Kylie Minogue im Berghain Country mit K

Kylie Minogue trat mit ihrem neuen Album "Golden" ausgerechnet im Berghain auf. Es gab Cowboy-Hüte und Konfetti, aber erstaunlich wenig Ironie. Der Berliner Techno-Tempel hielt auch das aus.

Christie Goodwin/ Darenote

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Ein Honkytonk-Piano. Und am Bühnenrand diese lustig muschelverschalten Glühbirnen, bei denen man sofort an die Grand Ole Opry denkt, Nashvilles legendäre Country-Halle, wo Scheunenfeste wie Las-Vegas-Shows inszeniert werden. Es war aber das Grand Ole Berghain, Berlins nicht minder sagenumwobener Techno-Tempel, in dessen Beton-und Stahlträger-Ambiente dieses Saloon-Setting wie ein Jahrmarktbüdchen wirkte: ein bisschen zu billig, ein bisschen zu drüber, ein bisschen zu fake.

Unten, am Merchandising-Stand, gab es pinke, kleine Cowboyhüte zu kaufen. In der ersten Reihe, hinter Barrieren aus Sperrholz, standen fast ausschließlich Männer, einige mit solchen Glamour-Stetsons, andere nur mit Glitzerunterhose, und riefen ungeduldig: "Kah-lay, Kah-lay, Kah-Lay!", wann immer sich auf der Bühne etwas regte.

Offenbar waren die Männer extra aus Australien gekommen, ergo der seltsame Akzent, denn gemeint war natürlich Kylie Minogue. Die in Melbourne geborene Popsängerin hatte sich das Berghain ausgeguckt, um ihr neues Album "Golden" im kleinen Kreis vorzustellen. Rund 500 Fans und geladene Journalisten bildeten schon am frühen Dienstagabend eine lange Schlange vor dem ehemaligen Heizkraftwerk am Ostbahnhof, 410 frei verkäufliche Tickets hatten sich binnen zehn Sekunden ausverkauft.

Die Neugier auf Minogues Metamorphose von Disco-Queen zu Country-Braut, auf die die Single "Dancing" und ein zugehöriges Square-Dance-Video hindeutete, war groß. Zuvor hatte sie ähnliche Konzerte - mit voll besetzter Country- und Western-Band und Background-Sängerinnen - bereits in London, Manchester, Paris und Barcelona gegeben.

Wo, wenn nicht hier?

Wo, wenn nicht im ehemaligen und bis heute gültigen Schwulenklub Berghain könnte sich Kylie angemessener feiern lassen? Schon als die zierliche Soap-Darstellerin vor genau 30 Jahren vom britischen Produzententeam Stock Aitken Waterman mit Hi-NRG-Pop in die Charts katapultiert wurde, umarmte sie die queere Szene als Ikone. Entsprechend euphorisch, wie eine Homecoming Queen auf dem Abschlussball, wurde sie von ihren größtenteils männlichen Fans begrüßt, als die 49-Jährige um kurz vor 21 Uhr im Blue-Jeans-Dress und mit Goldie-Hawn-Gedächtnispudelmähne auf die Bühne unter ein riesiges Herz aus roten Glühlampen trat. In dessen Mitte leuchtete ein großes "K". Für "Kylie", nicht etwa für Koks oder Ketamin, wie im Publikum gewitzelt wurde. Konfetti flog, die Band lehnte sich jovial in den Titelsong des Albums. Yee-haw!

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Kylie Minogue: Disco-Queen wird Country-Braut

Fast alle Songs von "Golden" sang Minogue, dazu ein paar ausgewählte Oldies, darunter "Breathe" und den Fan-Favoriten "All The Lovers" sowie eine Coverversion des alten Gassenhauers "Islands In The Stream" von Dolly Parton und Kenny Rogers, einer von den Bee Gees geschriebenen Nummer, die nie wirklich Country, aber eben auch nicht wirklich Disco-Soul war. Das war eher corny als camp, also nicht so ironisch gebrochen, dass es aufregend gewesen wäre. Aber das passte ganz gut in den Abend.

