Abgehört Die wichtigsten CDs der Woche

Was gegen sonntägliche Trägheit gesucht? Bitte The Shins hören. Wer dagegen in einen Darkroom hinabsteigen will, sollte es mit Grimes versuchen. Olli Schulz ist schlicht und einfach erstaunlich - kapiert das mal jemand?!?! Und dann sind da noch die norwegischen Spinner von Team Me.

Von und Jan Wigger


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The Shins - "Port Of Morrow"
(Columbia/ Sony, erscheint am 16. März 2012)

Bevor die tödliche Langeweile eines Sonntagabends wieder einmal mit der gewohnten Wucht zuschlagen konnte, erhielt ich einen rettenden Ratschlag: Guy Maddins Film "My Winnipeg", eine recht gewagte Synthese aus Hommage an die Heimatstadt, Dokumentation, Stummfilm, Fiebertraum und wilder Phantasie, sei wie gemacht dafür, die Trägheit zu zerstreuen. Genau so war es, und die Liebe, den Ekel, das Glück und die Wunden, die mit der Erinnerung verbunden sind, teilt Guy Maddin nicht nur mit Vittorio de Sica, Giuseppe Tornatore und Atom Egoyan, sondern auch mit James Mercer, dem duldsamen Songschreiber der Shins. Der "Port Of Morrow" ist ein trostloser Ort am Columbia River, den Mercer sich ebenso ins Gedächtnis zurückruft wie die adoleszente Vereinsamung ("Fall Of '82") und das Leben als Sohn eines in Deutschland stationierten US-Soldaten, der in der pfälzischen Einöde ("40 Mark Straße") zum ersten Mal in seinem Leben Prostituierte sieht. Dem ersten Shins-Album seit fünf Jahren hört man wieder Mercers Leidenschaft für die Byrds, die Beatles und XTC an, schon der vorab veröffentlichte "Simple Song" war ja ein Melodienwunder von Alex Chiltons Gnaden und ein Anklang an das allergrößte Shins-Stück "Gone For Good". Die Broken Bells haben auf "Port Of Morrow" kaum Spuren hinterlassen, "September" und "No Way Down" sind klassischer, von der ersten Frühlingssonne geküsster Shins-Pop, "Taken For A Fool" die kleine, traurige Ballade am Rande, die Mercer dir im Schlaf aufschreibt, wenn du ihn nur darum bittest: "The way we used to carry on/ Is stuck in my head like a terrible song/ Taken for a fool/ Yes, I was/ And I was a fool." Der lange Titelsong weist zurück auf die experimentellen Anteile von "Wincing The Night Away", krümmt und biegt sich und weht am Ende einfach vorbei. Am Port Of Morrow wird es dunkel. (7) Jan Wigger

Grimes - "Visions"
(4AD/ Beggars Group/ Indigo)

Einen Freund und Kollegen, den ich am Telefon auf die Veröffentlichung von "Visions" hinwies, war wenig begeistert und merkte an, die Platte sei doch "sehr hip" und also eher nichts für ihn, der weder Burial hört noch im abgedunkelten Zimmer die Blogs nach verquerem Avantgarde-Kram aus Williamsburg durchsucht. Ja, dachte ich, sehr hip indeed, also eigentlich nichts für einen Proll wie mich, der "Sky" wegen Esther Sedlaczek guckt, am liebsten Journey hört und die "Post von Wagner"-Kolumnen aus der "Bild"-Zeitung sammelt. "'Visions' was conceived in a period of self-imposed cloistering during which time I did not see daylight", sagt Claire Boucher (die natürlich einer größeren Künstlergruppe Montreals angehört, welche sich regelmäßig in einer leerstehenden Textilfabrik trifft) über ihre neue Platte. Und weil so was von so was kommt, klingt "Visions" wie eine leerstehende Textilfabrik, wie ein vollkommen heruntergekommener Darkroom, in dem nur noch Gaspar Noé und eine Kröte warten, wie TLC ohne Arme und Beine, wie Cluster-Kopfschmerz, wie The xx, wie Zuckerrausch, wie Betty Boo, die nackt aus einer Tiefkühltruhe steigt. Und ganz selten wie die Begleitmusik zum berühmten Grimoire "Liber Azerate - The Book Of Wrathful Chaos". Doch so klandestin und verboten wie dieses böse Buch wirkt Claire Boucher nur, wenn sie lächelt. (7) Jan Wigger

