Lady Gagas Albumvorstellung in Berlin Alien zum Anfassen

Ein bisschen Gay Pride, ein bisschen Marlene Dietrich: Lady Gaga hat im Berliner Club Berghain ihr neues Album "Artpop" vorgestellt. Auf der Platte? Jede Menge Gebrauchsmusik. Im Publikum? Jede Menge ekstatische Fans und C-Prominenz. Eine rührende Party mit einem Megastar zum Anfassen.

Von , Berlin


"Als sie die Halle gesehen hat, musste sie erst mal weinen", erzählt ein sichtlich gerührter Mann von der Plattenfirma Universal, der Lady Gaga an den wahrhaft imposanten Ort ihres Fan-Events geführt hatte: eine zum mythischen Berliner Techno-Club Berghain gehörende Halle des ehemaligen Heizkraftwerks, 17 Meter hoch, dicke Rohre an den Wänden, bedrohlich wirkende Kohletrichter aus Beton, die von der Decke in den Raum ragen.

Die monumental-industrielle Fabrik-Location wurde bisher nur zweimal für Veranstaltungen genutzt, als Showroom für Kunstwerke der Berghain-Mitarbeiter und im vergangenen Mai für die Aufführung des Avantgarde-Balletts "Masse" des Berliner Künstlers Norbert Bisky. Und nun also für die Pop-Sängerin Lady Gaga, die am Donnerstagabend vor rund hundert Fans und ebenso vielen Medienleuten ihr neues, drittes Album "Artpop" vorgestellt hat.

Wir Deutschen würden als einzige verstehen, worum es ihr mit ihrer Kunst gehe, habe die New Yorkerin angesichts der Fabrikkulisse für ihr Event gesagt, erzählt der Universal-Mann. Und weil sie sich hier so wohlfühlt, verbringt sie gleich drei Tage in der deutschen Hauptstadt, gab am Mittwoch vor dem Hotel Ritz Carlton am Potsdamer Platz mehreren hundert bunt verkleideten Fans geduldig Autogramme und stellte sich im Berghain den vorher ausgelosten Fragen ihrer Anhänger. Die, von Gaga liebevoll "Little Monsters" genannt und größtenteils im Teenager-Alter, waren aus aller Herren Länder und Provinzen angereist und begrüßten ihr Idol mit angemessen ekstatischem Gekreische.

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Lady Gaga: Die Kunst-Figur im Berghain
Die überraschend zierliche 27-Jährige, berüchtigt für ihre provokanten und phantasievollen Kostüme, trat in einem schwarzen Ensemble aus Büstenhalter und Strapsen auf, dazu eine platinblonde Bubikopfperücke und ein gezwirbelter Schnurrbart: Gender-Transzendenz im Cabaret-Stil, ein bisschen Gay Pride, ein bisschen Marlene Dietrich, Berlin eben.

Selbst "Scheiße" wird bejubelt

Auch zahlreiche Journalisten und die übliche Lokal- und TV-Prominentenmeute waren zu dem Event geladen, doch Stefani Germanotta, wie Lady Gaga bürgerlich heißt, wollte vor allem ihre Fans beglücken. Das ist einerseits Teil ihres Credos, mit den "kleinen Monstern" eine Art spirituelle Gemeinschaft zu pflegen, es mag aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass deutsche Popfans zu den treuesten der Welt gehören und zurzeit noch nicht, wie zum Beispiel ihre amerikanischen Landsleute, bereits andere Stars wie Miley Cyrus, Katy Perry oder Lorde an die Spitze der Charts befördern.

Nein, die deutschen Fans kreischen sogar frenetisch, als Gaga freudestrahlend das einzige einheimische Wort zum Besten gibt, das sie gelernt hat. Man ahnt es: "Scheiße".

Aber das klingt jetzt despektierlicher, als es gemeint ist. Wohl kaum eine andere Künstlerin dieser Megakategorie, ihr Privatvermögen soll rund 150 Millionen Dollar betragen, mischt sich so unbefangen unter ihre Fans, tanzt zwischen ihnen herum, filmt sie mit einer Mini-Kamera, an der ein absurd großer Scheinwerfer montiert ist, albert mit ihnen herum oder beantwortet mit größter Hingabe und Ernsthaftigkeit die harmlos-ehrfürchtigen Fragen (Ein Jüngling namens Jesus: "Was bedeutet Artpop?"). Dieser liebevolle Umgang, der auch bei Gagas Konzerten herrscht, wenn fassungslose Mädchen aus dem Publikum neben ihr am Piano Platz nehmen dürfen, ist beispiellos und sehr rührend. Ausgerechnet der äußerlich extravaganteste und artifiziellste der aktuellen Superstars gibt sich warmherzig und zum Anfassen. Loving the Alien.

So geriet auch das eigentlich sehr künstliche Setting des Abends, der ja eigentlich keinem anderen Zweck diente, als das neue Gaga-Album in voller Länge von CD vorzuspielen, zu einer launigen und sehr niedlichen Party, und das lag vor allem an der sympathischen Künstlerin selbst, die auf der winzigen Bühne zu ihren eigenen Liedern grimassierte und mitsang, während Mitglieder ihrer Entourage neben ihr ausgelassen tanzten.

Fake oder Phänomen?

