Michael Kiwanuka - "Home Again"
(Polydor/ Universal)
Ein britischer Kritiker schrieb über Michael Kiwanukas Debüt, dass alles, wirklich alles daran danach schreit, es mit 33 rpm auf einem Plattenspieler abzuspielen. Und fürwahr: "Home Again" ist so dermaßen 1972, dass es geradezu absurd wäre, die Platte als Download zu erwerben oder als schnöde CD. Also ab zum Vinylhändler und dann zu Hause neben "What's Going On" oder "Still Bill" einordnen, meinetwegen auch neben "What Colour Is Love" von Terry Callier. Würde gar nicht auffallen, so konsequent auf retro wurde "Home Again" von Produzent Paul Butler (The Bees) getrimmt; man glaubt sogar auf der CD-Version (die als Grundlage für die Rezension diente), ein 40 Jahre altes analoges Kratzen und Rauschen zu vernehmen. Aber auch wenn er sich anhört wie ein Soul-Veteran, Michael Kiwanuka ist gerade mal 25 Jahre alt, stammt aus der Westlondoner Szene um Mumford & Sons und wurde von BBC und Konsorten als einer der heißesten Newcomer des Jahres mit reichlich Vorschusslorbeeren bedacht. "Home Again" hält dem Hype stand: "Tell Me A Tale" entführt mit sehnenden Jazz-Flöten ins Folk- und Soul-Wunderland der Schlaghosen, Love-Beads und Afros. "I'm Getting Ready" und der Titelsong sind so taufrisch und glockenhell wie Nick Drakes fragiler Folk. Einiges auf dem Album, darunter "Always Waiting" erinnert kurioserweise auch an den Laid-Back-Surfersound von Jack Johnson.
Wem jetzt aufgefallen ist, dass noch gar nicht vom Original-Sound Michael Kiwanukas die Rede war, ist dem einzigen Problem dieses wunderbaren Albums auf die Spur gekommen: Klingt alles toll, Kiwanuka hat eine samtene, dunkle, schmeichelnde Stimme - die Songs sind keine Hits, aber jeder für sich hat Bestand im Zusammenhang eines Albums, das man ohnehin besser in einer Session durchhört, als Stücke herauszulösen. Aber einen eigenen Charakter, etwas was Michael Kiwanuka unverwechselbar macht, hat "Home Again" leider noch nicht. Seine - selbst geschriebene und größtenteils selbst eingespielte - Musik passt allerdings perfekt in den rückwärtsgewandten Zeitgeist und bedient die Sehnsucht nach seelenvoller, einfacher, emotionaler Musik, die gerade noch hip und besonders genug ist, um nicht als Kitsch, als
guilty pleasure gelten zu müssen. Etwas Neues so authentisch alt wirken zu lassen - bis hin zum Cover-Artwork, diese Vollendung der Retromanie verdient schon Respekt. Wollen wir nicht eigentlich alle am liebsten in dieser viel aufregenderen Zeit leben, in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern? Auffällig an Michael Kiwanuka ist, dass sein Hauptthema die Spiritualität ist - eher als die genretypischere Trauer/ Wut/ Erregung über eine dysfunktionale Liebesbeziehung. Das kann daran liegen, dass sein Liebesleben stinklangweilig ist. Oder er zielt mutwillig auf den US-Markt der Gottesfürchtigen. Oder er ahmt einfach seine seelensuchenden Vorbilder nach. Wie auch immer, für die ersten lauen Frühlingsabende im Freien, beim 45. Nachspielen des Summer of Love in den Hipster-Parkanlagen von Berlin oder Hamburg, kann man sich kaum einen besseren Soundtrack wünschen. Aber nicht den Ökostrom-Generator für den Plattenspieler vergessen!
