Musikgenie Bernstein Schaulaufen zum Jubiläum

In diesem Jahre wäre Leonard Bernstein 100 Jahre alt geworden. Das Jahrhundert-Genie lebte Musik wie kein Zweiter. Jetzt erschienen zwei wagemutige Werke in neuen Einspielungen.

imago/ ZUMA Press

Von


Geliebt wollte er werden, am besten von der ganzen Welt, aber nicht um jeden Preis. Leonard Bernstein hinterließ ein immens vielseitiges, forderndes Werk, er dirigierte mit der Intensität und Suggestionskraft eines Magiers. Er brachte jungen Menschen die schwere Klassik nah, weil er gleichzeitig Popmusik verstand und liebte. Und er nutze frühzeitig Medien wie das Fernsehen. Wenn es je ein veritables musikalisches Universalgenie gab, Leonard Bernstein (1918-1990), der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern könnte, war eines. Und er machte es seinem Publikum dennoch nicht leicht.

Natürlich gehören die Songs und Tänze aus "West Side Story" auf immer zum musikalischen Weltkulturerbe, aber weit weniger Konzertgänger kennen etwa seine Violin-"Serenade" aus dem Jahr 1954 oder das riesige Oratorium "Mass".

Zwei Extreme in Bernsteins Werk, die nun in temperamentvollen Neuaufnahmen vorliegen. Die frische Einspielung der Serenade stammt schon aus dem letzten Jahr, wurde also ein wenig früh fürs Jubeljahr abgeschossen. Dafür aber sehr forsch realisiert und eben doch eine mustergültige Beigabe zum allseitigen Gedenken.

Zwei Extreme in Bernsteins Werk

Der Violin-Virtuose Kolja Blacher, Sohn des stilistisch vielseitigen baltischen Komponisten Boris Blacher (1903-1975), nahm sich die Serenade gemeinsam mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn vor. Vernünftigerweise dirigierte Blacher das anspruchsvolle fünfsätzige Werk gleich selbst, was dank einer innigen Symbiose zwischen Ensemble und Solist zu schönster Klangbalance führte.

Kolja Blacher, 1963 in Berlin geboren und Schüler der New Yorker Juilliard School, kann sehr vieles sehr gut, und seine Wandlungsfähigkeit und Vorstellungskraft muss er wohl vom Vater geerbt haben. Daher gelang es ihm so mitreißend, die um die Ecke gedachten Visionen Bernstein nachzuvollziehen.

ANZEIGE

Die "Serenade" hat Personen der bekannten "Gastmahl"-Dialoge von antiken Philosophen Platon zum Thema, in typisch Bernstein-typischem emotionalen Überschwang komponiert, mit allen Zutaten feiner Charakterzeichnung. Schließlich geht es in den klassischen Texten dieses Symposions um Erotik und den Liebesgott Eros.

Der Start mit der Phaedrus/Pausanias-Gegenüberstellung setzt nach dem Lento-Aufgalopp virtuos akzentuierte Allegro-Akzente, das nur 90 Sekunden währende Eryximachos-Presto wirbelt wie eine Kette blitzender Argumente. Das flink-virtuose Finale zwischen Sokrates und dem Athener Politiker und Heißsporn Alkibiades geben Kolja Blacher reichlich freie Flugbahn für die technische Brillanz seines Geigenspiels.

Fotostrecke

7  Bilder
Musikgenie Bernstein: Blachers Serenade fürs Jubiläum

Die Idee, diese gut geölte violinistische Denksportaufgabe im Rahmen der CD Joseph Haydns C-Dur-Violinkonzert voranzustellen, funktioniert prächtig. Schließlich war Haydn wie Bernstein ein immens produktiver Musik-Erfinder und Orchesterleiter voller revolutionärer Ideen. Sein Sinn für Klang, Wirkung und sinnliches Feuerwerk manifestierte sich in nahezu allen seinen Werken. Diese feinen Verbindungslinien markiert das rasant aufspielende Württembergische Top-Ensemble sehr nachvollziehbar.

Was für eine andere Welt fächert dagegen Leonard Bernsteins "Mass" auf! Eine "Messe", die nach einer szenischen Darstellung auf der Opernbühne verlangt und in dieser theatralischen Wirkung Giuseppe Verdis "Messa da Requiem" nicht unähnlich ist.

Nicht alles gelang optimal

Diese grande Messe gebärdet sich sperrig: Einerseits liturgische Texte, andererseits Ironie und Satire, Musik zwischen Jazz, Pop, Atonalem, dazu Elemente des klassischen wie experimentellen Musicals ohne griffige Ohrwürmer. Die "Geschichte": Glaubenszweifel eines engagierten Priesters. Und das Ganze voller Zeitbezug zu den 60er Jahren und politischen Anspielungen, die heute nicht mehr brandaktuell sind.

Dies alles überzeugend aufzubereiten, hatten sich auch Dirigent Yannick Nézét-Séguin und das Philadelphia Orchestra samt einer kompetenten Sangesbrigade von der dortigen Temple University vorgenommen. Das Lebendige und Interessante der Live-Neuaufnahme (Deutsche Grammophon) bietet paradoxerweise der Eindruck, dass nicht alles optimal gelang bei der Bewältigung dieser vokalen Riesenherausforderung. Doch eben weil bei den Stimmen nicht elegante Perfektion regiert, sondern Emotion und Ausdruck, berührt die Messe als packendes Zeitstück.

ANZEIGE

Bernstein wollte halt sehr vieles mit diesem Auftragswerk, das ihm Jacqueline Kennedy als Premierenstück für die Eröffnung des "John F. Kennedy Centers of Performing Arts" in Washington D.C. im Jahre 1971 eingebrockt hatte. Den Mix aus katholischer Messe und der persönlichen Glaubenskrise des Protagonisten formte Bernstein mit Komplexität und Tiefe - vor künstlerischen Herausforderungen drückte sich das Jahrhundert-Genie Bernstein bekanntlich nie.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.