Matthias Hartmann inszeniert "Lazarus" in Düsseldorf Startrampe in die Ewigkeit

"Lazarus" von David Bowie und Enda Walsh in deutschsprachiger Erstaufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus: Matthias Hartmann inszeniert das Musical über den Mann, der vom Himmel fiel.

André Kaczmarczyk, Hans Petter Melø Dahl und Lieke Hoppe
LUCIE JANSCH/SCHAUSPIELHAUS DÜSSELDORF/DPA

André Kaczmarczyk, Hans Petter Melø Dahl und Lieke Hoppe

Von Andreas Wilink


Im Video zu seinem Song "Lazarus" ist David Bowie der Teiresias des Pop, ein blinder Seher. Aus seiner Matratzengruft schwebend, halluziniert er wie in der Zeitschmelze sein jüngeres Ich, reist fort zum "Black Star" und exorziert den eigenen Tod, um eine andere Form von Ewigkeit zu erlangen. Gemäß dem biblischen Lazarus, dessen Name aus dem Hebräischen übersetzt lautet: "Gott hat geholfen".

Der sterbenskranke Bowie konnte noch die Uraufführung seines ebenfalls Tod, Vergehen und Auferstehen umkreisenden Musicals "Lazarus" in New York besuchen, bevor er im Januar 2016 starb.

"Lazarus" - mit dem Text des Dramatikers Enda Walsh und entlang von eineinhalb Dutzend Bowie-Songs - orientiert sich an Nicolas Roegs "Der Mann, der vom Himmel fiel" bzw. Walter Tevis' Romanvorlage. In dem Science-Fiction-Film von 1976 spielt Bowie in all seiner transparenten Extravaganz einen Außerirdischen, der sich auf Erden Newton nennt. Mit Patenten zur Energiegewinnung macht er ein Vermögen, wird Opfer von Intrigen und medizinischen Experimenten, die ihn das Augenlicht kosten, erlebt Verrat und Verlust. Anders als "E.T." findet er nicht den Weg heim zu seinem Stern.

Menschwerdung mit unmenschlichen Methoden

Eine Raumkapsel beherrscht in der deutschsprachigen Erstaufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus die Bühne (Volker Hintermeier), die ein Sternenhimmel umspannt und die bestückt ist mit einer Wohnkomfortzone und komplizierten Showtreppen. Bereit zum Abheben und Aufbruch - fly me to the moon.

In der Cockpit-Kuppel platziert ist ein Behandlungsstuhl für Newton. Leinwände und Monitore erzeugen medialen Rausch, projizieren Straßen- und Stadtsilhouetten sowie unseren ganzen Kulturramsch und vergrößern die Gesichter der Darsteller in fotografischen Kontaktaufnahmen.

Hans Petter Melø Dahl
LUCIE JANSCH / SCHAUSPIELHAUS DÜSSELDORF / DPA

Hans Petter Melø Dahl

Was war, ist vorbei, zerstört und nahezu vergessen, wird vom Flimmern der Bilder überlagert und vom Gin gelöscht, den Thomas Newton kippt. Mit fremden Augen schaut er auf die Welt, die ihm seine Menschwerdung mit unmenschlichen Methoden aufzwang.

Alles findet statt im Kopf dieses sensiblen Alien, dessen Gedanken draußen ins All ausstreuen. Hans Petter Melø Dahl zeigt ihn als in sich verkanteten, mürbe entkräfteten, unerlösten Mister Blues und bekommt von Regisseur Matthias Hartmann als Extra noch einen träumerischen Hamlet-Monolog spendiert. (Zur aktuellen Kontroverse zwischen Matthias Hartmann und Mitarbeitern des Wiener Burgtheaters lesen Sie hier mehr).

Abgeschottet in seinen Erinnerungen, ist er ein Verlorener ("Lost in Time"), der seiner Liebe - Lieke Hoppe als porzellan-blasse Fantasy-Prinzessin - nachtrauert und für den New York ("This Is Not America") sich anfühlt wie irgendein Planet ("Life on Mars"). Ihn umgeben Männer wie Frauen, seine Assistentin Elly (Rosa Enskat), Manifestationen früherer Stationen und Episoden, Fantasiefiguren, Sendboten der Seele.

Nicolas Roegs Film zitiert Pieter Brueghels Gemälde "Ikarus", das auf einem See-Panorama die Figur des Stürzenden klein, fast unsichtbar zeigt. Auch der überlebensgroße Bowie wollte sich in seinen späten Jahren zum Verschwinden bringen: fliehen vor Ruhm, Idolisierung, Entfremdung.

Fotostrecke

21  Bilder
David Bowie: Sein Leben in Bildern

Er, der sich selbst legendär wurde, hat dieses Phänomen reflektiert. Er war der geföhnte Carnaby-Boy, psychedelische Glamrocker, Punk-Rebell, Sternenritter und Major Tom, Berlin-Emigrant, smarte Gentleman, bizarre Proteus und der sein Image intelligent spiegelnde Popdenker, der auf den letzten Alben neben dem Amalgamieren musikalischer Stile gewissermaßen schon aus kosmischer Fernsicht Vergangenheit und Zukunft zusammenzog.

Vampirhafter Lady- und Boy-Killer in Slow Motion

Enda Walshs traumverrätseltes Libretto, das seine Figuren in dünner Luft zappeln lässt, und Matthias Hartmanns Regie verschwinden hinter der opulenten Video-Artistik (Stephan Komitsch, Roman Kuskowski), Su Bühlers Kostümen und den soft arrangierten Bowie-Songs, live gespielt von der achtköpfigen Band unter Heinz Hox. Auf seiner Umlaufbahn hätte dieses melancholisch gleißende Künstler-Requiem einiges mehr an Fluidum vertragen. Das Theater, das drei auftretenden Shalala-Girls selbst mit ironischer Geste nicht beikommt, verbleibt sehr am Boden, der Gesang hingegen hebt ab.

Einen Höhepunkt aber hat die leicht versteifte Inszenierung. Durch das zweistündige "Lazarus"-Drama-Songbook geistert Valentine, mörderisch romantischer Luzifer und Verführer im Funny Game Liebe. Bei André Kaczmarczyk ist er ein biegsamer Master of Ceremonies, vampirhafter Lady- und Boy-Killer in Slow Motion und schwarzgefiedert Diva auf Plateausohlen, die die Schwingen ausbreitet wie Murnaus Stummfilm-Mephisto. A Star is born: funkelnd-frivol, zärtlich-sarkastisch und von abgründig ambivalenter Erotik. Wann hatten wir das in Düsseldorf seit Ute Lemper als Sally Bowles in Jérôme Savarys Inszenierung von "Cabaret"?

Zum Finale gewinnt der Düsseldorfer "Lazarus" dann an Energie, holt orgiastisch aus, um ganz leise zu enden, wenn Newton und sein Mädchen mit der Rakete zu den Sternen aufsteigen, während der sich windende Valentine in der Unterwelt verbleibt: Amor omnia vincit - die Liebe siegt. Stehende Ovationen!

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.