete". Die Jungs hüpfen wie Kleinkinder auf der Bühne rum. Der Zuschauer sieht alles, was sich normalerweise hinter unserer Fassade aus Klamotten, Schminke und Licht verbirgt. Das ist das Prinzip des Theaterstücks: Wir wollen das Phänomen Deichkind sichtbar machen.

SPIEGEL ONLINE: Deichkind ohne Fassade - sind Ihre Fans da nicht enttäuscht?

DJ Phono: Es wird ja nicht nur Stille geben. Außerdem haben wir schon immer das Prinzip der Dekonstruktion verwendet. Auf der einen Seite haben wir unser Popstar-Image aufgebaut. Auf der anderen Seite besteht Deichkind aus uneitlen Typen, die mit ihren dicken Bäuchen auf der Bühne stehen und sich der Vermarktung als Pop-Stars entziehen.

SPIEGEL ONLINE: Was treibt Sie überhaupt auf die Theaterbühne?

DJ Phono: Eine konsequente Weiterentwicklung unseres offenen Konzertbegriffs. Die Konzertbühne hat uns viele Freiheiten gegeben. Mit den Mitteln des Theaters zu arbeiten, ist eine neue Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Was hat diese Herausforderung mit Müll zu tun?

DJ Phono: Müll als Metapher ist symptomatisch für Deichkind. Sperrmüll ist die einzige demokratische Wirtschaftsform. Der eine wirft etwas weg, der andere nimmt es mit. Für den einen ist es Abfall, für den anderen eine Ressource. Wir arbeiten mit Müll als Requisite, geben Müll eine neue Bedeutung. So wie es in der Kunst schon immer üblich war.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Müll-Operette eine Handlung?

DJ Phono: Nein. Sie ist eine Collage aus unabhängigen Szenen. Es geht um Themen wie Authentizität im Pop-Bereich. Es geht um Macht und Hierarchie zwischen Bühne und Publikum, um Inszenierung.

SPIEGEL ONLINE: Also eher abstrakte Fragen.

DJ Phono: Stimmt, aber ich glaube, uns ist eine gute Mischung aus Unterhaltung und anspruchsvollem Theater gelungen. Wir haben natürlich den ganzen Deichkind-Apparat dabei und arbeiten mit der Euphorie, die wir erzeugen. Innerhalb dieses Programms sind aber auch ruhige Momente als Kontrast ganz schön.

SPIEGEL ONLINE: Ruhige Momente als Kontrast klingt für Ihre Verhältnisse ganz schön bieder.

DJ Phono: Das ist genau die Frage, die wir uns gestellt haben: Wie wird unser Projekt wahrgenommen? Es kann natürlich sein, dass manch einer bei dem Stück etwas vermisst. Als wir vor fünf Jahren Müllsäcke angezogen haben, hat man uns auch gefragt: Wer will das schon sehen?

SPIEGEL ONLINE: Deichkind-Fans wollen Krawall und Remmidemmi.

DJ Phono: Man darf unser Publikum nicht unterschätzen. Wir haben das Image einer Hully-Gully-Band. Es gibt viele Menschen, die nicht stumpf und prollig sind und sich trotzdem für Deichkind interessieren.

SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Jahren holten Sie auf dem Melt-Festival das Publikum auf die Bühne, bis sie fast einstürzte. Stürmten nach dem Konzert nicht sogar Fans einen Werbestand von Nintendo und schmissen Bildschirme in den anliegenden See?

DJ Phono: Das waren keine Fans, das waren Bandmitglieder!

SPIEGEL ONLINE: Was die Frage aufwirft: Steht das Theater nach Beendigung Ihres Projekts noch?

DJ Phono: Klar, wir sind doch eine total harmlose Band. So etwas wie auf dem Melt-Festival macht man nur einmal im Leben. Die Sicherheit unseres Publikums ist uns wichtig. Viele sind auch erstaunt, wie zivilisiert es bei uns hinter den Kulissen zugeht.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen Krawall vielleicht heute einfach zu langweilig geworden?

DJ Phono: Diese wilde Deichkind-Phase ist sowieso schon lange vorbei. Du kannst nicht dein Leben lang Remmidemmi schreien und Sofas kaputt machen. Der Tod unseres Produzenten Sebastian Hackert hat auch viel verändert, damit setzen wir uns immer noch auseinander. Irgendwie sind wir mittlerweile auch zu alt für solche Aktionen.

SPIEGEL ONLINE: "Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen" ist eine Zeile aus Ihrem Song "Hört ihr die Signale". Deichkind proklamiert Anarchie. Die Operette wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Ist das kein Widerspruch?