Olli Schulz - "SOS - Save Olli Schulz"
(Trocadero/ Indigo, erscheint am 16. März 2012)

Olli Schulz ist der vielleicht erstaunlichste TV-Promi, der da draußen gerade so rumläuft. Wenn man sich die Auftritte des Hamburgers bei "NeoParadise" auf ZDFNeo ansieht, unlängst als belästigend-besoffener Bukowski-Wiedergänger Charles Schulzkowski im Berlinale-Einsatz, dann fühlt man sich in eine andere, irgendwie irre, aber auch freiere Zeit des deutschen Entertainments versetzt. Fred Sonnenschein und seine (Hamster-)Freunde fallen mir da ein, letzten Samstag gerade mal wieder bei den Hitparade-Reruns mit Dieter Thomas Heck auf ZDFKultur gesehen - und fassungslos gewesen. Oder Didi Hallervorden. Es wäre Olli Schulz ohne weiteres zutrauen, dass ihm demnächst mal irgendwo ein schüchternes "Palim-palim" entfährt. Gar nicht aus Kalkül oder Ironie, die ist ihm ohnehin eher fremd, sondern einfach so.

Mit seiner neuen Platte zeigt Schulz nun auch neueren Fans, dass er nicht nur Fernseh-Anarcho, sondern auch ein sehr guter Liedermacher sein kann, wenn er denn will. Melancholische Songs wie "Wenn es gut ist", "Irgendwas fehlt" oder "Spielerfrau" kehren eher die Monsieur-Hulot-Seite des Liedermachers heraus als seine Muppetshow-Persona, was nach all dem Halligalli mit Joko und Klaas schon sehr wohltuend ist. Schulz-Lieder sind voll kluger Aphorismen und schöner Bilder; wenn man hört, was er da singt, weiß man sofort, wie's ihm geht: "Ich lehne mich über die Brüstung der Brücke/ Und spucke/ Einem Schwan auf den Rücken", heißt es in "Old Dirty Man", und nur kurz darauf folgt die Erkenntnis: "Ich glaube, ich bin mit der Zeit/ Ganz schön komisch geworden." Sind wir ja alle irgendwie. Und genau dieses Gefühl des Älter- und Wunderlichwerdens hat Schulz zum Thema von "SOS" gemacht. Herzstück, im Sinne von ergreifend, ist der grandiose Song "Koks und Nutten", der von einer dieser vielen sympathisch gescheiterten Musiker-Existenzen erzählt, die Schulz wohl allabendlich beim Kneipier seines Vertrauens trifft. "Für die Bands, die ich so liebte/ Die der Erdboden verschluckte/ Für die Entrückten und Beseelten/ Die sogenannten Verlierer/ Die mir in wunderschönen Liedern/ Von ihrer Sehnsucht erzählten/ Für die möchte ich singen/ Weil ich auch nur einer bin/ auf der Suche nach dem Moment/ Wenn die Musik jeden Lärm und jeden Schmerz von Dir nimmt", singt er am Ende dieser großen Underdog-Ballade - und zum Glück kommt gleich danach eines dieser durchgeknallten Interludien, das von einem Briefmarkensammler handelt, sonst müsste man weinen. Olli Schulz beherrschte dieses Spreizen zwischen großem Gefühl und Mach-den-Bibo-Dadaismus schon immer aus dem Effeff, das zeigt er auch gerne mal live, wenn er im zerknitterten Anzug mit Gitarre auf einem Hocker kauert und Journeys Schmalzkuchen "Don't Stop Believing" so herzhaft und ernst runterklampft, wie er gemeint war. Am Ende dieses abenteuerlichen Albums verabschiedet sich Schulz krähend von allen Buchstaben, Menschen und Möbeln, die auf der Platte vorkommen und mitgemacht haben. Und spätestens da denkt man: Vielleicht ist Olli Schulz nicht nur der erstaunlichste Fernseh-Spasti, vielleicht ist er auch der erstaunlichste Singer/Songwriter, den wir gerade haben. Wird Zeit, dass uns das mal bewusst wird. (8) Andreas Borcholte

Team Me - "To The Treetops!"
(Propeller/ Soulfood)

