Stardirigent Kurt Masur "Heute zeigen wir es wieder allen!"

Er leitete 30 Jahre lang das berühmte Gewandhausorchester in Leipzig, 1989 sorgte er mit für eine friedliche Wende. Hier sprechen Kurt Masur und seine Ehefrau Tomoko Sakurai über ein Leben zwischen Klassik und Politik - und seinen Kampf gegen Parkinson.

Ein Interview von Marc Hairapetian

DPA

SPIEGEL ONLINE: Herr Masur, nach 18 Jahren haben Sie vor kurzem wieder mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) ein Konzert in der Berliner Philharmonie gegeben. Der Mendelssohn-Bartholdy-Abend sollte eigentlich schon im März stattfinden, ist aber aus gesundheitlichen Gründen verschoben worden. Wie fühlen Sie sich jetzt?

Masur: Erstaunlich gut. Meine Frau hatte fast nicht mehr daran geglaubt, dass ich in der kurzen Zeit wieder im sprichwörtlichen Sinn auf die Beine komme, da ich derzeit ja immer noch im Rollstuhl sitze und von ihm aus dirigiere. Doch Tomoko hat stets alles dafür getan, dass es wieder besser wird. Diese Frau gibt mir soviel Kraft, das kann ich gar nicht beschreiben!

SPIEGEL ONLINE: Frau Sakurai, Sie kümmern sich um Ihren Mann. Haben Sie eigentlich als ausgebildete Sopranistin, noch Zeit zu singen?

Sakurai: Ich schaffe es tatsächlich noch, mehr als ein bisschen zu Hause zu zwitschern. Mit meinem Ensemble mache ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit Musik. Neben den alljährlichen Auftritten bringe ich so alle drei bis fünf Jahre neue CD auf den Markt.


Zur Person
Kurt Masur, Jahrgang 1927, ist der wohl bekannteste lebende deutsche Dirigent. 30 Jahre lang war er Kapellmeister des legendären Leipziger Gewandhausorchesters. Am 9. Oktober 1989 war er einer der sechs prominenten Leipziger, die den Aufruf "Keine Gewalt!" verfassten und auf diese Weise mit dafür sorgten, dass der Umschwung zur Demokratie in der DDR friedlich verlief. Seit 1976 ist Masur in dritter Ehe mit der japanischen Sopranistin Tomoko Sakurai verheiratet. Sie haben einen gemeinsamen Sohn. 2012 machte der Klassikstar öffentlich, dass er unter Parkinson leidet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Masur, Sie haben auf Ihrer Webseite vor zwei Jahren Ihre Parkinson-Krankheit selbst öffentlich gemacht. Ist Ihnen das sehr schwer gefallen?

Masur: Es musste doch etwas geschehen! Diese Mutmaßungen, das Gemunkel wie "Was ist denn mit dem Mann bloß los?" sollten endlich ein Ende haben. Ich habe versucht, das mit der Bekanntgabe der Krankheit in Ordnung bringen. Ohne Tomoko hätte ich es vielleicht nicht getan. Für mich ist das Glück, sie an meiner Seite zu haben, genauso groß, wenn nicht sogar noch größer als das Glück, das mir in der Kunst zuteil geworden ist.

Sakurai: Die Krankheit kann zu Muskelsstarre, Muskelzittern und Haltungsinstabilität führen. Deswegen muss mein Mann, der vor kurzem noch gestürzt ist, im Rollstuhl sitzen. Doch während der täglichen Therapie gab es Momente, wo wir immer wieder herzhaft lachen mussten. Mein Mann ist bald 87 und erst jetzt haben wir in unserem New Yorker Domizil und auch in unserem Leipziger Haus jeweils einen Raum geschaffen, wo wir alle Apparate für Fitness haben.

Masur: Sozusagen ein Fitnessstudio mit Ergometer, Kletterstangen und so weiter. Es geht darum, meine Muskeln auf den Stand eines normal gesunden Menschen in meinem Alter zurückbringen. Die Übungen mache ich unter Anleitung meiner Frau täglich in der Frühe und am Abend.

SPIEGEL ONLINE: Die Disziplin, die Sie als Dirigent haben, kommt Ihnen sicherlich dabei zugute.

Masur: Richtig, Ich merke es doch selbst, wenn plötzlich meine geistige Konzentration nachlässt. Wenn man auf einmal spürt, dass das, was ich vorher mit der linken Hand gemacht habe, auf einmal nicht mehr geht, beginnt man sich umzuschauen. Und wenn man dann eine Frau wie Tomoko hat, die einen ständig unterstützt, beginnt man dem lieben Gott das zurückzugeben, was er mir lange Zeit im Überfluss gegeben hat!

SPIEGEL ONLINE: Wo befindet sich jetzt Ihr Lebensmittelpunkt - in New York oder Leipzig?

Masur:: Früher war er eher in New York. Durch meinen Sturz und den Aufenthalt in Krankenhäusern ist er jetzt zur Hälfte in Leipzig und zur Hälfte in New York. Alle fünf bis sechs Monate wechseln wir den Standort. Das hält mich auf Trab.

