Kultur

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Sängerin Lary über deutschen Pop

"Ihr könnt euch nach mir richten"

Lary wurde als R&B-Hoffnung gefeiert, aber nach den Regeln des Musik-Business wollte sie nicht spielen. Jetzt kehrt sie mit einem neuen Album zurück - und einigen Fragen an die angepasste deutsche Pop-Branche.

Ein Interview von

Montag, 23.07.2018   12:56 Uhr

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Geht das? Kann man Pop in Deutschland auch anders machen als dumpf auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und Schunkel-Rhythmus geeicht? Die Sängerin Lary hat es 2014 mit ihrem Debüt-Album versucht: "FutureDeutscheWelle" hieß es und klang auch so: Lasziv-erotische Texte unterlegte sie mit durchaus anspruchsvolleren Dubstep- und Elektronikbeats und schuf damit einen alternativen, experimentierfreudigen und emanzipierten Soul-Sound, nicht zu abgehoben, aber auch nicht anbiedernd.

Deutschsprachig hatte man das bisher viel zu selten gehört, von Joy Denalane oder von Glashaus. Und deshalb galt Larissa Sirah Herden, das aus Gelsenkirchen stammende Model mit jamaikanischen Wurzeln, das sich entschlossen hatte, eine alternative Popmusik zu machen, als Hoffnungsträgerin. Doch erst jetzt, vier Jahre später, veröffentlicht die 32-Jährige ihr zweites Album "Hart fragil". Wir wollten wissen, was die neue deutsche R&B-Welle so lange aufgehalten hat.

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SPIEGEL ONLINE: Als Ihr Debüt erschien, dachte man: Da startet jetzt eine interessante neue Künstlerin richtig durch. Und dann waren Sie wieder weg. Warum?

Lary: Ich hatte nicht das Gefühl, ich muss mich beeilen. Und auch nicht das Bedürfnis danach. Ich habe einfach alles natürlich wachsen lassen und in meiner eigenen Zeit weitergemacht, nicht in der Zeit, die das Business diktiert. Die Stundenpläne innerhalb dieser Branche sind sehr eng, aber irgendwie dachte ich: Nee, ihr könnt euch nach mir richten! Um schreiben zu können, muss man sich auch erfahren können. Ich habe mir den Luxus erlaubt, Dinge auch mal liegen zu lassen, erst in einem halben Jahr wieder draufzugucken, erstmal die Geschichte zu Ende zu leben. Und dann den Song zu Ende zu schreiben.

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SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich damals auch von Ihrer Plattenfirma getrennt. Konnten Sie sich das finanziell leisten?

Lary: Irgendwie ging's. Ich wusste lange auch nicht so genau, wo es hingehen sollte und war ganz happy ohne Label. Ich brauche aber auch nicht so viel. Zwischendurch gab's mal einen Modeljob oder ich habe live gespielt. Ich hatte nie viel Geld und habe mich manchmal gefragt, wie ich die nächste Miete bezahlen sollte. Als ich dann den Plattenvertrag mit Universal unterschrieben habe, war's allerdings auch höchste Eisenbahn.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Musik will sich nicht auf ein Genre festlegen. Sie ist eingängig, verweigert sich oft aber auch Hörgewohnheiten. Ins Radio oder in die Charts drängen Sie damit nicht unbedingt.

Lary: Dabei stehe ich total auf Pop! Aber ich will gute Musik machen oder einfach das, was mir gefällt - und habe da oft eine eher egoistische Herangehensweise. Ich weiß, dass ich als Hit-Verhinderer gelte, weil ich nie Abstriche machen will. Aber ich weiß auch, dass ich ein, zwei Songs dabeihaben muss, die meine Musik für die Leute öffnet. Aber ich bin eine Albumkünstlerin, das war den Leuten beim Label schnell klar. Es ging also bei solchen Unterhaltungen immer eher darum, die Leute dazu zu bringen, das Album zu kaufen, nicht eine Single. Das war ganz cool.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das alles so cool ist, wieso machen dann nicht mehr Pop-Künstler in Deutschland charakterstärkere Musik?

Lary: Kaum jemand scheint dafür die Eier zu haben! Alle gehen immer auf Nummer Sicher und haben im Hinterkopf, dass ihre Musik im Radio funktionieren muss. Ich weiß nicht, ob die Leute uninspiriert sind, oder was es ist. Es ist immer alles sehr gleichförmig.

SPIEGEL ONLINE: Hat das auch strukturelle Gründe?

Lary: Ja, natürlich. Es gibt keine Radiosender, keine Fernsehshows, keine Internetseiten, einfach keine Plattform für alles, was nicht Mainstream ist. Das macht es total schwer weiterzukommen. Das gilt auch für die Plattenfirmen. Wenn ich mir ansehe, was da so unter Vertrag genommen und veröffentlicht wird, denke ich oft: Was macht ihr denn, warum macht ihr alles kaputt? Ihr habt doch alle Schlüssel in der Hand - macht doch mal die Türen auf! Helft doch mal, dass wir alle zusammen weiterkommen! Es ist oft schwer, als Künstler nicht den Mut zu verliere, wenn einem alle erzählen, dass es nur einen einzigen Weg gibt.

SPIEGEL ONLINE: Was könnten denn die Künstler selbst gegen die deutsche Pop-Misere tun?

Lary: Es liegt eigentlich in unserer Hand! Was mich so verwirrt: Alle tun so, als wären sie die gleiche Person. Wenn man nach der Musik geht, müsste es ein und dieselbe Person sein, die alle diese Lieder geschrieben hat. Da komme ich mir verarscht vor: Du hast ein Talent, eine Stimme, eine Ausstrahlung - und dann erzählst du mir: nichts.

SPIEGEL ONLINE: Im Zuge der Debatte um den Echo-Skandal wurde viel über Haltung im Pop diskutiert: Warum, glauben Sie, engagieren sich deutsche Pop-Künstler so wenig politisch oder gesellschaftlich?

Lary: Die meisten haben entweder keine richtige Haltung oder Angst anzuecken, deswegen sind sie ja so erfolgreich. Bei kommerzieller Musik geht es ja erst mal darum, so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Das heißt oft, alle Ecken und Kanten abzufeilen. ich schätze, da sind wir dann wieder bei den Eiern, die fehlen.

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