Pop-Sängerin Lena "Voll das Mainstream-Opfer"

Endlich bei sich angekommen: Fünf Jahre nach ihrem ESC-Sieg hat sich Lena Meyer-Landrut auf ihrem neuen Album "Crystal Sky" selbst verwirklicht. Zuvor musste die 23-Jährige erst mal lernen, ihre eigenen Ideen gegen die Profis durchzuboxen.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Lena Meyer-Landrut, 1991 in Hannover geboren, ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Pop-Sängerinnen. Ihre Karriere startete im Mai 2010 mit einem Knalleffekt: Nachdem sie als Siegerin aus Stefan Raabs Castingshow "Unser Star für Oslo" hervorgegangen war, gewann die damals 18-Jährige den Eurovision Song Contest mit "Satellite". Seitdem veröffentlichte sie vier Alben, das jüngste, "Crystal Sky", erschien am 15. Mai 2015 und ist ihr bisher bestes.
SPIEGEL ONLINE: Lena, im Vergleich zu Ihrem letzten Album, wie würden Sie "Crystal Sky" beschreiben?

Meyer-Landrut: Zwei, drei Lieder sind die Brücke zu "Stardust", viele Songs kommen aber mehr aus meiner Seele heraus und entsprechen dem, was ich gerade fühle. Es ging diesmal nicht nur um das, was zu mir als Künstlerin passt, sondern um das, was ich selber mag und gerne höre.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist?

Meyer-Landrut: Auf jeden Fall Pop. Den höre ich auch privat, aber gerne mit so einem leichten Elektro-Einschlag, ob's jetzt Dubstep oder House-Geklopfe ist, es sind meistens so minikleine Elemente, die ich cool finde. Ansonsten bin ich voll das Mainstream-Opfer und höre alles, was gerade in den Charts ist, von Ariana Grande bis Hozier. Und HipHop.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn zurzeit Ihr Lieblingskünstler? Gibt es Vorbilder?

Meyer-Landrut: Ich finde immer alles geil, was Ellie Goulding macht. Idol wäre zu viel gesagt, aber sie ist eine der wenigen Künstlerinnen, an denen ich mich orientiere.

SPIEGEL ONLINE: Goulding ist eine namhafte britische Songwriterin und Sängerin, die vor allem mit dem Song "Lights" international bekannt wurde. Teile von "Crystal Sky" wurden vom Produzententeam Biffco betreut, das auch schon für Goulding arbeitete. Warum ist gerade sie so wichtig?

Meyer-Landrut: Ich habe Ellie Goulding jetzt nicht studiert oder möchte so sein wie sie. Aber ich finde, was sie mit ihrer Musik transportiert, vermittelt ein gutes Grundgefühl. Ich weiß, Mainstream-Pop ist keine Nischenmusik, die Leute für super-cool halten, aber irgendwie ist alles auf seine Weise innovativ, und ich finde es toll, wenn man sich in Musik wiederfinden kann, obwohl sie Mainstream ist.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit einem guten Grundgefühl?

Meyer-Landrut: Ich fühle mich beim Hören gut, weil ich mich verstanden fühle.

SPIEGEL ONLINE: Und das versuchen Sie selbst auch zu vermitteln?

Meyer-Landrut: Ich habe bei diesem Album versucht, wirklich alles auf Platte zu kriegen, was ich zu Musik fühle, und da hat es mir eben sehr geholfen, mich an Ellie Goulding zu orientieren. Es hat mir aber auch geholfen, mit Produzenten und Leuten zusammenzuarbeiten, die meine Weise, mich mit Musik und Texten auszudrücken, verstehen. Alleine kann ich das alles noch nicht, vielleicht ist das in fünf Jahren anders, aber im Moment brauche ich beim Songschreiben noch ein bisschen Hilfe. Das kann Inspiration durch Musik sein oder von Leuten, die mit mir am Tisch sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Ist "Crystal Sky" so geworden, wie Sie es haben wollten?

Meyer-Landrut: Nicht hundertprozentig, weil man ja auch Abstriche macht, wenn zum Beispiel jemand kommt und sagt, dieses oder jenes wäre jetzt aber gut fürs Radio - und das mache ich dann auch, weil's ja am Ende auch ein erfolgreiches Album sein soll. Aber es fühlt sich total gut an. Ich habe viel daran selbst gemacht und bin ziemlich stolz, dass ich es so gut hingekriegt habe.

SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denn in der Zusammenarbeit mit so vielen Profis im Studio gelernt?

Meyer-Landrut: Selbstbewusster mit meinen Ideen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wir dachten immer, Selbstbewusstsein wäre Ihr kleinstes Problem!

Meyer-Landrut: In gewissen Bereichen stimmt das auch, aber beim Songwriting ist das eine ganz andere Geschichte. Du sitzt da plötzlich mit Leuten zusammen, deren Job es ist, Songs zu schreiben. Und du kommst da rein als jemand, der nicht so richtig Ahnung und nur eine vage Idee davon hat, wie das am Ende klingen soll. Alle sind tierisch laut, wirken wahnsinnig kreativ und singen oder summen vor sich hin. Da musst du dann halt selber auch laut sein und dich nicht für deine Ideen schämen.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnten Sie Ihre Hemmungen überwinden?

Meyer-Landrut: Irgendwann merkte ich, dass am Ende oft genau das herauskam, was ich von Anfang an wollte. Also dachte ich: So scheiße können meine Ideen dann ja wohl nicht sein! Das hat mir sehr geholfen, mich durchzuboxen und zu sagen: Ich bin Lena, und wir schreiben jetzt hier ein Lied!

SPIEGEL ONLINE: Was passiert eigentlich, wenn das Album floppt?

Meyer-Landrut: Das wäre gar nicht so schlimm. Ich bin ja total happy damit. Wenn es nicht so toll läuft, dann liegt es nicht daran, dass es schlecht ist, sondern dass es vielleicht einfach nicht in die Zeit passt.

SPIEGEL ONLINE: Geht es Ihnen jetzt auch darum, ein neues Publikum für sich zu erobern? Was ist mit ihren alten Fans?

Meyer-Landrut: Es ist gar nicht so schwer, die mitzuziehen. Die kleinen Mädels, die früher elf, zwölf waren, sind jetzt halt 17 und finden genau das cool, was ich auch cool finde. Hoffe ich zumindest! Was neue Fans betrifft, ist es vielleicht nicht so verkehrt, wenn jemand, der etwas vom neuen Album im Radio hört, erst mal sagt: Hä, wer ist denn das? Das ist Lena? Ist ja gar nicht so scheiße!

Meyer-Landrut 2015: Neue Kühle
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Meyer-Landrut 2015: Neue Kühle

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Probleme mit Ihrem Nimbus als deutsches Pop-Fräuleinwunder?

Meyer-Landrut: Nein, ich bin schon sehr dankbar, dass ich diese große Bühne habe, um mein Album zu präsentieren, das ist doch ein Riesenglück! Ich würde mir aber wünschen, dass Leute weniger Vorurteile haben. Ich erlebe es ganz oft auf Partys, dass Leute mir ins Gesicht sagen, sie hätten gar keinen Bock gehabt zu kommen, wenn ich auch da bin, weil sie dachten, ich sei voll zickig oder arrogant.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das? Einerseits sind Sie "unsere Lena", andererseits finden alle Sie doof?

Meyer-Landrut: Ich glaube nicht, dass mich alle doof finden, aber es gibt eben ganz viele Vorurteile. Die hat ja jeder, ich kann mich selber auch nicht davon freimachen. Ich versuche aber, jedem neuen Menschen, den ich treffe, mein wahres Gesicht zu zeigen, und dann darf der sein Urteil noch mal neu fällen. Die meisten Leute, die ein bisschen Grips haben, tun das dann auch. Und die stellen dann fest, dass ich total nett bin.

SPIEGEL ONLINE: Trifft man Sie oft auf Partys?

Meyer-Landrut: Ich bin eher keine Partymaus und hatte noch nie, auch früher nicht, das Bedürfnis, jedes Wochenende feiern zu gehen. Das hat für mich keinen großen Wert. Auch die ganzen Aftershow-Partys - das ist mir irgendwie egal. Ich bin immer lieber zu Hause als auf Partys. Voll langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Vor Kurzem haben Sie auf Facebook ein Foto von sich im bauchfreien Joggingdress gepostet, was zu einem Kommentarsturm führte: Die einen gaben sich lüstern, die anderen besorgt, wie dünn Sie sind - spielen Sie bewusst mit solchen Aufmerksamkeitserregern?

