Von Arno Frank
Kreator live! SPIEGEL ONLINE und tape.tv haben den Auftritt der Ruhrgebiets-Söhne im Huxleys Neue Welt in Berlin übertragen. Sehen Sie hier der Mitschnitt des Konzerts.
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1999 dann ließ der Künstler Matthew Barney den Ausnahmeschlagzeuger Dave Lombardo von Slayer für seinen "Cremaster"-Zyklus gegen einen Bienenschwarn antreten - spätestens dieses grandiose Duett aus schrubbender Double-Bass-Drum und dem Summen flirrender Insektenflügel vermittelte eine Ahnung davon, dass das Genre hochkulturfähig sein könnte.
Zehn Jahre später ist vor allem die aggressive Spielart des Thrash-Metal längst in den Feuilletons angekommen. Das Genre mit seinen zahllosen Verästelungen und ruht auf nur vier Platten, die allesamt 1986 veröffentlicht wurden und heute kanonisch sind: "Reign In Blood" von Slayer, "Master Of Puppets" von Metallica, "Peace Sells But Who's Buying" von Megadeth, allesamt aus den Vereinigten Staaten - und "Pleasure To Kill" von Kreator. Aus Essen. Im Ruhrgebiet.
Konservativer als Wagner-Fans
Was etwas bedeuten will in einer Szene, die treuer ist als die von Bob Dylan, kritischer als die von Radiohead und konservativer als die von Richard Wagner. Der Metal-Fan hat's nicht so gerne, wenn sich die Dinge ändern. Treue ist sein zentraler Wertbegriff, er lebt sie selbst und fordert sie streng ein. Wer ihn einmal enttäuscht, wie das Metallica spätestens mit ihrer Hinwendung zum Bluesrock auf "Load" in Kauf nahmen, der wird ihn kaum jemals wiedergewinnen können.
Auch Kreator schlugen im Laufe ihrer Karriere mehrere Haken. Zwar gab's keinen Sprechgesang, keine Elektronik, keinen folkloristischen Mittelalterquatsch. Aber mal tendierten sie zum Hardcore, mal zum Industrial, mal gerieten ihre Alben allzu melodisch für den herkömmlichen Headbanger, der bekanntlich schroffe Energie im Verein mit handwerklichem Können und damit ultraschnelle Nackenbrecher bevorzugt.
Auch zahlreiche Besetzungswechsel nahm die Gefolgschaft schulterzuckend hin, steht im Zentrum von Kreator doch wie festgeschraubt immer Mille Petrozza. Der wirkt seit den Anfangstagen kaum gealtert, was an seinen veganen Ernährungsgewohnheiten liegen mag. Nur die beiden parallelen Zornesfalten direkt über der Nasenwurzel haben sich mit der Zeit immer tiefer eingegraben.
Nach den moderaten Irrfahrten der neunziger Jahre gerieten Kreator, wie auch die Weggefährten von Sodom oder Destruction immer weiter "ihr Ding" machend, ab 2000 in ein ruhigeres Fahrwasser. Weil immer mehr Musik aus dem Internet geladen wird, muss der physische Tonträger künstlerisch aufgewertet werden? Das war er im Metal von Anbeginn aller Zeiten. Mit Platten lässt sich kein Geld mehr verdienen, der Künstler muss touren? Für Gruppen wie Kreator ist es ehrliche Maloche, auf der Bühne zu stehen.
Nach gefeierten Erfolgen aus allen Kontinenten regte sich plötzlich auch in der Heimat so etwas wie Sympathie, und zwar nicht nur bei den üblichen Verdächtigen. Popdiskurs-Zeitschriften wie "Spex" widmeten sich dem Phänomen. Die Liebe beruhte auf Gegenseitigkeit und führte mit "Hordes Of Chaos" 2009 zur Zusammenarbeit mit dem Produzenten Moses Schneider (Tocotronic, Kante, Fehlfarben). Der Experte für analog-warmen Wohlklang motivierte seine Schützlinge regelmäßig, ihre Live-Qualitäten auch im Studio zu nutzen. Kreator klangen, man muss es so sagen, selten so dicht und wuchtig wie auf diesem Album.
In die gleiche Kerbe schlägt die aktuelle Platte, "Phantom Antichrist", die nach einer ähnlichen Methode aufgenommen wurde. Besser wird's nur da, wo diese Gruppe in ihrem Element ist - auf der Bühne. Zu sehen hier - beim Mitschnitt des Konzerts im Huxleys Neue Welt in Berlin von SPIEGEL ONLINE und tape.tv.
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