Leonard Cohen und Marianne Ihlen Ein letztes "So Long"

Viele Frauen prägten das Leben von Leonard Cohen - doch die Beziehung zu der Norwegerin Marianne Ihlen inspirierte den Musiker wie keine andere. Im Sommer schrieb der Musiker ihr einen emotionalen Abschiedsbrief.

Getty Images/ James Burke/ The LIFE Picture Collection

Eine Geschichte, die berührt wie manch ein Leonard-Cohen-Song: Im Juli dieses Jahres erreicht Cohen eine E-Mail von Jan Christian Mollestad, einem engem Freund seiner einstigen Muse Marianne Ihlen.

Marianne sei krank, sie leide an Krebs und hätte nur noch wenige Tage zu leben. Cohen schreibt ihr sofort zurück: "Ich denke, ich werde dir sehr bald folgen. Wisse, dass ich so dicht hinter dir bin, dass du meine Hand berühren kannst, wenn du deine Hand ausstreckst."

Zwei Tage später ist Marianne Ihlen tot. Sie soll ihre Hand ausgestreckt haben, als Freunde ihr Cohens Zeilen vorgelesen haben. Ein letzter Gruß, ein letztes "So Long" - Angehörige schreiben Cohen noch einen Brief zurück: "Ihr Segen für die Reise gab ihr zusätzliche Stärke."

Zur Veröffentlichung von Leonard Cohens letztem Album "You Want It Darker" ist in dem US-Magazin New Yorker ein hervorragendes Porträt des Singer-Songwriters erschienen, in dem der Autor die Briefe, aber auch die Beziehung zwischen dem Sänger und Marianne Ihlen beschreibt.

Als er Marianne im Publikum erblickt, bricht Cohen zusammen

"Du wirst einen Mann treffen, der mit goldener Zunge spricht", hörte die Norwegerin Marianne Ihlen immer wieder von ihrer Großmutter. Sie sollte Recht behalten: Auf der griechischen Insel Hydra lernt Ihlen den Dichter und Musiker Leonard Cohen kennen. Er hatte sich dort niedergelassen, um an seinen Romanen und Gedichtbänden zu schreiben. Ihlen war mit ihrem Sohn in einem Lebensmittelladen, wollte noch Milch und Mineralwasser mitnehmen, als Cohen plötzlich in der Eingangstür stand. Ob sie nicht mitkommen wolle, er sei gerade mit Freunden unterwegs.

Marianne Ihlen kam mit. Die beiden verbringen mehr und mehr Zeit miteinander, am Strand, auf der Terrasse. Es dauert nicht lange, bis Ihlen und ihr Sohn zu Cohen ziehen. Acht Jahre hält die Beziehung. Als Cohen immer öfter die Insel verlässt, um seine Karriere in die Spur zu setzen, trennen sie sich, bleiben aber befreundet. Ihlen und ihr Sohn ziehen zurück nach Norwegen, Leonard Cohen verändert derweil die Folkmusik auf ewig. Ein paar seiner berühmtesten Songs handeln von Marianne. "Hey, That's No Way to Say Goodbye" und "Bird on the Wire", "So Long, Marianne" natürlich auch.

1972 spielt Leonard Cohen ein Konzert in Jerusalem. Als er "So Long, Marianne" anstimmt, erblickt er Marianne im Publikum. Er beginnt zu weinen, dreht sich zu seinen Mitmusikern, sie weinen ebenfalls. Im Backstage-Raum versuchen sie, sich zu beruhigen, doch es gelingt nicht. Cohen tritt noch einmal ans Mikrofon: "Hört her, Leute, meine Band und ich weinen hinter der Bühne. Wir sind zu aufgewühlt, um weiter zu machen. Aber ich will euch sagen: Danke und gute Nacht."

jwh



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mantrid 11.11.2016
1. Danke!
Danke für die wundervolle Musik, die wundervollen Worte. Die größte Anerkennung ist es wohl, wenn andere Künstler Werke auch für sich entdecken, sei es "Halleluja" oder "First we take Manhattan" und viele andere. ein großartiger Künstler hat uns verlassen, doch seine Musik bleibt bei uns.
yogi65 11.11.2016
2. Sehr bewegend
habe das Lied "So Long Marianne" vor weit über 30 Jahren sehr gemocht, ohne die Geschichte dahinter zu kennen. Aber am Ende schließt sich der Kreis dann wieder Ein Poet mit unvergleichlicher Tiefe.
j.w.pepper 11.11.2016
3. 2016 war ein schlimmes Jahr
Und ich meine jetzt ausnahmsweise nicht den Brexit und die Wahl von Trump. Aber es ist erstaunlich, wie viele große Künstler uns in diesem Jahr verlassen haben. Und dennoch, Cohens Tod ist der einzige, der (wenn auch unterstützt durch die vielen wunderbaren Stories aus seinem Leben) bei mir Tränen verursacht. Sicher deshalb, weil er Teil meiner wirklichen Jugend war und Bowie und Prince irgendwie nicht. Aber mir fehlt jetzt etwas, auch wenn ich Cohens späteren Werke nur rudimentär verfolgt habe. Suzanne und Marianne und Joan of Arc werden mich weiter begleiten.
ren.euw@bluewin.ch 11.11.2016
4. Nobelpreis
Bob Dylan ist ein würdiger Nobelpreisträger. Aber Leonard Cohen hätte die Ehre mehr verdient. So long Leonard, you'll never speak and sing no more from this broken hill!
Knossos 11.11.2016
5. Vor fast vierzig Jahren
ging die größte Zeit populärer Musik und musikalische sowie unwiederholbare Schaffensphase zuende (und mit ihr der höchste zivilisatorische Stand der Neuzeit). Und seit über 15 Jahren stirbt das Groß ihrer Schöpfer weg. Jedesmal zusammen mit besonderen Erinnerungen eine traurige Lücke hinterlassend. Heute würde Leonard Cohen allenfalls von Indielabeln angenommen. Und auch das wohl nur, nachdem er durch Autotune gegangen wäre. Er hat es gut getroffen. Ihn hat es relativ gut getroffen. Und meiner eines ist froh, jene Zeit erlebt haben zu dürfen. Cohen auf dem Plattenteller, und Schönstes in Kerzenlicht. Prickelndes Stilleben des Daseins. Danke, Mann; danke.
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