So lachhaft wie die ungewollte Wiedergeburt Mando Diaos in von Sunn O))) abgetragenen Mönchskutten (du sollst den Kindern doch nichts leihen, Stephen!) kann so ein Konzert von Team Me doch eigentlich gar nicht sein. Trotzdem erzählte man mir von fliegenden Pappschweinen, Konfettiregen und rosarotem Corpsepaint - drei gute Gründe, auf keinen Fall das Haus zu verlassen. Andererseits veröffentlichen Team Me "To The Treetops!" auf dem unbedingt vertrauenswürdigen Label Propeller Records (Moddi, Hanne Hukkelberg), heißen "Per Egil Knudsen" und "Julie Ofelia Ostrem Ossum" (!) und haben bei den beiden wichtigsten Bands der Gegenwart (Animal Collective und Arcade Fire) genau aufgepasst: Es gibt die in den Himmel greifenden Zwergmaus- und Riesenhörnchen-Chöre, ein seltenes Hohelied, das zumindest zum Teil dem Sänger von Silverchair gewidmet ist ("Patrick Wolf & Daniel Johns"), den Superhit ("Show Me") und ein Nachtgebet, das von Dolchen handelt. Man spürt den unbedingten Willen, Realität und Vision zu verschmelzen - nicht schlecht für sechs norwegische Spinner vom Lande. (6) Jan Wigger

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
phobos81 13.03.2012
1. Gute Musik ...
Zitat von sysopWas gegen sonntägliche Trägheit gesucht? Bitte The Shins hören. Wer dagegen in einen Darkroom hinabsteigen will, sollte es mit Grimes versuchen. Olli Schulz ist schlicht und einfach erstaunlich - kapiert das mal jemand?!?! Und dann sind da noch die norwegischen Spinner von Team Me. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,820749,00.html
Wieder mal sehr schön geschrieben ... :) Und mit "Visions" ist sogar ein Album dabei dass mich sehr neugierig macht (Diese 5 Sekunden erstes reinhören die einem sofort sagen: "Stopp, verschwende das erste reinhören nicht weiter an Schnipseln sondern hol dir das ganze Album und befriedige deine Neugier!")
charliemaenson 14.03.2012
2. !!!
Zitat von sysopWas gegen sonntägliche Trägheit gesucht? Bitte The Shins hören. Wer dagegen in einen Darkroom hinabsteigen will, sollte es mit Grimes versuchen. Olli Schulz ist schlicht und einfach erstaunlich - kapiert das mal jemand?!?! Und dann sind da noch die norwegischen Spinner von Team Me. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,820749,00.html
Also, ich sammele schon ein paar Jährchen Schallplatten( bevorzugt Vinyl ) und hab so ein paar davon angehäuft. Daher und weil ich mir die Tonträger auch anhöre bilde ich mir ein von der Materie auch ein kleines bißchen Ahnung zu haben. Nun zur Sache: Wenn ich mal so richtig Lageweile habe lese ich Plattenrezensionen und frag mich dann was mir dieser ganze Wortsalat und Gestammel eigentlich sagen möchte. Das einzige was mir dazu einfällt ist dann: Hör dir die Scheiße an und bild dir selbst deine Meinung. Aber für dieser Aussage wird man wohl von keiner Redaktion der Welt bezahlt. Und deshalb geht dieses inhaltlose Wortgeschwurbel immer so weiter. Nun zu! Bestimmt hab ich bald mal wieder Langeweile.
la-ge 15.03.2012
3. Also,
Zitat von charliemaensonAlso, ich sammele schon ein paar Jährchen Schallplatten( bevorzugt Vinyl ) und hab so ein paar davon angehäuft. Daher und weil ich mir die Tonträger auch anhöre bilde ich mir ein von der Materie auch ein kleines bißchen Ahnung zu haben. Nun zur Sache: Wenn ich mal so richtig Lageweile habe lese ich Plattenrezensionen und frag mich dann was mir dieser ganze Wortsalat und Gestammel eigentlich sagen möchte. Das einzige was mir dazu einfällt ist dann: Hör dir die Scheiße an und bild dir selbst deine Meinung. Aber für dieser Aussage wird man wohl von keiner Redaktion der Welt bezahlt. Und deshalb geht dieses inhaltlose Wortgeschwurbel immer so weiter. Nun zu! Bestimmt hab ich bald mal wieder Langeweile.
in welcher Lage verweilst Du, wenn Du von Deiner Sammelleidenschaft schreibst? Und aus welchen Material gibt es heutzutage noch Schallplatten?
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