Jazzsängerinnen: Töchter Mannheims

Von Hans Hielscher

Neues vom Vocal Jazz: Mit Les Brünettes treten vier deutsche Sängerinnen auf die Bühne. Die Schwedin Jessica Pilnäs hat eine Hommage an Peggy Lee aufgenommen - und präsentiert sich als Vamp im Stil der fünfziger Jahre.

Jazzsängerinnen: Zwischen Fifties und Motown Fotos
Marius Engels

Das Vergnügen beginnt mit "Bye, Bye Blackbird". Doch den Jazzstandard, den viele Miles-Davis-Fans kennen, intonieren nicht Instrumente, sondern vier Stimmen: junge Sängerinnen, die sich beim Studium in Mannheim kennenlernten und nun die A-cappella-Gruppe Les Brünettes bilden. Frisch und intonationssicher summt und trillert das Quartett "Round Midnight", "Die Gedanken sind frei" sowie eigene Songs. Routiniers wie der Bassist Thomas Stabenow haben die Stücke arrangiert. Klasse! Die Debüt-CD von Les Brünettes ist die überraschendste deutsche Vocal-Jazz-Platte seit langem!

Les Brünettes erblühen während einer anhaltenden Renaissance des Jazzgesangs. Denn seit den Erfolgen von Diana Krall und Norah Jones schwappt eine Flut von Sängerinnen auf den Markt, viele kommen aus Skandinavien. Freilich schwimmen im vocal boom neben Talenten auch taube Nüsse. Da werden junge Frauen gepusht, die aufgrund ihres Aussehens in Glamour-Magazinen reüssieren könnten, die aber mitnichten über die Stimme und Musikalität für eine Gesangskarriere verfügen.

Souliger Motown-Sound

Zum Glück gibt es Monat für Monat auch interessante Neuheiten. Ende August gehört dazu ein Album der Schwedin Jessica Pilnäs. Sie singt Stücke aus dem Repertoire von Peggy Lee (1920-2002), darunter den Welthit "Fever". Lee hieß bürgerlich Norma Deloris Egstrom und hatte schwedische Vorfahren. Benny Goodman entdeckte die 20-Jährige, die später auch in Broadway-Shows und Hollywood-Filmen spielte. Ihren Erfolg als Sängerin verdankte Lee nicht einer virtuosen Stimme, sondern ihrer Fähigkeit, Inhalte und Gefühle subtil zu vermitteln. Ungewöhnlich für ihre Zeit schrieb Lee auch eigene Lieder und Texte. Pilnäs verehrt deshalb die Amerikanerin als "eine der ersten Singer/Songwriter". Während Lee meist von großen Orchestern begleitet wurde, hat Pilnäs ihr "Tribut to Peggy Lee" minimalistisch mit Bass, Vibraphon und Trompete aufgenommen (bei 4 von 13 Titeln kommt ein Streichquartett hinzu). Es wurde eine hörenswerte CD, jazzig mit Pop-Anklängen.

Robin McKelle lässt dagegen den souligen Motown-Sound aufleben. Mit Orgel und einem Trompete-Sax-Posaune-Bläsersatz hinter sich singt sie überwiegend eigene Stücke. Die 36-Jährige kann komponieren, denn sie studierte klassisches Klavier und spielte Flügelhorn, ehe sie Background-Sängerin wurde. Seit ihrem Sieg bei der "Thelonius Monk Vocal Jazz Competition" 2004 tritt McKelle als Solistin auf . Wie gut sie ist, demonstriert ihr Album "Soul Flower".

"Warum dieses Naturtalent nicht längst auf den Bühnen der Welt steht", fragte der Jazzexperte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", als er die Afro-Amerikanerin Denise King im März in Frankfurter Jazzkeller hörte. Die "kleine Sängerin mit dem voluminösen Resonanzkörper" biete zwar vorwiegend das Standard-Repertoire des Jazz, aber - so der Rezensent Wolfgang Sandner - "mit so vielen warmen Klangfarben, wie man das selten einmal zu hören bekommt". Seit gestern kann man Denise King hören, so oft man will - auf ihrem Album "No Tricks".


CDs:
Les Brünettes: Les Brünettes (Herzog Records);
Jessica Pilnäs: Norma Deloris Egstrom - A Tribute To Peggy Lee (ACT);
Robin McKelle & The Flytones: Soul Flower (RCA/Sony);
Denise King & Oliver Hutman Trio: No Tricks (Cristal Records).

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Afrikanische Saengerinnen
DieAntwort 01.09.2012
Als bestes Beispiel gilt mir Lize Ehlers aus Namibia. Auf finnischem Streamradio ist sie ein Hit, im Rest der Welt ungehoert. Unerhoert....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Musik
RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Klassik/Jazz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 9/2012 Kluge Gedanken in 140 Zeichen: Aphorismen auf Twitter


Facebook