Kuba-Rapperin Telmary "Ich verteidige meine Wurzeln"

Während amerikanische HipHop-Stars das Ghetto-Elend vermarkten, findet in Kuba eine Revolution statt: Rap Cubano mischt das Genre auf - und findet im Debut der 30-jährigen Telmary Diaz zu seiner ureigenen Stimme.

Von Jonathan Fischer


Jeden Sonntag versammelt die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Kubas einige Dutzend Nachwuchs-Rapper im Grundschulalter um ein paar verbeulte Boxen in einem Hinterhof in Alt-Havanna. Es riecht nach Moder und Verfall. Von der Straße tönt das Gebrüll russischer Dieselmotoren. Die Sonne brennt unbarmherzig auf die Köpfe der Versammelten.

Rapperin Telmary: "Jede Äußerung ist politisch"
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Rapperin Telmary: "Jede Äußerung ist politisch"

Doch wenn der Beat einsetzt, zählt das alles nicht mehr. Ein Zehnjähriger greift sich das Mikrophon, deutet ein paar Breakdance-Bewegungen an und setzt in kindlichem Singsang zu einer Kaskade von Raps an: über die Heimat, den Fortschritt, sozialistische Helden wie Castro und Che. Frenetischer Applaus der auf Plastikstühlen hin und her rutschenden Freunde. Der nächste bitte!

Dass HipHop lange als "amerikanischer Import" verpönt war, schnauzbärtige Schlagersänger im heimischen Fernsehen ihre rappenden Landsleute gar als "Bakterien" diskreditieren durften, "die unsere kubanische Folklore zersetzen" – Gefechte von Gestern. Inzwischen versucht die Obrigkeit für sich einzuspannen, was sie nicht eindämmen kann. "Sobald die Musikindustrie, das Geld hier ankommt", erklärt der örtliche Parteijugend-Leiter die HipHop-Jam Session unter dem Castro-Portrait "wird es kaum mehr Möglichkeiten geben, etwas zu entwickeln, das eine revolutionäre Perspektive verfolgt".

Die Revolution, sie gilt im Lande Che Guevaras noch immer als unanfechtbares letztes Ziel. Doch ob ihr Geist nicht längst die Seiten gewechselt hat? Schließlich kommen die revolutionärsten Töne Kubas heute weder aus den Parteipalästen noch aus den Salsa-Clubs, wo heimische Musiker für ein Eintrittsgeld von mehreren kubanischen Monatslöhnen die Touristenscharen animieren.

Nein, die jugendlichen Revolutionäre sind in Havanna auf keinem einzigen Plakat angekündigt. Sie rappen in Hinterhöfen und halboffiziellen Jugendclubs. Und nennen sich stolz "Underground". Untergrund, weil sie vom heimischen Establishment kaum verstanden werden. Untergrund, weil das sozialistisch getünchte Tropenidyll in ihrer Musik ein dissonantes Echo findet.


Bisher hat der Westen diese Spielart kubanischer Musik kaum beachtet – entweder fanden die selbstgebrannten CDs der kubanischen Rapper nicht aus Havanna heraus, und wenn doch, dann haben Exilanten wie die unter Regie eines französischen Produzenten agierenden Orishas nur allzu gern die Kubaklischees bedient.

Das könnte sich jetzt mit dem Debüt von Telmary ändern. Auf "Diario" mischt die 30-jährige Rapperin und Spoken Word Künstlerin nicht nur verschiedenste musikalische Stile und Sprachen zu einer gewagten Fusion. Das aus Havanna stammende Multitalent wagt sich auch an die HipHop-ifizierung der alten afrokubanischen Traditionen.

Tagebuch der Revolte

Mit ihrem Markenzeichen, einem Turban auf dem Kopf und einem buntgemusterten Kleid, das eher an Hippie denn HipHop erinnert, betritt Telmary Diaz die Bühne. Eigentlich wird der Saal an der 23. Straße, Ecke Calle F, als Kino genutzt. Doch heute hat ihn Telmarys Band Interactivo für einen ihrer Auftritte gebucht.

