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Kubanischer HipHop: Fidel Castro die Leviten rappen

Aus Guantanamo berichtet Jonathan Fischer

Die kubanische Parteipropaganda verkündet weiter den Sieg des Sozialismus, aber junge HipHopper von Havanna bis Guantanamo brechen das staatliche Meinungsmonopol: mit Texten, die Polizeigewalt, Parteispitzel und Prostitution aufs Korn nehmen.

Eine Privatwohnung am Stadtrand von Guantanamo: Fünf schwitzende Rapper drängen sich in einem fensterlosen, gerade mal Besenschrank-großen Zimmer. Starren auf einen Computer-Bildschirm, wo die Tonspur im Takt mit den zackigen Wortkaskaden des Kollegen in der Gesangskabine ausschlägt. ""No me da ni frio ni calor", singt Rapper Yasel zwischen lärmdämmenden Eierschalenkartons. "Heiß oder kalt: Du bringst mich nicht aus der Fassung" Eine musikalische Kampfansage an die Adresse der lokalen Konkurrenz.



Der Studioinhaber - er lässt hier eigentlich örtliche Reggaeton-Bands CDs für den Schwarzmarkt aufnehmen - gibt aus der Kontrollkammer immer wieder ein heiseres "kul" dazu - cool. Legt eine synthetische Basslinie unter. Und fädelt schließlich an seiner von westlichen Besuchern mitgebrachten Misch-Konsole spanische Raps, Gesang, Lachen und Gebrüll zweier Rapper zusammen, die unter dem Namen Madera Limpia nicht nur in ihrer Heimatstadt Guantanamo, sondern auch im Westen als Stimmen des jungen, eigenwilligen Kuba gehandelt werden.

Songs für die Masse, Songs für den Hinterhof

"Wir betrachten unsere Songs wie Theaterstücke", erklärt Yasels Partner Gerald. "Ein dramatisierter Ausdruck dessen, was uns täglich passiert." Wobei sie wie die meisten ihrer Rapper-Kollegen zweigleisig fahren: Da sind die Stücke zum Geldverdienen, Songs, die man gefahrlos auf einer der von der kommunistischen Partei kontrollierten Bühnen bringen kann. So haben Madera Limpia das gerade aufgenommene "Ni Frio Ni Calor" bereits bei zahlreichen Live-Auftritten in Guantanamo getestet. Ein Hit, den das Publikum inzwischen Zeile für Zeile mitsingt.

Andere Songs jedoch, aufgenommen im Hinterhof eines befreundeten Musikprofessors, tragen sie nur im Kreis der engsten Freunde vor. Und reichen sie bestenfalls unter der Hand auf selbstgebrannten CDs weiter.


Es sind Texte über Parteispitzel und Prostituierte, über die Vergötzung westlicher Marken. Und natürlich über "Aburriemento", die alles übertönende Langeweile. Ihr 2008 auf dem kleinen Münchner Label Outhere Records veröffentlichtes Album "La Corona" setzt der penetranten Buena-Vista-Social-Club-Romantik im Westen einen kubanischen Realismus der Straße entgegen.

"Alles versinkt in Langeweile/ die Selbstachtung am Boden/ misslungen der Versuch, ich selbst zu sein": Jeder kämpfe hier mit diesem Gefühl. "Die Jungen wollen weg - wenigstens bis nach Havanna, wo man auf dem Schwarzmarkt ein paar Chancen hat", sagen die Rapper. Nur: Geredet werden darf darüber öffentlich nicht.

Seit einigen Jahren sieht es so aus, als würde der HipHop auf den Straßen der kubanischen Städte erreichen, was die politische Opposition bisher vergebens anstrebte: eine Form lyrischer Redefreiheit, die dem staatlichen Meinungsmonopol eine eigene Sicht der Dinge entgegenstellt.

Besonders in Havanna lebt der HipHop-Untergrund. Viele seiner Protagonisten wie etwa Telmary, Yusa oder das Duo Obsesion haben sich inzwischen internationale Netzwerke geschaffen. Während Letztere etwa auf dem neuen Album der peruanischen Band Novalima mitwirken und Yusa mit dem Brasilianer Lenine kooperiert, gehört Telmary zu einem größeren Künstlerkollektiv.

Ihre Band Interactivo brachte 2002 eine Gruppe Poeten, Songwriter und Musiker zusammen, die mit ihrer originellen Mischung aus Funk, Jazz, Rap alle offiziellen Konzepte von kubanischer Kultur und sozialistischer Spießigkeit in Frage stellten.

Staatliche Aufnahmestudios bleiben dagegen den meisten Raperos verschlossen. Wie etwa Aldo und El Bian, die als "Los Aldeanos" ihre Reime in der Bardaran-Bar in Havannas Villenviertel Vedado vortragen. Einmal die Woche laden sie Kollegen unter dem Motto "Comision de Puradora", Reinigungskommission, hierher zu einem Wettstreit der Reimakrobaten ein.

