Kreativ-Berserker John Frusciante "Ich will mich total hingeben"

Er hat die Red Hot Chili Peppers zur Kultband gemacht, den Dämon Drogensucht besiegt und eine Arbeitswut, die man getrost bestialisch nennen darf: Gitarrist John Frusciante ist der produktivste Rockstar seit Frank Zappa. Jetzt will der kreative Maniac seinen Output nochmal erhöhen - sechs Alben sind für dieses Jahr geplant.

Von Stefan Krulle


Gitarrist John Frusciante: Alben im Monatstakt
Warner Music

Gitarrist John Frusciante: Alben im Monatstakt

Menschen wie John Frusciante gibt es eigentlich nur im Kino. Dort spielen sie beunruhigende Nebenrollen, deren Bedeutung immer erst klar wird, wenn sie die Szenerie bereits verlassen haben. Oft verdanken ihnen dann andere Charaktere ihr Leben oder wunderbar einmalige Momente, und immer fragt sich der besorgte Zuschauer, was wohl aus solchen Figuren würde, könnten sie die Grenze zwischen Leinwand und Wirklichkeit durchbrechen.

Kreativ, destruktiv, lukrativ

Für John Frusciante ist die Wirklichkeit ein großes Abenteuer, denn er kommt manchmal mit sich selbst kaum klar, geschweige denn mit anderen Menschen. Dabei haben ihn fast alle gern. Vor 15 Jahren wurde er, gerade 18, zum Gitarristen der Red Hot Chili Peppers und machte das Album "Blood Sugar Sex Magik" zum Kassenschlager und Kritikerliebling. Die anderen drei Peppers freuten sich, ließen John hochleben und teilten ihre Drogen mit ihm. Neun Jahre später wäre Frusciante an seiner Sucht beinahe gestorben. Zwischenzeitlich hatte er die Band Hals über Kopf verlassen, zwei bestürzend innovative Solo-Alben aufgenommen und sich dann einfach nicht mehr zurecht gefunden.

Nachdem ihn die Peppers 1998 wieder aufnahmen, war Frusciante zwar clean, aber im Gegensatz zu seinen Bandkollegen alles andere als stabil. Seither ist sein künstlerisches Leben Abbild seiner inneren Kämpfe mit, gegen und für sich selbst. Fluchtpunkt der permanenten Selbstauseinandersetzung: das Studio, das zugleich als Arbeitsplatz und Therapie-Einrichtung fungiert.

 Rocktruppe Red Hot Chili Peppers: Drogen geteilt, Gewinne vervielfacht
WEA Records

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Dabei ist der mittlerweile 33-Jährige zu einem der produktivsten Musiker seit Frank Zappa geworden. Nach dem im Februar veröffentlichten Album "Shadows Collide With People" wird Frusciante dieses Jahr sechs weitere Platten auf den Markt bringen, darunter eine EP und ein Album unter dem Projektnamen Ataxia, hinter dem sich Josh Klinghoffer von Bicycle Thief und der Fugazi-Frontmann Joe Lally verbergen.

Jüngstes Produkt aus dem Hause Frusciante: der Longplayer "The Will To Death", eine Sammlung aufs Maximum an Ausdruckskraft reduzierter Songs, die allesamt klar machen, dass Frusciante und niemand sonst den Mythos Red Hot Chili Peppers geschaffen hat. Wenn die kommenden Releases des Kaliforniers halten, was ihre mittlerweile fünf Vorgänger versprechen, dann dürfte Ende dieses Jahres das musikalische Universum eines einzigen Mannes zu bestaunen sein, an dessen Vielfalt momentan kein Kollege annähernd heran reichen kann. Die Talente Frusciantes sind derart überragend, dass seine Plattenfirma Warner, der eigenen wirtschaftlichen Talfahrt zum Trotz, sich zum Förderer des streitbaren Künstlers aufschwang.

Image-Berater, nein danke

John Frusciante ist in Gedanken jedoch bereits viel weiter. "Weshalb sollte ich mich damit aufhalten, meine Arbeiten zu erklären? Gut, ich nehme ein Album in fünf bis acht Tagen auf, weil ich finde, dass mehr Zeit einfach Verschwendung wäre. Wenn ich mit den Peppers aufnehme, wird ein Tape eine Woche lang vom einen zum anderen gefahren, und währenddessen kannst du tausend Ideen einfach nicht in die Tat umsetzen. Furchtbar."

In solchen Momenten gehe er still und leise ins Hinterzimmer, "nehme meine Gitarre und schreibe ein paar Songs." Von denen hat Frusciante inzwischen so viele in petto, dass er ernsthaft mit dem Gedanken spielt, "im nächsten Jahr so weiter zu machen wie gerade jetzt. Ich kann jeden Monat ein Album fertig bekommen, das ist kein Problem, im Gegenteil."

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DPA

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So viel Tatendrang und Idealismus hat Frusciante ein paar neue Freunde eingebracht. Bevor er mit den Peppers von einem zum anderen Sommer-Festival tourte, hielt er sich drei erquickliche Tage lang im Weserbergland auf, um mit seinem Kumpel Michael Rother, Mitbegründer der Krautrock-Legenden Neu! und Harmonia, ein wenig Zeit zu verbringen. Noch dementiert das Duo zwar alle Pläne einer gemeinsamen LP, aber im August wird Rother schon einmal mit Frusciante zwei Konzerte in San Francisco und Los Angeles geben. Den Ernstfall hatten beide bereits im letzten Jahr geprobt, als Rother am Ende des Chili Pepper-Konzertes in Hamburg erschien und die Band eine 50-minütige Jam Session als denkwürdige Zugabe spielte.

"Die freie Improvisation", erklärt Frusciante seine Vorliebe für ungebremst experimentierfreudige Epochen wie jene des progressiven, deutschen Rocks, "ist für mich so etwas wie der Idealzustand von Musik. Und deshalb werde ich niemals zu den Leuten zählen, die sich ihre Zukunft von Image-Beratern planen und ihre Vorlieben von cleveren Managern einreden lassen."

John Frusciante drückt sich energisch in die Sesselpolster. "Ich will mich meiner Musik total hingeben. Anders wäre mein Leben als Musiker vergeudet. Und ich will nie wieder meine kostbare Zeit verschwenden." Michael Rother legt ihm die Hand auf den Arm, John F. lächelt freundlich durch den Raum. Wir freuen uns auf seine Alben und wüssten gern, ob er im Kampf gegen den Untergang der Popkultur bald Hilfe bekommt. Das wäre schön - und auch beruhigend.


Aktuelle und kommende Veröffentlichungen von John Frusciante

"The Will To Death" (21. Juni 2004); Ataxia - "Automatic Writing" (10. August 2004); "The DC EP" (14. September 2004); zwei weitere Alben, noch ohne Titel (26. Oktober und 23. November 2004)





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