Die Mundpropaganda hat offensichtlich gewirkt: Hunderte von HipHop-Fans drängen sich zwischen den Sitzreihen, ähneln in Baggy-Pants und Baseball-Caps ihren amerikanischen Vorbildern. Die Mädchen dagegen tragen Rastalöckchen, Sonnenbrille, Turnschuhe und haben offensichtlich viel Zeit und Geld in ihr Outfit investiert. Als die zierliche Rapperin zu einem ihrer wahnwitzig schnellen spanischen Wortkaskaden ansetzt, recken alle die Fäuste in die Luft. Die Refrains können sie längst auswendig: "Hört mich das Tagebuch eines Revolutionärs vortragen!"

Bevor Telmary mit dem Funk-Jazz-Kollektiv Interactivo auftrat, hatte sie in Havanna englische Literatur studiert und träumte von einer Arbeit als Journalistin oder Schriftstellerin. Doch ihre Poesie fand kaum Beachtung. Und Telmary beschloss, ihre Tagebucheinträge, oft verschlüsselte bis surreale Traumgeschichten, in die Form von HipHop-Versen zu gießen.

Dabei ist es nicht nur ihr literarischer Ansatz, der das Charisma der schwarzhaarigen Rapperin ausmacht. Als Tochter eines hochrangigen kubanischen Staatsbeamten ist sie relativ privilegiert aufgewachsen, treibt sie nicht die blanke Wut, wie sie die Jugendlichen aus den Trabantenstädten in ihre Raps über Rassismus, Polizeikontrollen und berufliche Hoffnungslosigkeit packen.

Film- und spruchreif trotz Zensur

Zwar kennt Telmary den kubanischen HipHop-Untergrund - allein in Havanna konkurrieren über zweihundert Rap-Combos miteinander –, doch sie möchte nicht in einer Szene stecken bleiben, wo es mehr Rapper als Mikrophone gibt, kaum jemand einen Plattenvertrag hat und ein eigenes Equipment oder auch nur Plattenspieler Seltenheitswert haben. "Die meisten sparen verzweifelt ihre 20 bis 25 Dollar zusammen, die ein Backgroundtrack kostet. Und dann kommen sie mit ihrem aggressiven Stil doch nicht an der Zensur in unseren Radio- und Fernsehsendern vorbei. Das führt nirgendwo hin".

Telmary dagegen hatte Glück: Als ihr ein befreundeter DJ in einer Diskothek das Mikrophon aushändigte, machte sie ihre erste Erfahrung als Rapperin, improvisierte sie Tagebuchnotizen über den Beat – und stellte fest, dass das Publikum ihre ausdrucksstarke Stimme mochte. Mit befreundeten Musikern rief sie das Free-Hole-Negro-Kollektiv und später Interactivo ins Leben und wurde 2005 aufgrund ihrer Vielseitigkeit für einen Gastauftritt im Kinofilm "Musica Cubana" engagiert.

Eigentlich hätte Telmarys Album "Diario" noch im selben Jahr erscheinen sollen. Doch dann flopte der als Nachfolger des "Buena Vista Social Club" designierte Film. Und obwohl politisch engagierte US-Rapper wie The Roots, Mos Def oder Common auf eigene Rechnung in Havanna auftraten und die dortige HipHop-Szene für ihre Kreativität und kommerzielle Unverdorbenheit rühmten, wollte sich kaum ein westliches Label die Finger am Rap Cubano verbrennen. Einziger Lichtblick: der Soundtrack des von der deutschen Regisseurin Alina Teodorescu gedrehten Filmes "Paraiso", auf dem die drei "Madeira Limpia" genannten Rapper und Sänger aus Guantanamo eine wunderbare Fusion traditioneller Rhythmen und zeitgemäßer Widerstandspoesie darbieten.



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