Krystian Zimerman: Pianist unterbricht Konzert wegen Handyfilmer

Pianist Krystian Zimerman (Archivbild): "Es ist Diebstahl, was da passiert" Zur Großansicht
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Pianist Krystian Zimerman (Archivbild): "Es ist Diebstahl, was da passiert"

Wegen YouTube-Filmen habe er schon Plattenprojekte verloren, klagte der Pianist Krystian Zimerman am Montag bei einem Konzertabend in der Essener Philharmonie. Dort filmte ein Zuschauer mit seinem Smartphone. Der polnische Klaviervirtuose unterbrach verärgert seinen Auftritt.

Essen/Hamburg - Es ist eine beliebte Ausrede für Klassikverächter, um Konzerte zu schwänzen: Bei Klassikaufführungen dürfe man ja im Publikum nicht einmal husten. Doch ein Huster verletzt wenigstens kein Urheberrecht. Der Pianist Krystian Zimerman hingegen hat am Montagabend in Essen ein Konzert wegen eines illegalen Video-Mitschnitts unterbrochen.

"Würden Sie das bitte lassen", forderte der renommierte Pianist bei dem Konzert des Klavierfestivals Ruhr einen Zuhörer auf der Empore auf, der offensichtlich mit einem Smartphone mitfilmte. Zimerman spielte zunächst weiter, konnte sich aber nicht mehr konzentrieren und verließ sichtlich verärgert nach kurzer Zeit mitten im Stück die Bühne. Er habe schon viele Plattenprojekte und Kontakte verloren, weil man ihm sagte: "Entschuldigung, das ist schon auf YouTube", erklärte er nach seiner Rückkehr auf die Bühne wenige Minuten später: "Die Vernichtung der Musik ist enorm durch YouTube."

Zimerman spielte später Werke des polnischen Komponisten Karol Szymanowski (1882-1937). Auf eine Zugabe verzichtete er trotz lauten Beifalls. Auch den Empfang nach dem Konzert sagte er ab. "Es ist Diebstahl, was da passiert", sagte der Intendant des Festivals, Franz Xaver Ohnesorg. Das sitze tief, vor allem bei einem sensiblen Künstler.

Zimerman, der 1975 den Grand Prix des Warschauer Chopin-Wettbewerbs gewonnen hatte, gilt als einer der weltweit wichtigen Pianisten. Der Sohn einer polnischen Musikerfamilie gibt pro Saison nur etwa 50 Konzerte, die er mit Akribie vorbereitet. So nimmt er zu den Tourneen in aller Welt seinen eigenen Flügel mit. Mit Aufnahmen von Brahms, Rachmaninow und Liszt feierte er auch kommerziell große Erfolge.

Schon 2009 unterbrach Zimerman ein Konzert. Damals, in Los Angeles, waren es allerdings nicht Handymitschnitte, die den Musiker irritierten, sondern die US-Außenpolitik. "Hände weg von meinem Land", sagte der polnische Maestro. Mit der Konzertunterbrechung protestierte er gegen die amerikanischen Pläne für einen "nuklearen Schutzschirm". Allerdings könnte seine Anti-Haltung gegen die USA auch durch einen Vorfall kurz nach dem 11. September 2001 befördert worden sein: Damals wurde sein Steinway von den Grenzbehörden erst konfisziert und dann zerstört.

feb/dpa

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insgesamt 468 Beiträge
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1. Vorbild
gatsue 04.06.2013
Davon können unsere Künstler etwas lernen!
2. YouTube
stammtischhistoriker 04.06.2013
Ich bin sicher er hat seine guten Gründe, aber wenn jemand diese Musik mag, wird ihn ein Video eines Auftritts dich eher dazu bewegen, in ein Konzert zu gehen, oder? Bei einer schnellen Suche auf Youtube (Schweiz, also ohne GEMA Filter) finde ich auch keine Handyfilmchen.
3. Super Aktion
kork22 04.06.2013
Und vollkommen richtig. Dieser Filmwahn hat einfach zu große Dimensionen angenommen. Wahrscheinlich dreht Zimerman demnächst mit Google Glass komplett durch.
4. Das ist keine Musik
cthullhu 04.06.2013
Zitat "Die Vernichtung der Musik ist enorm durch YouTube." - Bester Spruch, den man je von einem "Künstler" hören könnte. Frage an den Pianisten: Machen Sie Kunst - oder machen Sie Geld? Machen Sie Musik oder machen Sie Konsumgut? Vielleicht sollte der Pianist mal in sich gehen und über seine schwachsinnigen Worte nachdenken. Das einzige, was für einen Künstler wirklich zählt - ist weniger das Geld - vielmehr die Verbreitung seiner Werke. Aber... wer ist heutzutage schon noch ein echter Künstler... gerade in Zeiten von Lena, Sido, Black Eyed Peas... etc.
5. Der Mann hat recht
al.dente 04.06.2013
Zitat von sysopWegen YouTube-Filmen habe er schon Plattenprojekte verloren, klagte der Pianist Krystian Zimerman am Montag bei einem Konzertabend in der Essener Philharmonie. Dort filmte ein Zuschauer mit seinem Smartphone. Der polnische Klaviervirtuose unterbrach verärgert seinen Auftritt. Krystian Zimerman unterbricht Konzert wegen Handyfilmer im Publikum - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/krystian-zimerman-unterbricht-konzert-wegen-handyfilmer-im-publikum-a-903603.html)
Ich finde es nicht nur aus urheberrechtlicher Sicht verwerflich, ein Konzert mit dem Smartphone aufzunehmen, sondern empfinde es auch als absolutes Kulturbanausentum. Was bewegt diesen Handy-Junky eigentlich, in ein Konzert eines so hochklassigen Pianisten zu gehen und es zu stören. Teeren und federn sollte man diesen Sack! Und lebenslanges Hausverbot in allen Konzerthäusern. - Er kann ja dann zu Andrea Berg gehen:-)
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