Umstrittenes Konzert Laibach spielen im Pongwha-Theater in Pjöngjang

Applaus oder kein Applaus? Laibach haben ihr Konzert im abgeschotteten Nordkorea absolviert - als erste Westband überhaupt. Über die Wirkung der umstrittenen Gruppe gibt es unterschiedliche Berichte.

Laibach in Nordkorea: Erste Fotos der Musiker auf ihrer Facebook-Seite

Laibach in Nordkorea: Erste Fotos der Musiker auf ihrer Facebook-Seite


Die slowenische Gruppe Laibach hat am Mittwoch, wie angekündigt, als erste westliche Band ein Konzert in Nordkorea gegeben. Das berichtet das slowenische Internetportal 24ur.com. Rund 1500 Zuhörer verfolgten den Auftritt. Außer 150 Besuchern aus dem Ausland - darunter Diplomaten, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen sowie Touristen - hätten laut dem Reiseveranstalter Simon Cockerell nur Einheimische das Konzert im Pongwha-Theater besucht.

Wie Cockerell berichtet, bestritten Laibach das 45-minütige Spektakel mit Cover-Versionen von Liedern aus dem Musical "Sound of Music" sowie dem beliebten nordkoreanischen Volkslied "Arirang".

Das Publikum schien den Auftritt demnach genossen zu haben - auch wenn niemand geklatscht habe oder vom Sitz aufgesprungen sei. "Ich kann mir vorstellen, dass die meisten absolut keine Ahnung hatten, was sie erwartet", sagte Cockerell.

Das slowenische Nachrichtenportal 24ur.com berichtet hingegen, dass die Musikgruppe viel Beifall bekommen habe, auch Fotos von dem Auftritt sprechen für diese Beobachtung. Die Seite schreibt zudem, dass einige Lieder noch kurz vor dem Auftritt von den Gastgebern gestrichen worden sein sollen. Auch einige Videoprojektionen wurden demnach kurzfristig geändert.

Vor Diktator Kim Jong Un haben Laibach jedoch offenbar nicht gespielt. Mitglieder der nordkoreanischen Regierung seien bei dem Konzert nicht anwesend gewesen, heißt es im 24ur.com-Bericht. Reiseveranstalter Cockerell berichtete ebenfalls, kaum Menschen in Uniformen gesehen zu haben.

Die 1980 gegründete Band Laibach ist wegen ihrer Ästhetik - etwa ihrer Uniformen, die auf den NS-Faschismus anspielen - umstritten. Der slowenische Schriftsteller Slavoj Zizek bezeichnete ihr Wirken als "Flirt mit der obszönen Dimension" des Faschismus.

Die Mitglieder der Band posieren meist als Militärs, tragen faschistoid anmutende Uniformen, spielen Marschrhythmen oder interpretieren musikalische Vorlagen von Bands wie Queen, den Rolling Stones und den Beatles in martialisch anmutendem Stil.

Anlass für den Auftritt in Pjöngjang war der 70. Jahrestag des Endes der japanischen Besatzung Nordkoreas. Ein weiteres Laibach-Konzert ist für Donnerstag geplant. Organisiert wurden die Veranstaltungen vom norwegischen Künstler Morten Traavik, der schon zuvor mit dem nordkoreanischen Regime zusammengearbeitet hat.

Laibach DPRK Tour starts today at Ponghwa Theatre, Pyongyang!Photos by Joerund F. PedersenSupport Laibach: http://wtc.laibach.org/

Posted by Laibach onMittwoch, 19. August 2015

bka/AFP/dpa



insgesamt 30 Beiträge
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mcvitus 19.08.2015
1. Kim Jong Un lässt zwar gerne foltern,
aber sich selbst Foltermethoden auszusetzen ist eher nicht sein Ding. Deshalb war er vermutlich auch nicht anwesend. Und die Besucher denken nun bestimmt, diese "Musik" sei typisch für die westliche Welt. 2:0 für das "ranzige" Genie Nordkoreas.
Layer_8 19.08.2015
2. Ich wills jetzt auch wissen
Vielleicht ist das Konzert ja bald auf YouTube. Dank Ihrer Berichterstattung bin ich zum ersten Mal auf diese Band aufmerksam geworden :-)
W. Robert 19.08.2015
3. Passabel
Laibach ist weder meine Musik noch meine Ästhetik, aber sie indirekt als Faschisten zu bezeichnen ist wohl eher Absicht als irgendwie fundiert. Früher haben mich ihre Clips gelegentlich genervt, aber wenn man sich da aktuelle Programm ansieht muss man feststellen, dass es eine erstaunlich professionell Band geworden ist, mit einer Multimediashow, die man sonst kaum wo findet. Keineswegs wird da der Totalitarismus verherrlicht, im Gegenteil, ich lasse das einfach mal als eine durchaus tolerierbare Meinungsäußerung durchgehen. Gegen ein totalitäres Europa, für Whistleblower, gegen Nazis, so eine klare Position sieht man selten innerhalb einer weitgehend geistbefreiten Popszene der Hipster, Metaller und Homerecording-Akrobaten. Weshalb die Band nicht in Nordkorea auftreten sollte bleibt auch rätselhaft. Kim kann da wohl kaum einen Imagegewinn verbuchen, auch wenn das wohl seine Absicht ist. Genau betrachtet hat auch eher die westliche Popmusik den „Kommunismus“ geknackt als große Reden der Politiker. Vielleicht klappt das ja noch mal. Wenn man betrachtet, wie sich der entfesselte Westen inzwischen aufführt kommen höchstens Bedenken, ob sich dadurch etwas verbessert. Was Kim tatsächlich seinen handverlesenen Zuschauern zumuten will sieht man ja an den massiven Eingriffen ins Programm der Band. Damit macht er sich lächerlich und beweist, dass er eben ein Provinzpolitiker mit einem beschränkten Horizont ist. Das gilt aber auch für Spon, wenn aus politischen Gründen mit falschen Anschuldigungen operiert wird. https://www.youtube.com/watch?v=9iLuMvMSqOs
calexico55 19.08.2015
4. Klasse
Zitat von Layer_8Vielleicht ist das Konzert ja bald auf YouTube. Dank Ihrer Berichterstattung bin ich zum ersten Mal auf diese Band aufmerksam geworden :-)
Ich kannte Laibach zwar schon gut 20 Jahre länger, aber genau den Effekt habe ich mir vor Ihrem Post gerade durch den Kopf gehen lassen. Eine nahezu unbekannte umstrittene Gruppe bekommt hier auf SPON massig Artikel gewidmet. Für die hat es sich schon gelohnt.
sixtymirror 19.08.2015
5. Kein PR-Gag!
Vorhin sagte noch jemand zu mir: »Die Ankündigung ist doch nur ein PR-Gag.« – Nun haben sie also tatsächlich gespielt. Ich habe die Band das letzte mal bei zwei Konzerten so 81/82 gesehen. Ich wusste garnicht, dass es die noch gibt. Den Soundtrack von Iron Sky habe ich nicht bewusst gehört. Ich meine, die Kulturverantwortlichen in Nordkorea haben das Konzept der Gruppe einfach nicht verstanden. Das ist eine andere Mentalität in Asien, und dazu noch im abgeschotteten Nordkorea. Das Ereignis ist einfach strange.
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