DJ Phono: Das mag einerseits ein Widerspruch sein, andererseits auch nicht. Man könnte uns genauso gut vorwerfen, dass wir nicht wirklich hinter den Parolen stehen, die wir rausschreien. Kulturförderung finde ich extrem wichtig, um alternative Kunstformen zu fördern.

SPIEGEL ONLINE: Ted Gaier von den Goldenen Zitronen beschrieb Sie vor drei Jahren in einem "Zeit"-Artikel als Band ohne Ideale: "Welche gut bezahlte Plattform sich auch immer bietet, Deichkind nutzen sie für ihre unschuldige Vision einer Durchdrehshow." Nun führt er gemeinsam mit Ihnen bei dieser Show Regie. Wie kam es dazu?

DJ Phono: Ich kenne Ted Gaier, weil ich die vorletzte Platte der Goldenen Zitronen mitproduziert habe. Ich unterstreiche auch, was er geschrieben hat. Deichkind ist auch ohne eindeutige Ideale eine spannende Band. Besonders, was die Hierarchien angeht. Es gibt keine pyramidenförmige Machtverteilung, wir arbeiten als Kollektiv. Deichkind kann nicht das erreichen, was die Goldenen Zitronen geschafft haben. Deren Texte und die Haltung dahinter sind andere als bei uns. Aber Deichkind hat die Kraft, etwas zu verändern.

Das Interview führte Alexandra Eul


"Deichkind in Müll", 25. bis 28. Februar, Kampnagel Hamburg. Karten: (040) 270 949 49

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insgesamt 4 Beiträge
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1. 123
mattbarna 25.02.2010
Ich fand "komm schon" immer am Besten, was danach kam hab ich irgendwie verpasst, wobei ich da allerdings auch schon nicht mehr im Land weilte.. Aber gut, dass es sowas gibt, um seien Kopf vom täglichen Lady Gaga-/Sarah Connor-Gift frei zu machen.
2. Die Hoffnung stirbt zuletzt
w.r.weiß 25.02.2010
Ein Glück das es noch richtig gute Alternativen im Land der Dichter und Denker gibt! Feines Gegengewicht zum sonst alltäglichen Einheitsbrei aus der Popwelt!!!!
3. Melt!2006
Locutus 26.02.2010
Beste Stelle: ---Zitat--- SPIEGEL ONLINE: Vor ein paar Jahren holten Sie auf dem Melt-Festival das Publikum auf die Bühne, bis sie fast einstürzte. Stürmten nach dem Konzert nicht sogar Fans einen Werbestand von Nintendo und schmissen Bildschirme in den anliegenden See?] DJ Phono: Das waren keine Fans, das waren Bandmitglieder! ---Zitatende--- Von einer Stürmung des Nintendostandes habe ich nichts mitbekommen, aber das Melt!-Konzert damals war schon einsame Sahne. Danach bei Sonnenaufgang am See vorbei zum Zelt zu laufen, 2 Stunden schlafen und dann völlig verschwitzt im See baden. Good times!
4. Alles schon mal dagewesen
Kaiserbubu 26.02.2010
"STÖRFALL" nicht zu verwechseln mit der "rechten Störkraft" hat in der Schweiz schon 1982 das Matterhorn gesprengt. Und siehe da, es war ein Müllberg. (Film Sommer in dr Schwyz) Noch konsequenter ging die Performance Truppe um den Schweizer Kabarettisten Ernst Born in den Live Konzerten vor. Die Band spielte erst mal fröhlich einen Caypso. Doch plötzlich wurden in die erstaunten Zuschauerränge Tonnen an ausgesuchtem Müll gekippt. Dazu baute die Truppe eine "altdeutsche Fernseh Wohnzimmer Landschaft mit Stehlampe" auf und schaute Fern mit Bier und Nüsschen. Zuerst waren alle schockiert und dachten dass sie sich jetzt irgend etwas ekeliges holen. Aber es war Müll den man gut recyclen konnte. Mache fingen an im Müll zu wühlen. Auf der Bühne passierte aber nichts, der Fernseher lief. Die Band schaute gelangweilt und das Publikum fing an aktiv zu werden. Irgendwann flog das erste Stück Müll auf die Bühne. dann noch eins und noch eins und plötzlich war die Hölle los. Es entbrannte eine regelrechte Schlacht zwischen Publikum und Bühne. Zum Schluß waren alle Grenzen zwischen Publikum und Bühne verschwunden. Ein einziger Kreis gelebten Mülls!
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