SPIEGEL ONLINE: Viele Klassik-Musiker mögen nach Proben, Konzerten, und Plattenaufnahmen zuhause keine Musik mehr hören. Geht Ihnen das auch so?

Masur: Überhaupt nicht! Ich höre mir gerade die neuen Sachen sehr gerne zusammen mit Tomoko an.

SPIEGEL ONLINE: In den Konzertsälen erklingt zumeist die "Wiener Klassik" um Beethoven, Mozart und Haydn. Wohin hat sich für Sie die zeitgenössische orchestrale Musik entwickelt?

Masur: Ich will kein direktes Urteil fällen, weil es derzeit ein Übergangsstadium ist. Wir hatten solche Übergangsstadien schon mehrfach, zum Beispiel in der Zeit von Kurt Weill in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Weills Musik ist besonders im Verbund mit Bertolt Brechts Texten so poetisch, vor allem die Liebeslieder. Ich bin auch ein großer Freund des russischen Komponisten Alfred Schnittke, der 1998 mit nur 63 Jahren verstorben ist. Er hat die ganze Bandbreite des letzten Jahrhunderts durchlaufen: Nachdem er sich zunächst der seriellen Musik, die eine Erweiterung von Arnold Schönbergs Zwölftontechnik war, zugewandt hatte, kam er zur Aleatorik, die auf nicht-systematische Operationen und ein Zufallsprinzip bei der Kompostion setzte. Doch das war ihm letztlich zu verkopft - und er entdeckte den Polystilismus, die szenische Musik und die Filmmusik für sich. Was ich an heutiger Musik dumm finde, ist ein Crossover wie "Classic meets Rock". Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes - nicht einmal provokativ, sondern nur saccharin-süßlich. Man braucht kein Crossover, die klassische Musik ist noch lange nicht tot.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie neben Schnittke noch einen anderen "modernen" Komponisten, den Sie besonders schätzen?

Masur: Ja, doch er ist leider auch schon tot: Aram Khatchaturian. In seiner Musik ist die Seele des armenisches Volkes enthalten, das dem türkischen Völkermord zum Trotz sehr widerstandsfähig, aber auch immer voller Melancholie ist. Seine Ballette "Spartacus" und "Gajaneh" mit dem weltberühmten Säbeltanz habe ich sehr gerne dirigiert und wir haben auch Ende der Fünfziger mit der Berliner Staatskapelle eine Tournee gemacht. Meine zweite Frau war Tänzerin an der Berliner Staatsoper und dadurch war die Nähe zum Ballet gegeben. Khatchaturians Musik war in ihrer Rhythmik oftmals frenetisch wie beim georgischen Tanz "Lezghinka". So nahm er schon Ende der Dreißiger Elemente der Popmusik vorweg.

SPIEGEL ONLINE: Warum steht dann Khatchaturian fast gar nicht mehr auf dem Spielplan der Konzerthäuser?

Masur: "Gajaneh" beispielsweise spielt im Original in einer armenischen Baumwollkolchose des Jahres 1942. Das ist trotz der Schönheit der Tänze und der Musik wahrscheinlich vielen zu sowjetisch. Überhaupt ist der Snobismus gegenüber solchen Stücken in der der sogenannten westlichen Welt groß. Die Komponistenverbände hier arbeiten nicht mehr soviel für die Komponisten als Künstler selbst, sondern vielmehr für den Komponisten als Existenz im Sinne einer käuflichen Ware.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie eine Abneigung gegen Jazz haben? Wikipedia verbreitet, Sie hätten Hartmut Behrsing, dem einstigen Soloposaunisten der Komischen Oper verboten, bei den Jazz Optimisten Berlin zu spielen…

Masur: Das ist falsch! Behrsing, der bei einer der ersten und führenden Dixieland-Bands der DDR spielte, bat ich damals zu mir. Ich sagte zu ihm: "Du bist bei den Jazz Optimisten, das finde ich wunderbar, aber du bläst hier in Mozarts 'Zauberflöte' die erste Posaune. Da must du aufpassen, dass du stilistisch alles in Ordnung hast!" Das musste ich sagen, weil bei ihm kein Akkordton stimmte, so wie man sich das bei Mozarts "Zauberflöte" vorstellt. Doch ansonsten hatten Behrsing und ich keine Probleme. Ich habe sogar meine Studienzeit über mit Jazz meine Brötchen verdient: Ich gehörte ab 1947 mit vier anderen angehenden Dirigenten einige Jahre in Leipzig den Mendelssohn Rhythmikern an, die regelmässig zum Tanz aufspielten. Und in meiner New Yorker Zeit führte ich im Jahr 1999 "All Rise", die epische Eigenkompostion von Trompeter Wynton Marsalis für Big Band, Sinfonieorchester und Gospelchor auf.

SPIEGEL ONLINE: Bei den "Montagsdemonstrationen" gehörten Sie am 9.Oktober 1989 zu den prominenten "Leipziger Sechs", die den Aufruf "Keine Gewalt!" verfassten. Woran dachten Sie, als die Situation zu eskalieren drohte?