Meyer-Landrut: Klar macht man manche Sachen gezielt, manche aber auch nicht. Ich finde es schon witzig und auch manchmal absurd, dass es wegen eines Bildes von mir so abgeht.

SPIEGEL ONLINE: In der Öffentlichkeit können Sie keinen Schritt ohne Paparazzi-Begleitung machen. Stresst das?

Meyer-Landrut: Ich freue mich manchmal, wenn ich in Ländern bin, in denen mich keiner kennt. Ich nutze das dann auch aus, gehe komplett ungeschminkt, ziehe an, was ich will und kann mit meinem Freund das machen, was ich möchte. Aber es ist jetzt auch in Deutschland nicht so schlimm, dass es mich in meinem Alltag bedrückt oder so fertig macht, dass ich mich in Luft auflösen will. Solche Momente mit der Fotografenmeute empfinde ich eher als lustig, weil ich das alles auch wirklich nicht ganz so ernst nehme.

Kurzkritik "Crystal Sky"
  • Der Sternenstaub ist verweht, jetzt ist der Himmel klar, so könnte man die Titel des letzten ("Stardust") und des neuen Albums narrativ verbinden. Je weiter ESC-Sieg und Raab-Vormundschaft in die Vergangenheit rücken, desto klarer wird Lena Meyer-Landruts eigene Vorstellung von Popmusik. Vorbild Ellie Goulding klingt auf "Crystal Sky" in vielen Power-Refrains durch, das ist der Beteiligung des Produzententeams Biffco und der Berliner Songwriterin Kat Vinter geschuldet, aber auch Lenas Willen, der Piefigkeit der deutschen Pop-Szene zu entfliehen. Die alte, niedliche Lena ist hier höchstens noch in der Single "Traffic Lights" zu hören, ansonsten dominieren ambivalente Stimmungen sowie elektronische Klänge, Sounds und Rhythmen auf der Höhe der Zeit - "Invisible", "Beat To My Melody" und das in Richtung FKA Twigs strebende "Catapult" sind Highlights. (bor)
Ohne-Worte-Video: Lena Meyer-Landrut sprachlos
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insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
höhenflieger 16.05.2015
1. Ich würde sie eher ...
... als ein Stefan Raab-Opfer bezeichnen. Sieht gut aus aber ihre "Lieder" und ihr "Gesang" ?Da "singen" die bei DSDS momentan noch besser.
goldfuchs 16.05.2015
2. Bin offen für alles....
Aber die 3 samples hören sich echt mies an, sie hätte bei raab bleiben sollen. Der wusste was gut für sie ist.
Hornblower, 16.05.2015
3. Von mir bekommt
Frau Meyer-Landrut alle Zeit, die sie möchte. Sie ist eine absolut intellektuell-glamouröse Erscheinung für Deutschland wie eine Juliette Greco, will sagen, sie wird Philosophen inspirieren, wenn sie erst in dem Alter ist. Kenne von ihr nur diesen Winnersong und da hätte ich den Vorbehalt, dass sie noch lernen muss, sich zuzutrauen zu s i n g e n.
mongolord 16.05.2015
4.
Gefällt mir nicht, das ist meine subjektive Meinung. Bin aber eh kein großer Fan der meisten aktuellen Popergüsse. Objektiv ist die Stimme der guten Lena auch sehr dünn und die drei Probetracks haben für mich jetzt nichts herausragendes. Generell fällt es mir bei vielen Popartists schwer da die künstlerische Leistung großartig anzuerkennen: Für die Musik sind meist mehrere Produzenten(teams) verantwortlich, für die Liedtexte oft noch Textschreiber, übrig bleibt nur der Gesang und der wird am PC auch noch überarbeitet, sodass jeder mittelmässige Sänger/in noch okay klingt.
wanderer777 16.05.2015
5.
Lena scheint ein ausgeglichener Mensch zu sein und gerade das wirkt sehr wolhtuend in einer Branche, die meist nur Extreme und Exzentriker hervorbringt und sich auch an eine Altersgruppe richtet, die ihre harmonische Mitte noch nicht gefunden hat. Bleib so, Lena. Freunde sind mehr wert, als Fans, Bücher wertvoller, als Parties.
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