(8) Andreas Borcholte
Cloud Nothings - "Attack On Memory"
(Wichita/ PIAS/ Rough Trade)

Erstens: Die Vorab-CD "Attack On Memory" ist mir bereits vor etwa vier Wochen hinter die Stereoanlage gefallen. Weil es keine Neil-Young-CD war, ließ ich sie bis vor ein paar Tagen auch dort liegen. Die heutige, sehr späte Besprechung ist also meine Schuld. Zweitens: Lange Zeit überlegte ich, an wen oder was mich der erste Track "No Future/No Past" erinnert. Jetzt weiß ich es. Wenn Sie es auch wissen wollen, legen Sie doch mal "Floodlit" von Lowercase auf: Die Ähnlichkeit im Aufbau ist geradezu absurd. Doch kein Mensch hört mehr Lowercase, die Cloud Nothings sind fein raus. Drittens: Aus dem nur leicht modifizierten Gitarrenmotiv des Strokes-Songs "Hard To Explain" wurde hier "Stay Useless" konstruiert. Wer gnädig ist, nennt es "Zitat". Drittens: "Wasted Days", "Cut You" und "Our Plans" sind Monster, die nur mit dem Wissen um die Hüsker-Dü-Doppel-LP "Warehouse: Songs And Stories" entstanden sein können. Viertens: Cloud-Nothings-Sänger Dylan Baldi und/oder Produzent Steve Albini besitzen mindestens drei Chokebore-Platten. Behaupten sie das Gegenteil, dann lügen sie. Fünftens: La-Dispute-Kids, lasst euch die Tattoos entfernen und hört Cloud Nothings! Sechstens: Obwohl diese Band aus Cleveland keinen menschenverachtenden Suicidal Black Metal zockt, spiele ich ernsthaft mit dem Gedanken, ein Cloud-Nothings-Konzert zu besuchen. Tell you why tomorrow.
(8) Jan Wigger
Super 700 - "Under The No Sky"
(Motor Music, erscheint am 6. April 2012)
Wer spontan Lust darauf hat, sich endlich einmal wieder richtig zu übergeben, dem seien hiermit zwei YouTube-Videos empfohlen: "Himmel auf" von Silbermond und "Ich hol' uns zurück" von Sebastian Düring (eine Art Tim Mälzer für orientierungslose Sekretärinnenseelen). Danach und zur Erholung ein Blick auf das wunderbare Cover der wunderbar betitelten neuen Super 700 werfen und auf Ibadet Ramadanis cherubinische Gesänge achten, die all den Schmutz, die Leere und die Eintönigkeit langsam aber gründlich wegfegen. "Under The No Sky" ist gedämpfter, windstiller als die fabelhafte letzte LP "Lovebites": Die Kompositionen zweigen weiter aus, und das, was sich ohne die halbmondfahle Musik etwas flach anhört ("Live your life with grace", "Where does all this hate come from?/ It comes from the bottom of our hearts"), wird plötzlich herrlich und bizarr. Nicht alle Songs sind so stark wie "21st Century Girl" (mit Kazoo!), "Queen Of Inbetween" (mit amtlichem Froschquaken!) oder "Decent Snow". Doch wer noch Platz hat, über dem Oxbow, unter dem Sand, der baut Super 700 noch heute ein kleines, goldgelbes Schloss im Himmel.
(7) Jan Wigger
Gary - "Hey Turtle, Stop Running!"
(Siluh Records)
Als ich irgendwann, es muss etwa 2003 oder 2004 gewesen sein, immer öfter hörte, dass der Schauspieler Robert Stadlober "unsympathisch und arrogant" sein soll, mochte ich ihn sofort. Unsympathisch und arrogant, so dachte ich, bin ich ja selbst, da könnte man bestimmt fruchtbare Gespräche über die Lemonheads, Guided By Voices und Big Star führen und nachfragen, ob Til Schweiger auch im wirklichen Leben ein Idiot ist. Einige Jahre und einige Konversationen später höre ich in den schludrig-schönen Songs der Band Gary noch immer vor allem das, was "Rolling Stone"-Autor Joachim Hentschel kürzlich als "aufrichtig" bezeichnete. Aufrichtig auch in dem Sinne, dass Stadlober über die Dinge singt, die er liebt, die bleiben, die er verloren und wieder gefunden hat, als die große Flut vorüber war. "This is an epitaph to all the things we dearly love" singt er rotwangig in "Epitaph", das fast so hell erstrahlt wie "John Peel And The Dragon Of Steel", dieses zwei Jahre alte Gary-Stück mit dem wunderbar perlenden Refrain. Die Erinnerung "You, Lou And Stephen Ca. 1995" und das schraddelig-spröde "Bill Ayers Torn Pamphlet For The Children Of The Revolution" beschreibt diese vier unprätentiösen Hänger ohne Karriereplan am besten: Man reagiert auf Launen, Grillen, Schnapsideen, plötzliche Wetterumschwünge und die täglichen Katastrophen. Wenn ihre Zukunft in Flammen aufgeht, können Gary wenigstens sagen: "Wir waren dabei."
(7) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)