LCD Soundsystem in Berlin Jetzt auch für Betriebsfeiern buchbar

Kommerz killt Konzert: Was alles schiefgehen kann, wenn sich Bands für Werbeaktionen einspannen lassen, war beim Auftritt von LCD Soundsystem in Berlin zu beobachten.

James Murphy und seine Band LCD Soundsystem beim Auftritt in Louisville, Kentucky, 2017
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James Murphy und seine Band LCD Soundsystem beim Auftritt in Louisville, Kentucky, 2017

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Im Nachhinein müssen wir uns eingestehen, dass sich das Grauen früh und massiv ankündigte, wir es nur nicht wahrhaben wollten. Montagabend im Funkhaus Berlin-Oberschöneweide. Die größten Schilder weisen den Weg zum VIP-Bereich aus, auf dem Gelände reihen sich die Firmenbusse, und vor dem Konzert soll es noch eine kurze Präsentation eines neuen Kopfhörer-Modells geben.

Trotzdem lassen wir uns nicht von unserer Vorfreude abbringen: LCD Soundsystem, diese großartige Live-Band, sechs Jahre nach ihrer vorübergehenden Auflösung endlich wieder in Berlin! Zu einem Spezial-Konzert, für das man keine Karten kaufen kann, mit einem Album im Gepäck, das trotz der großen Skepsis durch das missglückt inszenierte Comeback erstaunlich gut geworden ist.

Für 20 Uhr ist die Präsentation des neuen Kopfhörer-Modells angesetzt, um 21.45 Uhr sollen LCD Soundsystem spielen. Als wir um 21:45 Uhr in den großen Saal des wunderschönen Funkhauses, ehemalige, denkmalgeschützte Heimat des DDR-Rundfunks, gebeten werden, tritt jedoch der CEO des Kopfhörer-Herstellers auf die Bühne. Und redet eine Stunde lang über das neue Modell. Außerdem werden ein Fußballer und ein Boxer, die auch als Testimonials für die Marke dienen, auf die Bühne gebeten. Mit ihnen spricht der CEO dann über Sport, Musik und Kopfhörer.

Von nine to five gegängelt

Wir, die sich auf das Konzert gefreut haben, werden unruhig. Doch damit sind wir in der Minderheit: Große Teile des Publikums hören dem CEO gespannt zu, klatschen und machen Handyfotos. Als er kurz die Ifa, die Internationale Funkausstellung, die noch bis Mittwoch in Berlin läuft, erwähnt, wird vielfach wissend genickt. Und wir verstehen: Das ist kein Konzert sondern eine Firmenveranstaltung. Die Busse haben die Menschen direkt vom Messegelände zum Funkhaus gekarrt, wo nun unterm Firmenlogo Freizeit und Spaß simuliert werden und LCD Soundsystem die Partyband sind, die man sich als großer Kopfhörer-Hersteller eben leisten kann.

Sollten wir die Ifa-Gäste mit unserem aufkeimenden Unmut während der Präsentation des CEO gestört haben, kriegen wir es im Anschluss heimgezahlt. Als LCD-Soundsystem um 23 Uhr endlich auf die Bühne treten, fangen sie mit ihrer Betriebsfeier erst richtig an. Mit der wilden Entschlossenheit von Menschen, die sich von nine to five gegängelt fühlen, wird sofort getanzt.

Steife Hüften und verspannte Schultern werden eine halbe Stunde lang gegen den Takt bewegt, dann geht es mit der Kollegin aus Sales International entweder an die Alles-umsonst-Bar nach draußen oder direkt zurück ins Hotel. Wann käme man sonst dazu? Nach knapp der Hälfte des 75-minütigen Auftritts tun sich so bereits etliche Lücken im Publikum auf.

Griff zum Rotweinglas

LCD Soundsystem knüppeln sich derweil durch ein kompaktes Set, das nur vier der neuen Songs, dafür aber die Tanz-Klassiker "Tribulations" und "Daft Punk Is Playing At My House" enthält. Mitunter passt der ruppige Sound, den Bandleader James Murphy durch den Einsatz von zwei Gitarren orchestriert, gar nicht schlecht. "You Wanted A Hit" vom 2010-Album "This Is Happening" verliert dadurch an Nöligkeit und gewinnt an Dringlichkeit.

An anderer Stelle macht die konstante Bratzigkeit jedoch die emotionalen Dimensionen von Murphys Texten, das Hadern mit dem Alter, den Abschied von verstorbenen Freunden, das Beklagen einer gescheiterten Beziehung, zunichte. Murphy selbst scheint das kaum zu kümmern, er will offenbar nicht so sehr in seine Musik eintauchen, als sie vielmehr fehlerfrei präsentieren: Zwischen einzelnen Zeilen macht er Gitarre und Drums per Handzeichen klar, wann der nächste wichtige Einsatz ansteht, für einen besonders klaren Mini-Break in einem Song greift er schon mal selbst ans Schlagzeugbecken, damit das nicht nachhallt.

Klar, hier scheint Murphys erster Karriereweg als Musikproduzent durch. Doch die Abgeklärtheit, mit der er die Songs so punktgenau dirigiert, dass er mit dem Schlussakkord schon wieder sein Rotweinglas in der Hand halten kann, ist bedrückend. Wenn selbst er sich den Abend schöntrinken muss, warum überhaupt auf die Kollaboration mit dem Kopfhörer-Hersteller einlassen? Als ginge es nicht noch herzloser, fängt Murphy noch während der Abschlussnummer "All My Friends" an, das Drumset abzubauen. Natürlich geht er ohne Zugabe von der Bühne.

Album und T-Shirt im Sonderangebot

Wahrscheinlich darf man von Murphys Offenheit für Kommerz nicht zu überrascht sein. Er ist generell mehr Kurator als Musiker, hat für einen Sportschuh-Hersteller einen Jogging-Mix erstellt, betreibt eine Weinbar und eine Kaffeerösterei. Erst kürzlich hat er einen Spruch von sich, den er in einem Podcast abgelassen hat, auf ein T-Shirt drucken lassen: "Record store jerks saved my life", zusammen mit dem neuen Album im Paket kostet es 19.99 Dollar im Onlineshop der Band.

Trotzdem haftet diesem Abend eine besondere Trostlosigkeit an, denn die Band schafft es selber nicht, den Abend zu ihrem eigenen zu machen. Übelgelaunt und abgekämpft zugleich tritt sie ab.

Und dann ist da noch der Umstand, dass es am Wochenende zu einer ganz ähnlichen Veranstaltung kam. Auf der Modemesse "Bread & Butter" in der Arena Berlin traten M.I.A., FKA Twigs und Bilderbuch auf - powered by einem sehr großen Schuh- und Kleidungs-Onlinehändler, der so locker ein viel aufregenderes Line-up als das demnächst beginnende Lollapalooza-Festival aufstellte.

Musikfestivals als Corporate Events, Konzerte als Betriebsfeiern: Das Grauen nimmt 2017 wirklich viele Gestalten an. Hoffentlich erkennen wir es das nächste Mal rechtzeitig.



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