Denn einen ähnlich unentschiedenen Eindruck hinterließen dann leider auch die neuen Countrysongs von Minogue, die sich nach der Trennung von ihrem 29-jährigen Verlobten vor einem Jahr nach Nashville zurückgezogen hatte. Dort, wo Herzschmerz und Schmalz seit Jahrzehnten zu bittersüßem Sirup verrührt werden, sollte die Neuerfindung Kylies erfolgen. "Golden" folgt auf das hypersexualisierte Album "Kiss Me Once" von 2014. Drei Jahre später bittet Kylie nun ernüchtert um "One Last Kiss".

Niedlich mit Rodeo-Hüftschwung

Allzu persönliche Lyrics habe sie dann aber doch wieder verworfen, sagte sie in einem Interview, stattdessen entstand ein authentisch gemeinter, aber generisch wirkender Chartspop mit Country-Bedampfung, dessen griffige Hooks und Refrains sich immer wieder ähneln: Als Kylie gegen Ende des Konzerts die Single "Stop Me From Falling" sang, dachte man kurz, denselben Song in den vergangenen 90 Minuten doch schon mindestens zweimal gehört zu haben: zu viele Ooh-ohs und Aaah-has. Umso mitteilungsbedürftiger zeigte sich Minogue, sympathisch aufgekratzt, zwischen den Songs, wenn sie Anekdoten aus ihrem Leben erzählte, die in ihren neuen Liedern wohl zumindest mitschwingen sollen.

Was sollte das nun sein? Für eine avancierte Genre-Aneignung und Umdeutung, die Kylies ewige Vorläuferin Madonna bereits vor 18 Jahren mit "Music" vollzog, Cowboy-Hütchen inklusive, ist Minogues "Golden"-Show zu wenig inspiriert; für eine kathartische Neudefinition als erdige Storytellerin hätte sie sich wiederum mutiger von ihrem sicheren Power-Pop-Terrain entfernen müssen. Aber selbst in laszivsten Selbstinszenierungen zur Jahrtausendwende war Kylie ja nie wirklich edgy, sondern blieb stets der sexy Backfisch von nebenan. Daran änderten auch ihre zwei früheren Neuerfindungen, eine Mitte der Neunziger mit "Confide In Me", eine 2001 mit "Can't Get You Out Of My Head", nichts. Und wahrscheinlich liebt man sie gerade deswegen umso inniger.

Es war also eine gute Party. Und es wurde sogar, ein Novum in diesem Ambiente, immer wieder rhythmisch mitgeklatscht, während sich Minogue niedlich im Rodeo-Hüftschwung übte. Spätestens da glaubte man, am Schlagzeug sitze vielleicht doch ein verschmitzt grinsender Olli Dittrich, denn immer wieder erinnerten der Hoppeldihopp-Westernsound und Minogues kieksender Gesang an den Hausfrauen-Country von Texas Lightning, die 2006 mit "No, No, Never" für Deutschland zum ESC ritten. Uh, uncool! Aber auf das Berghain ist Verlass. Mit dem tiefen Bassgrollen seiner für mehr Deepness ausgelegten Anlage schluckte es auch diese Zumutung.


Kylie Minogue: "Golden" (BMG Rights Management) erscheint am 6. April



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Seite 1
Erwin S. 21.03.2018
1.
"... vor dem ehemaligen Umspannwerk am Ostbahnhof". Wo soll das denn sein? Klar, mal wieder typisch Borcholte, kann ein Heizkraftwerk nicht von einem Umspannwerk und einen Bahnhof nicht von dem anderen unterscheiden.
sekundo 21.03.2018
2. Ausserdem hat
Zitat von Erwin S."... vor dem ehemaligen Umspannwerk am Ostbahnhof". Wo soll das denn sein? Klar, mal wieder typisch Borcholte, kann ein Heizkraftwerk nicht von einem Umspannwerk und einen Bahnhof nicht von dem anderen unterscheiden.
die aktuelle Mucke von Ms. Minogue weder etwas mit Country-Music noch mit Nashville-Pop zu tun, wie das in den USA genannt wird.
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