Legendärer Folkmusiker Songwriter Jackie Leven ist tot

Suff, Wahn und Sehnsucht: In der Tradition von Johnny Cash besang der schottische Songwriter die Selbstzerstörung. Am Montag erlag er im Alter von 61 Jahren einem Krebsleiden.

Jackie Leven: Koloss von Mann, filigrane Stimme
picture-alliance/ Jazzarchiv

Jackie Leven: Koloss von Mann, filigrane Stimme


Hamburg - Heroinsucht und Alkoholismus, Wahn und Depression, ewige Unruhe und pathologische Sehnsucht - das waren die großen Themen von Jackie Leven. Auf etlichen Alben griff er sie auf, spielte dazu Folk, Blues und Country-Gospel. Wer auf eines seiner Konzerte ging, der sah auf der Bühne einen Koloss von einem Mann - mit äußerst filigraner Stimme.

Mehr als zwei Dutzend Solo-Alben hat der am 18. Juni 1950 in Fife/Schottland geborene Leven herausgebracht, darunter ein Live-Album, das er in einem Gefängnis in Norwegen aufgenommen hatte. Die Idee des Knastalbums dürfte er von seinem großen Helden Johnny Cash übernommen haben. Leven ehrte die Country-Ikone, die zeitweise einen ähnlich selbstzerstörerischen Lebensstil pflegte, auch mit dem Tribut-Album "Elegy for Johnny Cash", das er 2005 veröffentlichte.

Sein letztes Album "Wayside Shrines and the Code of the Travelling Man" hatte Leven gerade erst im September herausgebracht - eine Sammlung von Songs über Krankheit, Halluzinationen und Tod, die er zum Teil in hiesigen Hotelzimmern aufgenommen hat. In Deutschland hatte er treue Fans, regelmäßig tourte er durchs Land.

Begonnen hatte der Sohn eines Iren und einer Roma seine Karriere Ende der siebziger Jahre in der Punkband Doll By Doll, die vier reguläre Alben herausbrachte, bis sie sich wegen der damals üblichen Reibereien mit der Plattenfirma auflöste. Am Montag erlag Jackie Leven einem Krebsleiden. Er wurde 61 Jahre alt.

