Von Hans Hielscher
Das Vergnügen beginnt mit "Bye, Bye Blackbird". Doch den Jazzstandard, den viele Miles-Davis-Fans kennen, intonieren nicht Instrumente, sondern vier Stimmen: junge Sängerinnen, die sich beim Studium in Mannheim kennenlernten und nun die A-cappella-Gruppe Les Brünettes bilden. Frisch und intonationssicher summt und trillert das Quartett "Round Midnight", "Die Gedanken sind frei" sowie eigene Songs. Routiniers wie der Bassist Thomas Stabenow haben die Stücke arrangiert. Klasse! Die Debüt-CD von Les Brünettes ist die überraschendste deutsche Vocal-Jazz-Platte seit langem!
Les Brünettes erblühen während einer anhaltenden Renaissance des Jazzgesangs. Denn seit den Erfolgen von Diana Krall und Norah Jones schwappt eine Flut von Sängerinnen auf den Markt, viele kommen aus Skandinavien. Freilich schwimmen im vocal boom neben Talenten auch taube Nüsse. Da werden junge Frauen gepusht, die aufgrund ihres Aussehens in Glamour-Magazinen reüssieren könnten, die aber mitnichten über die Stimme und Musikalität für eine Gesangskarriere verfügen.
Souliger Motown-Sound
Zum Glück gibt es Monat für Monat auch interessante Neuheiten. Ende August gehört dazu ein Album der Schwedin Jessica Pilnäs. Sie singt Stücke aus dem Repertoire von Peggy Lee (1920-2002), darunter den Welthit "Fever". Lee hieß bürgerlich Norma Deloris Egstrom und hatte schwedische Vorfahren. Benny Goodman entdeckte die 20-Jährige, die später auch in Broadway-Shows und Hollywood-Filmen spielte. Ihren Erfolg als Sängerin verdankte Lee nicht einer virtuosen Stimme, sondern ihrer Fähigkeit, Inhalte und Gefühle subtil zu vermitteln. Ungewöhnlich für ihre Zeit schrieb Lee auch eigene Lieder und Texte. Pilnäs verehrt deshalb die Amerikanerin als "eine der ersten Singer/Songwriter". Während Lee meist von großen Orchestern begleitet wurde, hat Pilnäs ihr "Tribut to Peggy Lee" minimalistisch mit Bass, Vibraphon und Trompete aufgenommen (bei 4 von 13 Titeln kommt ein Streichquartett hinzu). Es wurde eine hörenswerte CD, jazzig mit Pop-Anklängen.
Robin McKelle lässt dagegen den souligen Motown-Sound aufleben. Mit Orgel und einem Trompete-Sax-Posaune-Bläsersatz hinter sich singt sie überwiegend eigene Stücke. Die 36-Jährige kann komponieren, denn sie studierte klassisches Klavier und spielte Flügelhorn, ehe sie Background-Sängerin wurde. Seit ihrem Sieg bei der "Thelonius Monk Vocal Jazz Competition" 2004 tritt McKelle als Solistin auf . Wie gut sie ist, demonstriert ihr Album "Soul Flower".
"Warum dieses Naturtalent nicht längst auf den Bühnen der Welt steht", fragte der Jazzexperte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", als er die Afro-Amerikanerin Denise King im März in Frankfurter Jazzkeller hörte. Die "kleine Sängerin mit dem voluminösen Resonanzkörper" biete zwar vorwiegend das Standard-Repertoire des Jazz, aber - so der Rezensent Wolfgang Sandner - "mit so vielen warmen Klangfarben, wie man das selten einmal zu hören bekommt". Seit gestern kann man Denise King hören, so oft man will - auf ihrem Album "No Tricks".
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