Und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund: Zu selbstgebauten Beats bekommen staatliche Funktionäre bis hin zu Revolutionsführer Fidel Castro die Leviten gerappt, wird der offiziell geleugnete Rassismus der Polizei und die Ungerechtigkeit des Zwei-Währungs-Systems angeprangert - während das Publikum viele Refrains auswendig mitgrölt.

Auch die Partei lässt rappen

Die Partei lässt die aufmüpfigen Künstler gewähren: Besser dem allgemein verbreiteten Unmut ein von ihr kontrolliertes Ventil schaffen, als die Rapszene in Bausch und Bogen gegen sich aufbringen. Schließlich haben Jugendorganisationen der Kommunisten den amerikanischen Musik-Import inzwischen für sich selbst entdeckt: Bei öffentlichen Nachwuchsbewerben werden die besten Raperos gesucht - mit ihren Lobeshymnen auf Che Guevara, Jose Marti und die geliebte Heimat.

Die meisten HipHopper aber haben sich solchen Vereinnahmungsversuchen widersetzt: Anders als immer wieder gesperrte Web-Blogs und kritische Internet-Seiten sind ihre eindeutig-zweideutigen Metaphern schwer zu unterdrücken: Der Schmutz in den Städten - könnte damit nicht auch das Spitzelsystem und die Willkür der Milizionäre gemeint sein? Und dass die von Madera Limpia artikulierte Langeweile auch eine politische Dimension hat - welcher Kubaner wollte das leugnen?

So garantierte bisher ironischerweise gerade die Zensur die hohen lyrischen Qualitäten des Rap Cubano. "Jeder hier", erklärt Madera-Limpia-Rapper Yasel, "entziffert selbstverständlich, worauf Texte über 'falsche Versprechungen' oder 'die tote Ordnung' abzielen."

Viele seiner Kollegen seien auf Reisen in Europa oder Amerika geblieben. Weil sie den dauernden Druck, das Doppelleben nicht mehr aushielten. Und endlich mehr Geld verdienen wollten, als die 20, 30 Dollar, mit denen Musiker ebenso wie staatlich angestellte Kulturschaffende über den Monat kommen müssen. "Ich werde Kuba trotzdem nie verlassen". Yasel hat die Verlockungen des Westens mit eigenen Augen gesehen und weiß, dass er dort vielleicht bezahlt, aber nicht wirklich gebraucht wird. "Abseits der Heimat würde ich alles verlieren: den ganzen Stoff für meine Texte, meine Musik."

Schließlich tönen Madera Limpia eigenwilliger als die längst von MTV und anderen amerikanischen Popsendern im Miami erfassten Kollegen aus Havanna. Spielerisch bewerkstelligen die von Marimba und Tres untermalten Beats den Kurzschluss zwischen altem und neuem Kuba.

Auf der Veranda des inoffiziellen Aufnahmestudios mischt sich das dumpfe Grollen der Dieselmotoren in die HipHop-Beats. Und während Pferdegespanne vorbeiklappern, Fischverkäufer ihre Ware ausrufen und in falsche Dolce&Gabbana-T-Shirts gekleidete Jugendliche auf der Straße Baseball spielen, erzählt Yasel, was für einen Rapper in Guantanamo Erfolg bedeutet: "Wir sind glücklich, wenn wir zweimal im Jahr auf der Ladefläche eines Lastwagens die 700 Kilometer zu einem Auftritt nach Havanna schaukeln dürfen."

Mag sein, dass sich die ersten Rapper aus der Bronx damals ähnlich fühlten wie heute die Jugendlichen von Guantanamo: voller Wut, von der Welt vergessen. "Ihre Musik wurde einst als Ghetto-Mucke verachtet, heute hat sie die Welt erobert", schwärmt Yasel. "Warum sollten wir es da nicht schaffen, ein paar neue Gedanken in die Köpfe der kubanischen Menschen zu bringen?"

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Korrigierende Ergänzung
Yerbabuena 16.08.2009
Erwähnte Rapperin Telmary knüpft ihre "internationalen Netzwerke" schon längst nicht mehr von ihrer Heimatstadt Havanna sondern von Toronto aus, wo die Künstlerin seit mehreren Jahren lebt und arbeitet.
2. 2. Korrigierende Ergänzung, lieber Kollege Fischer... :-)..
Yerbabuena 16.08.2009
Erwähnte Bar heißt nicht BARDARAN sondern BARBARAM, befindet sich auch nicht im Villendviertel Vedado sondern im angrenzenden Nuevo Vedado, ein weniger mit Villen denn mit neueren, teils Hochhäusern bebautes Viertel.
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