cbu



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NorthCarolina 15.11.2011
1. Was für ein tragischer Verlust!
Ich bin ehrlich getroffen und sehr traurig. Seit 1995 kenne ich Jackies Musik und habe ihn seitdem häufiger live erlebt, wenn er in Norddeutschland (Hamburg und Kiel) unterwegs war, als jeden anderen Künstler. Um eine manchmal inflationär gebrauchte Floskel zu gebrauchen: Wenn es so etwas wie den "Soundtrack eines Lebens" tatsächlich gibt, so war Levens Musik dieser Soundtrack für mich. In den wichtigsten Phasen meines Lebens hat mich seine Musik begleitet, getröstet, gewärmt, erheitert, erfreut. Jackie Leven hatte wirklich etwas zu sagen, ein Bulle von Mann, der aber Gitarre zu spielen vermochte wie kein Zweiter, der zärtlich, nachdenklich seine Gedanken, oft ja aus seinem wandlungsvollen Leben gegriffen, in die Welt sang. Und oft dachte ich, er meint mich! Seine Stimme war außergewöhnlich, seine Musikalität bewundernswert. Es war ein Mann der Kontraste, der live seine wunderbare Musik mit großartigen Texten verband mit seinen Geschichten, die er zwischen den Liedern brachte bzw. mit denen er sie oft einleitete. Und in diesen Geschichten zeigte er seinen genialen, oft auch brachialen Humor, der aber bruchlos neben seiner Poesie und Liedkunst stehen kam. Und er war ein selten begnadeter Geschichtenerzähler! In seiner Person verbanden sich diese beiden Seiten zu einem stimmigen Ganzen, und seine Konzerte lebten wesentlich davon. Er war ein Philosoph, ein belesener tiefsinniger Denker, ein Lyriker und Troubadour unserer Zeit, jemand, der das Leben wirklich bis zum Grund ausgekostet hatte und der eine seelische Reife entwickelt hatte, die berührte. Er gab viel von sich preis, teilte seine Erfahrungen, erzählte von seinem Ringen um seine Rolle als Mann und er war ein wirklicher Verehrer der Frau. Er war auch jemand, der seinen Fans und Zuhörern immer nahe war. Nach den Konzerten mischte er sich jedesmal unter das Volk, unterhielt sich, signierte geduldig seine CDs, beantwortete Fragen und war so ein Mensch zum Anfassen, ohne jede Allüren, ohne Dünkel, ein echter Mensch. Er schaffte es, dass ich immer, wenn er wieder auf Tour ging und in meine Stadt kam, das Gefühl hatte, ein guter Bekannter kommt wieder vorbei. Das ist nun leider viel zu früh vorbei, aber seine Musik und seine Persönlichkeit werden fortwirken und Menschen weiter anrühren. Wobei durch seinen Tod die intensivste und unmittelbarste Begegnung mit dem Mensch und Künstler Jackie Leven, nämlich bei seinen Konzerten, nun niemals mehr gegeben sein wird. Die, die ihn live erleben durften, behalten aber etwas ganz Besonderes. Farewell, Soul Brother, thank you so much for everything.
PG259, 15.11.2011
2. oh nein...
Das kann doch nicht wahr sein.. Jackie Leven dürfte wohl der unterschätzteste Songwriter der letzten Jahrzehnte gewesen sein. Tolle Texte, klasse Musik, wirklich unglaubliche Konzerte..Ein viel zu dicker Mann im Flannelhemd kommt auf die Bühne, setzt sich auf einen alten Küchenstuhl, greift zur Gitarre und fängt an zu singen-und vom 1. Song an Gänsehautatmosphäre. Ich hätte ihn gerne nochmal live gesehen und ich hätte ihm von Herzen eine Weltkarriere gegönnt..
dino666 15.11.2011
3. R.i.p.
Ich bin so unendlich traurig. Warum müssen die besten so früh und unerwartet gehen. Ich hatte mich schon so auf Jackies Alterswerk gefreut. Danke Jackie für all die tollen Songs, die Leben retten konnten. Danke für Deine humorvollen Geschichten, die voller Wärme die Absurdität des Lebens beschrieben Und Danke für die vielen tollen Konzerte. Ich hoffe, Du wirst nie vergessen.
McManimal 15.11.2011
4. Oh nein ...
Vor ein paar Tagen saß ich vor seinem Gästebuch und wollte einfach mal "Danke!" schreiben. Da las ich, dass er im Krankenhaus ist/war. Ich hatte das Glück es ihm schon nach einem seiner wundervollen Konzerte selbst gesagt zu haben so bleibt mir nun nicht mehr viel zu sagen. Mir fehlen sowieso die Worte. Danke NorthCarolina, Du scheinst Dich ihm so nahe gefühlt zu haben wie ich mich auch. Jackie, Du warst der Größte und wirst es ewig bleiben. In Schottland weht nun ein kälterer Wind. Mach's gut, shining brother, Du warst einer der wenigen die Tränen in meine Augen und Sonne in mein Herz gebracht haben. Fare you well.
Treehorn 16.11.2011
5. Exit Wound
Zitat von sysopSuff, Wahn und Sehnsucht: In der Tradition von Johnny Cash besang der schottische Songwriter die Selbstzerstörung. Am Montag erlag er im Alter von 61 Jahren einen Krebsleiden. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,798020,00.html
Wer Jackie Leven auf die oben genannten Wörter reduzieren will, hat ihn nie richtig gehört. Selten habe ich einen so lebensbejahenden Songwriter gehört. NorthCarolina hat ein schönes Epitaph geschrieben, in denen sich viele meiner Erfahrungen widerspiegeln. Leven hat mich als erster für Poesie begeistern können, die er wie kein zweiter verstand, in seine Songs einzubinden. Selten war ich so betroffen von einem Ableben eines Künstlers. Der Mann hat mir wirklich was bedeutet. Ich werde all seine Lieder und Geschichten vermissen, die er nun nicht mehr schreiben und erzählen kann. Nur traurig, T. I am not I. I am this one walking beside me whom I do not see, whom at times I manage to visit, and whom at other times I forget; who remains calm and silent while I talk, and forgives, gently, when I hate, who walks where I am not, who will remain standing when I die.
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