"Artpop" soll nichts Geringeres sein als die "Wiedergeburt" der Ideen von Popart-Pionieren wie Andy Warhol oder Roy Lichtenstein, die Kunst einst aus den elitären Zirkeln in die Masse (und in den Kommerz) befördern wollten. Das Cover der CD schmückt ein Kunstwerk des Pop-Künstlers Jeff Koons und in einem Teaser-Clip zur Platte kokettierte Gaga mit Parolen wie "Gaga is over" oder "Don't buy her album" mit Warhols Losung von den 15 Minuten, die ein jeder im Rampenlicht habe. Und die sind, den Regeln des flüchtigen Musikgeschäfts und der fiesen Kritiker folgend, für Lady Gaga nun einmal vorbei.

Das sahen die glücklichen Kids im Berghain, die ihrer Gaga so nah wie nie kommen konnten, natürlich ganz anders. Während die Kritik seit ihrem Debüt mit dem Pop-Hit "Poker Face" 2008 darüber rätselt, ob Germanotta nun fader Fake oder faszinierendes Phänomen ist, finden vor allem die adoleszenten Fans in der Ermächtigungslyrik ihrer Texte und im animierenden Rumtata ihrer Musik den Mut, nonkonform zu sein, auf Geschlechtergrenzen zu pfeifen, sich und ihre Kreativität bunt und wild auszuleben, wie es Gaga ihnen vorlebt.

Daran ist nichts verkehrt. Und als sich die Lady am Ende auch noch ans Piano setzte, um ihre neue Schmachtballade "Gypsy" im deftigen Meat-Loaf-Stil herauszuträllern, musste zwangsläufig jeder verstummen, der bisher angenommen hatte, Gaga könne zwar gut performen, aber nicht singen. Das kann sie, denn das hat sie sich mit unermüdlichem Ehrgeiz beigebracht.

Und sonst? Prima Gebrauchsmusik

In der Antwort auf eine Fan-Frage macht sie kein Hehl daraus, dass Kunst für sie harte Arbeit bedeutet, Hingabe, Engagement und Disziplin. Da brechen die ganzen esoterischen Schwüre und Schwurbeln, die sie ihrem Publikum entgegenflötet ("Ihr seid meine Religion", "In euch sehe ich Gott", "Charts sind mir egal", "Die Arbeit an meinem Album war ein psychedelischer Moment") am Ende doch nur auf das kapitalistische Leistungsprinzip herunter, das auch von "Pop-Titan" Dieter Bohlen in seiner Superstar-Schule auf RTL gepredigt wird.

Allerdings: Schon Gaga-Guru Andy Warhol sagte einst, gute Geschäfte sind die beste Kunst. Vollgepumpt mit Liebe und aufmunternden Botschaften sollen die "kleinen Monster" nun brav losgehen und die "Artpop"-CD kaufen. Ach ja, wie ist die eigentlich? Prima Gebrauchsmusik: Ein bisschen Schweinerock, viel zeitgemäß (von den Elektro- und House-Hipstern Madeon und Zedd) produzierter R&B, tolle Pop-Hooks, ein paar HipHop-Beats und mindestens ein heftiges Techno-Brett. Global gültige Power-Musik, die mit perfidem Massendesign jeden irgendwo abholt.

Die Songs haben griffige Titel wie "Aura", "Sexxx Dreams", "Venus", "Dope" oder "Fashion!" und prangern Körper- und Markenkult sowie Konsumismus an, während all das zugleich natürlich auch zelebriert wird. "Do what you want with my body", singt Gaga in einem dieser zwingenden Refrains und trägt sich märtyrerhaft zu Markte. Nützt ja nichts. Oder, um es mit den Worten einer begeisterten Anhängerin im Publikum zu sagen: "Ich hab' schon ein paar Extensions verloren, so geil war das!"



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insgesamt 30 Beiträge
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zappa99 25.10.2013
1. Kreatives Popmarketing für Kinder
dazu etwas Hedonisten-Gedöns für die etwas Älteren. Scheint sich zu rechnen, sonst würde sie es nicht machen.
donnerfalke 25.10.2013
2. Müll
Belanglose alte Popmusik die man schon Tausend Mal gehört hat was sie mit ihren perversen Outfits zu kompensieren versucht. Jeder will ein Star sein, ist schon klar, aber vom Superstar werden wir nicht satt und manche Stars braucht die Welt nicht.
crabman66 25.10.2013
3. Da entpuppt
sich das einst als innovativ gefeierte Stück Kommerzfleisch eben doch nur als das was es von Anfang an war: Schlechte Einheitsmusik gepaart mit sinnfreier Sensationslust. Wie Ekelhaft.
timorieth 25.10.2013
4.
Zitat von sysopAFPEin bisschen Gay Pride, ein bisschen Marlene Dietrich: Lady Gaga hat im Berliner Club Berghain ihr neues Album "Artpop" vorgestellt. Auf der Platte? Jede Menge Gebrauchsmusik. Im Publikum? Jede Menge ekstatische Fans und C-Prominenz. Eine rührende Party mit einem Mega-Star zum Anfassen. http://www.spiegel.de/kultur/musik/lady-gaga-stellt-im-berliner-berghain-ihr-neues-album-artpop-vor-a-929852.html
Im Berghain?! Was hab ich da schon abgefeiert. Aber nicht auf so Pop-Müll....
hermes69 25.10.2013
5. Was war die Zeit schön
als es nur um Musik ging. Jeder weitere Kommentar zu dieser Person ist unnütz. Bekommt ohnehin zuviel Aufmerksamkeit.
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