Masur: Die Gedanken waren einfach: Den Weg mithelfen zu gehen, dass im gesamten Deutschland ein würdiges Dasein möglich ist. Wenn das kaputtgegangen wäre in einem Land, das sich zurecht immer als Kulturland bezeichnet hat, von dem aber auch zwei Weltkriege ausgegangen sind, wäre ich sehr verzweifelt gewesen. Doch zum Glück ist genau das ist nicht geschehen. Ich persönlich muss ehrlich sagen: Es hat alles einen anderen Weg gemacht, als man damals vorausschauen konnte. Die Entwicklung selbst bewerte ich aber als positiv.

SPIEGEL ONLINE: Sie galten lange Zeit in der DDR nicht gerade als nonkonfirmistisch. Wann änderte sich Ihre Haltung?

Masur: Relativ spät, da ich zu lange nur mit der Musik beschäftigt war. Doch als ich mitbekam, dass auf einmal Straßenmusiker in der DDR festgenommen wurden, die ihren Protest friedlich zum Ausdruck bringen wollten, erkannte ich, dass es überfällig war, etwas zu ändern.

SPIEGEL ONLINE: Gab oder gibt es Freundschaften mit anderen Dirigenten oder ist die Konkurrenz zu groß?

Masur: Auf jeden Fall. Zum Beispiel mit Klaus Tennstedt, der 1971 aus der DDR in den Westen floh, und wie mein Freund, der Komponist Alfred Schnittke, ebenfalls 1998 verstarb.

Sakurai: Klaus Tennstedt war regelrecht ein soulmate, ein Seelenverwandter von Dir! Mit Herbert von Karajan gab es in seinen letzten Lebensjahren, wo er eine schwierige Zeit mit den Berliner Philharmonikern hatte, auch eine innige Freundschaft.

Masur: Herbert war immer an der neuesten Technik interessiert - und so war es kein Wunder, dass er 1981 mit der "Alpensinfonie" die erste CD überhaupt einspielte. Mit seinem Technikfaible steckte er mich an - kurze Zeit darauf nahm ich Richard Strauss' Tongedicht mit dem Leipziger Gewandhausorchester ebenfalls auf.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie eigentlich nie in Wien das Neujahrskonzert dirigiert?

Masur: Das ging vor allem aus terminlichen Gründen nicht. Zum Jahreswechsel musste ich in der DDR ja mehrfach die Neunte von Beethoven dirigieren, was auch fast immer im Ferrnsehen übertragen wurde.

SPIEGEL ONLINE: Und haben Sie eigentlich noch Lampenfieber?

Masur: Ja, aber nicht im negativen Sinn, sondern eher Lampenfieber im belebenden Sinn nach dem Motto: Heute zeigen wir es wieder allen!

SPIEGEL ONLINE: Was sind Ihre Wünsche und Ziele?

Masur: Genesung. Künstlerisch: Ich versuche nicht krampfhaft, ein bestimmtes Repertoire für mich auszurichten. Ich bleibe bereit, Neues kennenzulernen und das macht mir Freude!

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
StFreitag 03.07.2014
1. Ein schönes
Interview mit zwei sympathischen Künstlern. Ich habe Masur oft alsDirigent erlebt, er gehört zu den ganz Großen seiner Zunft. Möge er uns noch lange erhalten bleiben und seine Gesundheit soweit möglich wiedererlangen!
winki 03.07.2014
2. Man sollte ihn bei Lebzeiten ehren.
Er hat sich um Deutschland außerordentlich verdient gemacht. Das schließt sein Wirken in der DDR mit ein. Ich habe ihn im Oktober 1989 aus nächster Nähe erlebt als er über den Stadtfunk zum Volk sprach und auch bei einer Versamlung im Gewandhaus. Neben ihm sind solche Figuren wie Wonneberg und Führer ausgesprochen farblos. Das Bundesverdienstkreuz wäre mehr als angebracht. Im Gegensatz zu Herrn Masur wird einer der in der Wendezeit und auch davor absolut nichts für Deutschland geleistet hat, ein Schauspieler aller erster Güte zum Bundeskanzler gekürt. Wofür?
winki 03.07.2014
3. Sorry!
Inn meinem Beitrag habe ich vorgeschlagen Hewrrn Masur mit dem Bundesverdienstkreuz zu ehren. Leider habe ich übersehen, dass ihm das Große Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Köhler bereits überreicht wurde.
ernesto79274 09.07.2014
4. Überschätzt
Meiner Meinung wird Herr Masur sehr überschätzt. Sowohl seine künstlerische Rolle in der DDR und der BRD, sowie seine politische in der Umbruchszeit.
Kartoffelkönig 22.07.2014
5. Überschätzt
Zitat von ernesto79274Meiner Meinung wird Herr Masur sehr überschätzt. Sowohl seine künstlerische Rolle in der DDR und der BRD, sowie seine politische in der Umbruchszeit.
"Affirmanti incumbit probitas." Derjenige, der die Behauptung aufstellt muss sie beweisen. Sie sollten ihre Behauptung mit aussagekräftigen Beispielen belegen, ansonsten ist ihre Behauptung nur die eines "Querulanten".
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